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„Wir krakeelen nicht ,Lügenpresse’“: Kabarettist Max Uthoff nimmt gerne einmal die Medien aufs Korn. ZDF

Interview

Max Uthoff: „Es ist viel mehr Arbeit, als ich dachte“

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München - Max Uthoff spricht im Interview über zwei Jahre „Die Anstalt“ im ZDF, Kabarett in Krisenzeiten, die AfD und seinen Weg auf die Bühne.

+++UPDATE: Wegen der Terroranschläge in Belgien wird "Die Anstalt" heute (22. März) nicht ausgestrahlt, sondern lediglich aufgezeichnet. Das ZDF zeigt die Sendung voraussichtlich am Dienstag, 5. April, um 22.15 Uhr.

Sie ließen in ihrer Sendung auch schon einmal einen Flüchtlingschor auftreten und eine Überlebende von Auschwitz. Dass Max Uthoff (48) und Claus von Wagner (38) ihr Publikum kalt lassen, kann man nicht behaupten. Seit gut zwei Jahren gibt es „Die Anstalt“ im ZDF, und obwohl die Quoten im Schnitt etwas schwächer sind als die der Vorgängersendung „Neues aus der Anstalt“, sorgen die beiden Münchner Kabarettisten mit ihrer messerscharfen Satire regelmäßig für Furore. Attacken gegen Journalisten wurden sogar bereits Gegenstand von Gerichtsverfahren. Vor der heutigen Ausgabe, zu sehen um 22.15 Uhr, sprachen wir mit Max Uthoff, der auch solistisch unterwegs ist, derzeit mit seinem Programm „Gegendarstellung“.

In der Februarsendung haben Sie eine Nummer gespielt zu den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln. Tenor war sinngemäß, dass man nicht voreilige Schlüsse ziehen sollte, weil noch viel zu wenig bekannt sei über Tatbestände und Täter. Wenn in Sachsen ein Flüchtlingsheim brennt, und ein Politiker sagt: „Wir müssen jetzt erst einmal prüfen, ob es einen rechtsradikalen Hintergrund gibt“, würden Sie sich doch auch – zu Recht – empören...

Max Uthoff: Es ging uns nicht darum, die Übergriffe auf Frauen zu bagatellisieren. Die waren schlimm, und die Täter müssen natürlich bestraft werden. Wir wollten uns nur gegen die offizielle Darstellung wenden, dass in dieser Nacht etwas passiert sei, was es noch nie zuvor in diesem Land gegeben habe.

Das „Antanzen“ als hinzunehmende Normalität?

Uthoff: Wenn man die hohe Zahl der Anzeigen hinterfragt, wird einem natürlich unterstellt, das Leid der Frauen, die wirklich überfallen wurden, zu relativieren. Das wollen wir nicht. Aber wenn man überlegt, dass es am 4. Januar gerade einmal 15 Anzeigen wegen sexueller Übergriffe gab – das ist traurig genug, aber für einen Silvesterabend völlig normal. Erst die Multiplikation von Horrorgeschichten in rechtsradikalen Netzwerken hat dann zu der Hysterisierung der Öffentlichkeit geführt.

Heißt das, dass man auch Zahlen zu Übergriffen auf Asylbewerberunterkünfte kritisch sehen muss?

Uthoff: Statistiken sind immer mit Vorsicht zu genießen, aber es ist ja schon so, dass es offizielle Polizeistatistiken gibt, nach denen es schon über tausend Anschläge auf Unterkünfte gab. Die Anzeigen von Köln sind Anzeigen, die jetzt abgearbeitet werden. Wie viele Anklagen und Urteile es am Ende gibt, bleibt abzuwarten.

In einem Interview haben Sie einmal gesagt, dass es die Arbeit der Journalisten ist, zu differenzieren, und die der Kabarettisten, die Dinge zuzuspitzen. Nun arbeiten Sie ja in Ihrer Sendung selbst schon fast ostentativ mit Zahlen und Daten.

