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Vergebliche Suche nach einer gemeinsamen Zukunft: Micheal und seine deutsche Freundin Svenja. Inzwischen ist Micheal in seine ugandische Heimat zurückgekehrt.

Fernsehtipp für heute

„Viele unterschätzen ihre Wurzeln“

München - Heute um 22.30 Uhr kommt auf ARD alpha: "No Music in Germany" von Corinna Sekatzek-Gütlein. Warum es sich lohnt, den Film anzuschauen:

Deutschland, das gelobte Land. Wo Milch, Honig und Sozialleistungen fließen, wo jeder einen tollen Job, ein Haus, ein Auto, ein glückliches Leben hat. Für viele Migranten ist es ein Lebenstraum, nach Europa zu gehen. Doch wenn sie es geschafft haben – wie offenbart sich ihnen die deutsche Wirklichkeit? Finden Afrikaner in München die Erfüllung ihrer Träume? Der Film „No Music in Germany“ geht den Geschichten von Micheal Ntale (32) aus Uganda, Emmanuel Mason (32) aus Sierra Leone und Hamado Dipama (42) aus Burkina Faso nach, die in München leben beziehungsweise lebten. Wir sprachen mit der Münchner Filmemacherin Corinna Sekatzek-Gütlein. Die studierte Politikwissenschaftlerin, Mutter zweier Kinder, ist hauptberuflich Cutterin beim Bayerischen Rundfunk.

Wie lernt man in München Afrikaner kennen?

Die Idee ist mir vor die Füße gefallen. Ich war auf einem Grillabend an der Isar von einer Organisation, mit der ich selbst in Uganda gearbeitet habe. Eine aus der Gruppe, Svenja, hat sich dort in Micheal verliebt. Er ist ihr hierher gefolgt, und beim Grillen habe ich ihn kennengelernt. Er hat schnell Vertrauen gefasst zu mir – und erzählt, das er es hier schrecklich findet und unglücklich ist. Dabei dachte ich, er sei glücklich mit Svenja, die ihn auch unterstützt. Doch er erzählte, dass er sich hier wie im Gefängnis fühle, kontrolliert und angestarrt.

Er kam aus dem Slum in Ugandas Hauptstadt Kampala und findet es an der Isar schrecklich?

Ich dachte auch: Wie kann das sein? Das hat mein Bild von Afrikanern in Deutschland auf den Kopf gestellt.

Viele Leute denken, dass die Afrikaner natürlich froh sind, aus ihren armen Ländern wegzukommen.

Aber das sind viele offenbar gar nicht. Ich habe dann Emmanuel aus Sierra Leone gefragt, ob er auch bei meinem Filmprojekt mitmacht. Ihn und seine Frau Rebecca kannte ich schon. Damit hatte ich zwei Protagonisten, die der Liebe wegen hier sind. Dann habe ich beim Bayerischen Flüchtlingsrat noch Hamado Dipama kennengelernt, der vor vielen Jahren aus Burkina Faso geflüchtet ist, also andere Gründe für seinen Weg nach Deutschland hatte.

Der Film startet in Kampala. Micheal klagt: „Dieses Afrika, das man hier sieht, besteht nur aus Leid.“ Später folgt ihm die Kamera in München durch menschenleere Straßen, Micheal in seinen bunten Klamotten friert und ist traurig. Was ist passiert?

Ich habe gemerkt, wie sehr er wartet. Darauf, dass Deutschland ihn empfängt. Dass eine bunte Parade vorbeizieht. Auf irgendwas, das ihn hier beheimatet sein lässt. Aber da kam nichts. Klar, du musst in Deutschland Initiative zeigen, die Sprache lernen, Leute kennen, sonst vereinsamt ja jeder.

Hat er zu viel erwartet?

Ich glaube schon. Dazu sind Deutschland und Uganda vielleicht auch zu unterschiedlich.

Hier findet nicht so viel Leben auf der Straße statt...

Und man grüßt niemanden, den man nicht kennt. Micheal hat erwartet, dass es so ist wie in Kampala: Dass man zu jedem „Hallo“ sagt, jeder freundlich ist und nicht so in sich gekehrt. Micheal hatte einen Kulturschock, er wartete, dass in Deutschland alle herbeilaufen: „Hey, du bist ja ein cooler Typ, was machst du, erzähl’!“ Stattdessen kamen Blicke, die er als feindselig empfand.

Er konnte auch nicht durchstarten, weil er nur drei Monate hier war.

Klar. Hätte er Deutsch gelernt und gearbeitet, dann hätte die Welt vielleicht anders ausgesehen. Er wollte hier etwas sein, nicht nur Hilfe brauchen. In Kampala war er jemand, da kannten ihn viele, sein Handy klingelte ständig. Hier musste er wegen allem Svenja fragen. Und seinen selbstgemachten Schmuck, mit dem er daheim Geld verdient hat, den hätte er hier nicht verkaufen können.

Sie hatten für Ihren Film nur wenig Geld zur Verfügung. Wie haben Sie in Uganda gedreht?

Ich hatte nur eine kleine Digitalkamera dabei. Ich wollte nicht auffallen auf einem ugandischen Markt mit so einer großen Mühle, die ich mir zudem hätte leihen müssen.

Aufgefallen sind Sie sicher trotzdem.

