Vergeltungsschlag

- Sie sprechen über ihre Beziehung. Sie glaubt, er will sie verlassen. Er beschwichtigt. Er will keine Trennung. Sie essen und trinken in einer Dorfgaststätte. Die Diskussion geht bis spät abends. Sie setzt sich zunächst ans Steuer ­ der Alkoholgenuss spielt für die beiden keine Rolle. Plötzlich ein dumpfer Stoß. Vor dem Kastenwagen des Tischlerehepaars liegt im fahlen Licht des Autoscheinwerferkegels eine Frau. Der Körper liegt regungslos neben dem Fahrrad, auf dem sie saß. Das Ehepaar ergreift die Flucht.

Max (Justus von Dohnanyi) will sich bei der Polizei melden, seine Frau Corinna (Katharina Böhm) hält ihn davon ab. So nehmen "Schuld und Rache", wie der heutige ZDF-Fernsehfilm heißt, ihren Lauf. Daheim in der Tischlerwerkstatt herrscht Katerstimmung. Max‘ Geschäftspartner Nils (Tim Bergmann) hilft den beiden, den beschädigten Unfallwagen verschwinden zu lassen. Unruhig beginnt Max, Nachforschungen anzustellen und nach dem Unfallopfer zu suchen. Doch er findet keine Anhaltspunkte. Die Schuldgefühle wachsen, in der Ehe wird das Klima wieder gereizter, es kommt wieder zu Konflikten.

Folgenreicher Beziehungsunfall

Danach nimmt das ZDF-Drama mit Thriller-Elementen eine nicht alltägliche Wendung. Eines Tages kommt die junge Steuerberaterin Tina (Lisa Martinek) in die Werkstatt und bestellt Regale für ihr neues Büro. Sie behauptet, sie sitze seit einem Unfall beim Bergsteigen mit einer Querschnittslähmung im Rollstuhl. Max ist gerührt. Die Gespräche werden länger und vertrauter. Dann outet sich Tina als Opfer des Verkehrsunfalls und entlarvt Max und Corinna als Täter. Aber statt zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten, plant das Opfer eine ganz spezielle Form der Rache, damit die Schuldigen ihres Lebens nicht mehr froh werden.

"Die Angst treibt Corinna und Max deshalb so panisch an, weil sie nicht den eigentlichen Konflikt und seine Lösung im Auge haben", erklärt Autor Detlef Michel (62), der unter anderem die "Reise in die Dunkelheit" (ZDF) über einen Alzheimer-erkrankten Mann schrieb.

"Für Max und Corinna wird dieser Unfall zur Metapher des eigenen Lebens, ihrer angeschlagenen Beziehung. Genau genommen gibt es zwei Unfälle: den Verkehrsunfall und den Beziehungsunfall." Für das Opfer und sein Rachegefühl ergibt sich laut Michel aus der Annäherung zu den Tätern auch eine neue Situation, denn gerade mit Max begegne Tina ein ganz normaler Mensch und sie frage sich: "Mir hätte das auch passieren können."

Für Regisseur Martin Enlen ist "Schuld und Rache" einer der "kammerspielartigsten Filme die ich je machen konnte". Für ihn war es die erste Zusammenarbeit mit Michel, "der es wie kaum ein anderer versteht, das dramatische Schicksal von Personen mit einer überraschenden, spannenden Handlung zu verknüpfen". Er wünscht sich, dass sich "diese außergewöhnliche Stimmung, trotz der Schwere des Stoffs, auch auf den Zuschauer übertragen wird". Autor Michel arbeitet bereits an einem neuen Drama: Er will die Geschichte einer in den bürgerlichen Traditionen verwurzelten Familie erzählen, die an der Moderne zerbricht.

ZDF, heute, 20.15 Uhr.

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