Uthoff: Es ist schon so, dass die Informationsbeschaffung beim Kabarett die Basis für die Pointe ist – mit dem Unterschied, dass wir nicht selbst alles vor Ort recherchieren können. Wir müssen uns da auf die Arbeit der Journalisten verlassen. Unter denen gibt es gute und weniger gute. Und über letztere machen wir uns dann gerne lustig. Aber die pauschale Medienschelte gibt es bei uns nicht. Wir krakeelen nicht „Lügenpresse“, das wäre ja albern.

Sie hatten ja schon Streit mit Journalisten – der bezog sich vor allem auf die Ukrainekrise, wo man Ihnen unterstellt hat, Sie sympathisierten mit Wladimir Putin und seien überkritisch gegenüber den USA. Wie begegnen Sie diesem Vorwurf?

Uthoff: Mit einer gewissen Routine, er kommt ja regelmäßig. Wir haben ja das Problem in Deutschland, dass nicht mehr vernünftig diskutiert wird, sondern die Gesprächspartner einander mit Totschlagargumenten in die jeweilige Ecke stellen. Wir haben in keiner Sendung Wladimir Putin als Demokraten...

...als lupenreinen Demokraten...

Uthoff: ...als lupenreinen Demokraten bezeichnet, so etwas würde uns auch nicht über die Lippen kommen, wenn man sieht, was da in Sachen Pressefreiheit in Russland passiert. Uns hat gestört, dass in der Ukrainekrise ein Konfliktherd erst so richtig angefeuert wurde, statt zu deeskalieren. Wladimir Putin hat sicher Fehler gemacht, aber nicht darauf hinweisen zu dürfen, dass der Westen an der unguten Entwicklung seinen Anteil hatte, halte ich für bizarr. Sogar die „Zeit“ findet inzwischen gut, dass wir in der „Anstalt“ einmal auf die Mitgliedschaft so vieler Journalisten in transatlantischen Verbänden hingewiesen haben. Der Leser darf ruhig auch einmal zweifeln an der Neutralität des Berichterstatters. Die Glaubwürdigkeitskrise der Medien hat auch damit zu tun, dass die Zeitungen ihre Leser gerne einmal unterschätzen.

Sie machen die „Anstalt“ jetzt seit gut zwei Jahren. Wie sieht Ihre Bilanz aus?

Uthoff: Es ist viel mehr Arbeit, als ich dachte. (Lacht.) Es macht aber auch viel mehr Spaß. Wir, das heißt Claus von Wagner, unser Co-Autor Dietrich Krauß und ich, arbeiten wirklich basisdemokratisch. Das kann manchmal sehr anstrengend sein, wenn man einmal seine persönliche Formulierung nicht im Text unterbringt, weil die beiden anderen sagen, dass ihnen das zu krass ist.

Sie sind derjenige, den die anderen beiden bremsen müssen?

Uthoff: Ja. Das liegt vor allem daran, dass Claus und Dietrich im weitesten Sinne aus dem Journalismus kommen, das heißt, sie wissen um die Sorgfalt, die man bei der Auswahl von Wörtern walten lassen soll, wenn man sich öffentlich äußert. Und ich bin manchmal der, der es dann in der „Anstalt“ so machen will, wie er es auf der Bühne auch macht, nämlich Sätze rauszuhauen, für die man im Fernsehen vielleicht hinterher am Ohr gezogen würde.

Als Sie anfingen, empörte sich Deutschland über Sebastian Edathy, die NSA und Schlamperei bei der Bundeswehr. Inzwischen hat man das Gefühl, dass sich Konflikte dramatisch verschärft haben. Wie macht man Kabarett in Zeiten echter Krisen und Kriege vor unserer Haustür?

Uthoff: Es ist tatsächlich erschreckend, mit welcher Unerbittlichkeit unter dem Eindruck dieser Krisen Debatten in Deutschland mittlerweile geführt werden. Das führt dazu, dass man auf der Kabarettbühne vorsichtiger wird, seine Worte genauer abwägt, weil die Empfindlichkeiten größer sind. Ich denke manchmal fast nostalgisch an Zeiten zurück, in denen man mal eben fünf Minuten lang die FDP und ihren damaligen Vorsitzenden Philipp Rösler abgewatscht hat.

Sie werden vorsichtiger, um nur ja nicht missverstanden zu werden?