Klar. Vor allem, weil ich mir aus einem Kleiderbügel eine Kameraangel gebastelt habe, damit ich einen ruhigeren Schwenkarm hatte. Da haben die Leute geschaut. Ich habe auch gelernt, dass man im Slum kein Stativ aufstellt. Das ist affig. Man darf den Leuten auch nicht zu nah auf die Pelle rücken. Und man kommt sich eh so voyeuristisch vor: Ich filme jetzt euch und eure Armut. Aber die Leute waren ungeheuer nett, haben uns in ihre ärmlichen Hütten eingeladen, die ihr ganzer Stolz waren.

Wie ging das, dass die Protagonisten so offen erzählt haben?

Rebecca und Emmanuel sollten eigentlich schildern, wie es ist, mit kulturellen Unterschieden umzugehen. Anfangs waren sie das Vorzeigepaar, das es geschafft hat. Dass sich ihre Beziehung so schlecht entwickelt, konnte niemand wissen. Dass die Schwierigkeiten, um die sie ja wussten – wie Einsamkeit und Heimweh – sie so einholen würden.

Emmanuel hat studiert – und dann hier als Tellerwäscher gearbeitet.

Ja, sein Abschluss wurde nicht anerkannt. So wie es auch vielen Syrern und Afghanen geht. Dort bist du ein Akademiker, und hier arbeitest du im Fastfoodladen. Du kannst nicht einfach weiterstudieren. Emmanuel dachte, er würde schneller Fuß fassen. Eigentlich war er so motiviert, hatte auch eine Erzieherausbildung angefangen. Doch auch wer dachte, er habe die größten Hürden bewältigt, kann scheitern – weil man sein ganzes Leben umstellen muss.

Emmanuel erzählt: In Afrika rufe keine Frau ihren Mann am Handy an, wo er sei, was er gerade mache.

Die Männer gehen nach der Arbeit zu ihren Kumpels, und die Frau macht den Haushalt. Rebecca hat hier gleich gesagt: So machen wir es aber nicht. Und anfangs war Emmanuel auch willens. Aber vielleicht musste er sich insgesamt zu sehr verschrauben – und fiel schließlich in alte Verhaltensmuster zurück.

Svenja und Micheal durften nicht heiraten, weil ihnen die Botschaft eine Scheinehe unterstellt hat.

Und so ging auch diese Beziehung in die Brüche. Die zwei waren auch zu unterschiedlich: Svenja ist strukturiert und hat einen Plan. Micheal lebt in den Tag hinein, so wie er es sein Leben lang gemacht hat, nachdem er als Teenager seine Eltern verloren hat. Er sagt: „Hauptsache, es geht mir heute gut.“ Und selbst wenn er hier eine Ausbildung durchhalten und dann heimkehren würde, gäbe es in Uganda keine passenden Jobs.

Im Film steht Micheal in Kampala vor einem Geschäft, das geschlossen ist. Er lacht: „Ah, Stromausfall, das ist Afrika, komme ich morgen wieder.“ Und der Zuschauer kann sich dazu denken, was er will...

Der Film will nicht Partei ergreifen und zu viel erklären. Den Sinn kann jeder Zuschauer selbst finden. Was ist wichtig im Leben? Micheal fällt erst hier auf, was er an seiner Fernsehtipp für heute, 22.30 Uhr, ARD alpha: "No Music in Germany" von Corinna Sekatzek-Gütlein. Ein großartiger Film!Heimat hat, was ihn an daheim bindet. Ich glaube, das unterschätzen viele, die nach Deutschland kommen: wie wichtig die Wurzeln sind.

Das Heimweh holt auch Hamado Dipama ein, der sich hier durchgeboxt und einiges erreicht hat.

Er kann nicht heim, weil in Burkina Faso sein Leben bedroht ist, und vermisst so sehr seine Kinder. Er hat hier so viel aufgebaut, sich mit München angefreundet. Und gleichzeitig lebte er hier jahrelang nur geduldet, also in der Ungewissheit, wieder gehen zu müssen, weil er lange keine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis bekam.

Micheal sagt am Ende, nichts sei so wichtig, wie ein „reiches Herz“ zu haben.

Klar hat ihn das hier alles beeindruckt, die dicken Autos, der FC Bayern. Aber er hat gemerkt, dass das nicht sein Weg ist. Micheal hat mich auch gefragt, warum wir hier so leben, arbeiten für die Miete, kaum Zeit haben für anderes. Ich habe mich dann so kalt erwischt gefühlt. Ich meine, was weiß dieser junge Kerl, was ich an meinem Leben kompliziert finde? Er hatte so oft Recht!

Wie war es für ihn zurückzugehen?

In Kampala hat Micheal durchaus Ansehen gewonnen dadurch, dass er in Deutschland war. Aber auch Unverständnis, dass er wieder zurückgegangen ist. Es ist schwer für ihn zu erklären, dass er hier nicht glücklich war.

Man merkt dem Film an, welches humorvolle Münchner Lebensgefühl Sie mitbringen, auch an den Details – etwa der Szene, wie im Westend ein Klohäuschen am Kran schwebt. Wie seltsam muss einem Ausländer hier so manches vorkommen!

Ja, das ist so lustig. Da freu’ ich mich ja selber, wenn ich durch den Stadtteil laufe, und da wird ein Klohäuschen abgeseilt. Das ist der Alltag!

Das Gespräch führte Christine Ulrich.

„No Music in Germany“

läuft heute um 22.30 Uhr auf ARD alpha.

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