Der Vater der Mainzelmännchen

Mainz - Wenn Wolf Gerlach heute seinen 80. Geburtstag feiert, gratulieren nicht nur seine vier leiblichen Kinder, sondern auch ein Dutzend gezeichnete ­ die Mainzelmännchen. Mit ihnen schrieb der Künstler Fernsehgeschichte.

Eigentlich sieht Wolf Gerlach nicht nach dem aus, was ihn berühmt gemacht hat. Zum Glück, denn gliche er seinem bekanntesten Produkt, wäre er klein und rund, trüge eine alberne Mütze und riefe dauernd "Gudn Aaabnd". Doch auch sonst erinnert Wolf Gerlach eher an einen Prokuristen als an den vielleicht erfolgreichsten Comiczeichner Deutschlands, mit seinem akkurat gestutzten Bart und seinem Arbeitseifer.

"Fleiß" ­ mit nur diesem einen Wort beschreibt Gerlach das Geheimnis seines Erfolges. Und diese Tugend führt direkt zum Ursprungsmythos jener Gruppe Wichte, die sein größter Wurf werden sollten. Lachend erinnert sich der Zeichner an die Gründungsphase des ZDF. Im Jahr 1962 hörte der junge Werbefilmer, "dass die Aufbauhelfer des Mainzer Senders ungeheuer emsig waren". Wie die Heinzelmännchen eben. Zur Wortschöpfung war es da nur noch ein Zwergenschritt.

"Nicht meine", gesteht Wolf Gerlach ein halbes Menschenleben später. Aber er habe sie im Gedächtnis gefunden, als ihn Karl Holzamer, damals Intendant in spe, zum Sendestart des Zweiten um Entwürfe eines Reklamepausenfüllers bat ­ figürlicher, plakativer als bis dato geplante Blumen im Zeitraffer, zeitgemäßer als die angedachte Schar von Pinguinen. Der Begriff Mainzelmännchen, da lächelt Gerlach, "war buchstäblich ein Standortvorteil".

Und so haben Anton, Berti, Conni, Det, Edi und Fritzchen aus dem Jungen von der Nordseeinsel Langeoog einen kosmopolitischen Künstler gemacht, aus dem einfachen Bühnenbildner einen wohlhabenden Comiczeichner, aus dem vierfachen Vater einen zehn-, vierzehn-, sechzehnfachen. "Neben meinen leiblichen Kindern habe ich so viele gezeichnete", sagt er daheim im niedersächsischen Bad Zwischenahn.

Gerlach sinniert darüber, welche er öfter gesehen hat in den letzten 45 Jahren. "Als ich noch in Braunschweig am Theater war", erzählt er beim Tee, "habe ich meinen Ältesten mal nachts aufgeweckt, weil ich ihn 14 Tage nicht zu Gesicht bekommen hatte". Fleiß lang vor den Mainzelmännchen also ­ und mit ihnen noch mehr.

Es waren nicht seine Ebenbilder, aber doch Reminiszenzen an seine Rastlosigkeit, Beweise seiner Bodenhaftung. Schon in der Schule, so gesteht er, habe er sich Kobolde erdacht, die ihm vorsagen. Eigentlich hat er also seinen Traum verwirklicht, lustig und immer nett. Wenn auch anfangs nicht nett genug. "Als ich mit den Entwürfen zu Holzamer kam, waren sie ihm ein bisschen zu sehr ,Deutscher Michel, zu ernst", erinnert er sich. Die Mundwinkel gingen also nach oben, die Mützenzipfel nach vorn. Mehr französischer Freiheitskämpfer als teutonischer Nachtwächter, aber nie politisch, das weist Gerlach von sich. "Viele haben geschimpft, ich mache auf heile Welt. Aber das ist für mich kein Schimpfwort."

Auch den Zuschauernachwuchs in die Werbeblöcke gelotst zu haben, bereitet ihm keine Bauchschmerzen. Reklame gebe es überall. Außerdem seien die Mainzelmännchen kein Produkt für Kinder allein. Und anders als der "Onkel Otto" vom Hessischen Rundfunk hätten weder die Urkobolde noch deren Epigonen von Ute, Schnute und Kasimir bis zu Leo und Leo je produktbezogen herumgealbert, geschweige denn (abgesehen vom Merchandising) als Werbeträger gedient. Es sind nur Auswüchse seiner Fantasie, die sekundenweise zwischen den Werbespots abstrahieren. Millionenfach, betont Gerlach. So oft habe er seine Babys gezeichnet, ohne dass sie ihm je zum Hals heraus hingen. Das liege an seinem kindlichen Gemüt ­ und am Arbeitsethos.

Tausende Einspieler gibt es, und jedes Jahr liefert die "Neue Filmproduktion" bis zu 650 neue nach, seit dem Jubiläum vor vier Jahren im modernen Gewand, nun um zwei Mainzelmädchen ergänzt, mit Handys statt überdimensionalem Scheibentelefon wie zu Gerlachs Zeiten. Ob ihn der Imagewandel zum Abschied gestört hat? "Nein, nie", sagt er ein wenig zu schnell, um glaubhaft zu klingen. Sicher, die ersten Versuche seien 2003 "in die Hose gegangen. Das ZDF wollte die Figuren neu erfinden". Aber als man sich zurückbesann auf Gerlachs reduktiven Charme, da habe es geklappt. Papa war zufrieden.

Auch, weil er jetzt Zeit für seine alte Leidenschaft hat ­ den Expressionismus. Comics, sagt er offen, "sind mir eigentlich ein Gräuel". Deswegen hat er sie auch, aus Angst, sich selbst zu kopieren, stets gemieden. So hängen an den Wänden weit mehr eigene Gemälde als Mainzelmännchen, sie zeigen sein Lieblingsmotiv Mallorca, wo er auch seinen Geburtstag feiern wird.

Doch nach der Rückkehr geht es zurück an die Staffelei. Eine Ausstellung in Nürnberg läuft an, die Malerei wartet nicht, nicht in dem Alter, sein Kopf stecke noch voller Ideen. Auch wenn sie sich den Platz mit den Mainzelmännchen teilen müssen. Er sieht sie, wann immer er kann, und freut sich, dass Jahr für Jahr junge Fans hinzukommen. Sie sehen zwar nicht mehr Gerlachs Figuren, aber seine Ästhetik. Und manchmal, da hören sie seinen Ruf, das gekrächzte "Gudn Aaabnd". Es ist Wolf Gerlachs Stimme. Ein Arbeitstier wie er überlässt eben nichts dem Zufall.

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