Uthoff: Wir sind vorsichtiger, weil uns mehr Informationen zur Verfügung stehen. Lange war Kabarett mehr ein Sittenbild der Gesellschaft. Man hat gesagt, was einem stinkt und von dem man glaubte, dass die Leute darüber lachen würden. Heute geht es darum, mit gut recherchierten Informationen das Publikum dazu zu bringen, die Dinge einmal aus einer ganz anderen Perspektive zu sehen.

Früher war Kabarett regierungskritisch, heute hat man das Gefühl, ganz viele Kabarettisten lieben die Kanzlerin...

Uthoff: Das täuscht. Ich glaube, dass die Kritik an Angela Merkels sonstiger Politik überlagert wird von der Flüchtlingskrise. Die ist eben momentan das beherrschende Thema. Wobei man übrigens über Merkels Motive spekulieren darf. Ich glaube nicht, dass ein radikaler Humanismus sie leitet. Trotzdem muss man anerkennen, dass Merkel Haltung zeigt und nicht den Rechten nach dem Munde redet, wie das bei anderen Regierungschefs schon zum schlechten Ton gehört. Damit hat es sich dann aber auch schon. Die Schweinereien bei der Privatisierung des Autobahnbaus, um nur mal ein Thema zu nennen, wären schon auch einmal eine Kabarettnummer wert, aber wir haben nur eine Dreiviertelstunde im Monat, wir haben drei Gäste, die alle ihr Solo bekommen sollen – die Zeit ist knapp.

Manche sprechen angesichts der jüngsten Wahlerfolge der AfD schon von Weimarer Verhältnissen – sehen Sie das auch so?

Uthoff: Naja, wir hatten vor 20 Jahren auch schon mal eine große Flüchtlingsbewegung in Richtung Deutschland. Als die abgeklungen war, hatten auch radikale Parteien wie die Republikaner keinen Zulauf mehr.

Und mit der Bewältigung der aktuellen Flüchtlingskrise ginge es auch mit der AfD bergab?

Uthoff: Ich hoffe, dass die Rattenfänger der AfD sich schon vorher selbst erledigen – durch möglichst zahlreiche Wortmeldungen. Auch die NPD wird übrigens von Leuten getragen, die sich einen Dreck um konkrete Sachpolitik scheren, wenn ich das mal so brutal ausdrücken darf. Das Groteske an der AfD ist ja, dass sie als Partei der kleinen Leute firmiert, tatsächlich aber schwer neoliberal ist. Da geht’s um Unternehmerinteressen und nicht um Sozialhilfeempfänger.

Inwieweit haben Sie bei Ihrer Kabarettkarriere von Ihrem Jurastudium profitiert?

Uthoff: Man lernt da, Texte sehr genau zu lesen. Das betrifft auch Interviews von Politikern, die man in der Zeitung liest. Vielleicht entdeckt man als Jurist die Sauereien schneller, die sich in vermeintlich harmlosen Kanzler- und Ministerworten verbergen.

Was hat Sie motiviert, von der Juristerei zum Kabarett zu wechseln – außer dem familiären Hintergrund?

Uthoff: Der familiäre Hintergrund war schon mitentscheidend. Ich war ja sechs Jahre im Ensemble meines Vaters (Reiner Uthoff, Gründer des Münchner Rationaltheaters, Red.), ich habe gelernt, unverschämt zu sein und mich auf eine Bühne zu stellen. Unverschämt deshalb, weil jeder Künstler unterstellt, dass es das Publikum interessiert, was man sagt. Und dann ging es ab einem gewissen Zeitpunkt meines Lebens darum, etwas zu tun, was mich glücklich macht. Ich wusste, die Juristerei wird es auf Dauer nicht sein. Also muss man auch im hohen Alter von 40 mal seine Lebensplanung über den Haufen schmeißen.

Die Welt besser machen zu wollen – ist das ein Motiv?

Uthoff: Ich glaube, in jeder Empörung über das, was in Deutschland und der Welt passiert, liegt auch ein Funke Weltverbesserung, egal, ob man sich am Frühstückstisch, am Stammtisch oder auf der Bühne empört. Mit dem Unterschied, dass einem auf der Bühne mehr Leute zuhören.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

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