"Unsere Arbeit ist durchaus effizient"

München - Erst wird exzessiv ferngesehen, dann zugeschlagen - einen solchen Zusammenhang stellen (nicht nur) Politiker immer wieder her. In jüngster Zeit mussten sich Deutschlands Privatsender mit dem Vorwurf auseinandersetzen, durch gewalthaltige Bilder der Verrohung von Kindern und Jugendlichen Vorschub zu leisten.

Unsere Zeitung sprach darüber mit Wolf-Dieter Ring (66), Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) und Vorsitzender der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) der Landesmedienanstalten.

Im Zusammenhang mit den jüngsten Gewalttaten Jugendlicher hat der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) dem Fernsehen eine Mitschuld gegeben und explizit die Sender Super RTL und RTL 2 genannt. Hat er da recht?

Wenn er Super RTL in einem Atemzug mit RTL 2 nennt und seine doch sehr allgemein formulierte Kritik auf diese beiden Sender bezieht, dann hat er nur teilweise recht.

Was RTL 2 angeht, liegt er also richtig?

Es ist schon so, dass es bei diesem Sender in den Jahren 2005 und 2006 zwölf Verstöße gegen geltendes Recht, genauer gesagt gegen das Jugendschutzrecht gegeben hat. Insofern liegt er richtig, wenn er Verstöße moniert.

Hat es sich da um übertriebene Gewaltdarstellungen gehandelt?

Gewalt stand da weniger im Vordergrund. Es ging darum, dass - im Zusammenhang mit "Big Brother"-Sendungen - Minderjährige dazu verführt wurden, sich Klingeltöne fürs Handy aus dem Internet runterzuladen und dafür viel Geld auszugeben.

Inzwischen hat sich auch die bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU) in die Debatte eingeschaltet und mit Blick auf die Privatsender gefordert, Gewaltdarstellungen vor 20 Uhr ganz zu verbieten.

Diese Darstellung erweckt den Eindruck, dass die Programme der Privaten hauptsächlich von Gewalt geprägt seien. Das ist nicht richtig. Andererseits gibt es auch problematische Gewaltdarstellungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Ich denke da an die Reihe "SOKO" im Vorabendprogramm des ZDF oder an den "Tatort" in der ARD, der ja schon fast zum Familienprogramm geworden ist. Das sind, wie wir wissen, Formate, die von vielen gesehen werden, von Kindern aber besser nicht gesehen werden sollten. Es fällt auf, dass die Politik außerordentlich einseitig mit ihrer Kritik an Inhalten immer die privaten Sender meint.

Beate Merk hat sogar eine "entschiedene technische Kontrolle" gefordert für den Fall, dass "die Selbstkontrolle nicht greift". Das ist doch eigentlich auch ein Affront gegen Ihre Behörde.

Ich weiß nicht, was Beate Merk damit meint, wenn sie Gewaltdarstellungen durch eine technische Kontrolle abgestellt wissen will. Aber sie verweist ja auch auf die Selbstkontrolle, und das finde ich richtig. Unsere Medienaufsicht ist ja dadurch definiert, dass die Sender im Rahmen von Einrichtungen der Freiwilligen Selbstkontrolle - für das Fernsehen die FSF - in die Verantwortung einbezogen sind. Sie sollen tätig werden, bevor überhaupt eine Kommission für Jugendmedienschutz ihre Aufgabe wahrnehmen muss. Außerdem sind - mit dem gleichen Ziel - die Programmveranstalter dazu verpflichtet worden, unabhängige Jugendschutzbeauftragte zu benennen. Nicht zuletzt müssen aber auch die Eltern ihre Verantwortung wahrnehmen und dafür sorgen, dass Kinder keiner Gefährdung ausgesetzt werden. Alles das heißt nicht, dass ich mich als Vorsitzender der KJM nicht zu meiner Aufgabe bekenne. Wir haben im Laufe der fast fünf Jahre, die es dieses Instrument inzwischen gibt, auch eine Vielzahl von Fällen aufgegriffen und entsprechende Verfahren durchgeführt. Unsere Arbeit ist durchaus effizient.

Dann haben die beiden Politiker also an der Sache vorbeigeredet?

Das will ich nicht sagen, auch wenn ich die Kritik vor allem von Günther Oettinger als sehr pauschal empfinde. Ich begrüße es, dass sich die Politik kritisch mit dem Angebot der Fernsehsender auseinandersetzt.

Würden Sie aus Ihrer Praxis sagen, dass die Zahl gewalthaltiger Filme und Serien im Privatfernsehen eher zu- oder eher abnimmt?

Das ist schwer zu sagen. Die Zahl der Programme nimmt kontinuierlich zu, da nehmen natürlich einerseits die Probleme zu, andererseits gibt es auch viel Positives, gerade bei den digitalen Kanälen. Insofern sehe ich da keine prinzipielle Veränderung. Was uns fordert - weil wir dafür unter anderem auch zuständig sind ­, ist das, was wir im Internet jeden Tag an frei zugänglichen Angeboten zu sehen bekommen. Ich würde mir wünschen, dass sich die Politik auch einmal damit beschäftigt. Im Vergleich zum Internet ist das Fernsehen geradezu harmlos.

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