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In der Sendung "Team Wallraff - Reporter undercover" deckt Günter Wallraff in verdeckter Mission Missstände auf.

Undercover-Reportage

Wallraff: Schock-Entdeckungen an deutschen Raststätten

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Hamburg - Enthüllungsreporter Günter Wallraff hat in einer neuen Undercover-Reportage teils ekelhafte Zustände an deutschen Autobahn-Raststätten aufgedeckt.

Günter Wallraff ist seit Jahrzehnten bekannt für seine Undercover-Reportagen, in denen er Missstände in allen Bereichen unserer Gesellschaft aufdeckt. In einer neuen Folge von "Team Wallraff - Reporter undercover" (RTL) hat der 73-Jährige Journalist hinter die Kulissen von deutschen Raststätten geblickt. Dabei entdeckten er und sein Team teils ekelhafte Zustände. Um höhere Gewinne zu erzielen, schrecken die Raststätten der Reportage nach auch nicht vor Gesundheitsgefährdungen zurück. Mittlerweile hat sich auch das geprüfte Unternehmen "Tank und Rast" zu den Vorwürfen geäußert.

Abgelaufene Bockwurst für 3,49 Euro

Bratkartoffeln aus der Tiefkühltruhe. Frische Produkte werden an deutschen Ratsstätten kaum verwendet.

Belegte Brötchen, die laut Gesetz nach drei Stunden in der Auslage ersetzt werden müssen, bleiben dem Test zufolge in den geprüften Filialen zunächst deutlich länger liegen. Danach wird lediglich der mittlerweile unhygienisch-aussehende Belag entfernt und das Brötchen neu belegt. Und selbst dann ist der Belag anscheinend oft nicht frisch. Als eine Journalistin eine bereits zwei Wochen abgelaufene Packung Schinken im Kühlschrank findet, wird nicht die Ware entfernt, sondern das Fleischprodukt lediglich umgepackt und mit einem neuen Mindesthaltbarkeitsdatum versehen. Der Kollege der Journalistin weist sogar noch darauf hin, dass das Gesundheitsamt ansonsten Probleme machen könnte.
Auch der Kassenschlager der Raststätte, die Bockwurst, ist zum Zeitpunkt der Zubereitung bereits zwei Tage abgelaufen, wird aber zum vollen Preis von 3,49 Euro und ohne Hinweis auf das Mindesthaltbarkeitsdatum an die Kunden verkauft. 
Reklamiert ein Käufer und gibt ein Produkt zurück, ist das aber nicht das Ende für das Essen. In der Reportage wird etwa ein zurückgegebenes Brötchen, das auch vom Kunden angefasst wurde, nicht weggeworfen, sondern einfach zurück in die Auslage gelegt.

Dosenware zu Restaurant-Preisen

Generell wird an den Raststätten kaum mit frischen Waren gekocht, obwohl dies in den Werbungen suggeriert wird. Meist kommen die Zutaten aus der Dose oder der Tiefkühltruhe - "von Erasco" witzelt eine Mitarbeiterin in der Reportage. Im Gegensatz zu dem daraus resultierenden teils faden Geschmack sind die Preise an den Raststätten um so gesalzener. Für drei Mittagessen und Getränke zahlt Wallraff knapp 50 Euro. Dabei haben die Beilagen nach Aussage des Restaurant-Kritikers an Wallraffs Seite "einen Stich".

Arbeiten unter ständiger Beobachtung

Die Angestellten, die die Waren zubereiten und verkaufen, würden nach eigener Aussage nie an den Raststätten essen. Wohl zurecht. Aber warum etikettieren sie die Waren um und wehren sich nicht? Dafür werde in den Betrieben, der Reportage nach, ein ungemeiner Druck aufgebaut. Die Überwachungskameras, die eigentlich vor Diebstahl schützen sollen, beobachten die Angestellten auf Schritt und Tritt. Als eine Undercover-Reporterin die Hände in den Taschen hat, wird sie direkt von einem Kollegen gewarnt, dass sie dafür ins Büro zitiert werden könnte. 

Der juristische Berater Wallraffs meint, dass dies ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte darstelle. Ein Gefühl der permanenten Überwachung zu erzeugen, sei nicht rechtens.

Auch die oft nett erscheinenden Fragen der Angestellten, ob man zum Kaffee etwa noch ein Croissant wolle, haben System und sind vorgeschrieben. Testkäufer von "Tank und Rast" prüfen, ob die Angestellten diese Fragen stellen.

Pächter sind nur Teil einer Kette

Nach Einschätzung der Reporter sei es schwer, einen zentralen Verantwortlichen für die Zustände an den Raststätten zu finden. Die Firma "Tank und Rast" betreibt die Restaurants meist nicht selbst, sondern verpachtet die Raststätten. Mehrmals in der Sendung wird auf die Hygiene-Vorschriften von "Tank und Rast" verwiesen, die aber nicht eingehalten würden. Die Ekel-Anweisungen kommen meist von den Pächtern. Bloß stünden diese unter einem enormen Druck von "Tank und Rast". Allein finanziell: Knapp 25 Prozent des Gesamtumsatzes müsse ein Pächter an "Tank und Rast" abgeben. Im Franchise-Gewerbe seien um die 10 Prozent gängig. Das baue einen ungemeinen Druck auf, hohe Einnahmen zu erzielen. Hinzu liefen die Pacht-Verträge nur ein Jahr. Es bestehe also die permanente Gefahr, dass der Vertrag nicht verlängert wird.
Damit entstehe eine Kette, in deren Mitte die Pächter Abhängige des Systems seien und an deren Ende die Angestellten offenbar abgelaufene Ware zu Restaurant-Preisen verkaufen.

Wallraff recherchierte über mehrere Monate

Ausgangspunkt der Ermittlungen waren Briefe von Angestellten, die bei Wallraff über die Zustände in ihren Betrieben geklagt hatten. Ab Januar 2016 und insgesamt über sieben Monate recherchierte Wallraff nach eigenen Angaben daraufhin zum Thema Raststätten. In dieser Zeit schleuste er zwei junge Journalistinnen undercover bei der Firma "Tank und Rast" ein. Das Unternehmen betreibt mit 390 von insgesamt 435 den Großteil der deutschen Autobahn-Raststätten.

"Tank und Rast" hat bereits reagiert

Nach der Ausstrahlung der Sendung "Team Wallraff - Reporter undercover" ließen die ersten Reaktionen im Netz nicht lange auf sich warten. Auf Twitter schrieb ein User: "Ich esse nie wieder etwas an Raststätten." Ein anderer Tweet lautete schlicht: "Mir wird schlecht!"

Keine gute Publicity also für das Unternehmen "Tank und Rast". Dass Wallraffs Reportagen große Wellen schlagen können, hatte sich zuletzt wieder bei seiner Reportage über die Zustände in deutschen Krankenhäusern Anfang des Jahres gezeigt. Wohl auch deshalb hat "Tank und Rast" schnell auf die Vorwürfe reagiert. In einer Stellungnahme wurden Qualitätsmängel an mehreren Raststationen eingeräumt. Darin heißt es weiter: „Es wurden unmittelbar Sofortmaßnahmen ergriffen, um festgestellte Mängel abzustellen und die Einhaltung der klaren Qualitätsstandards und Hygienevorgaben sicher zu stellen“. Nach Aussage von "Tank und Rast" wurden in vier Fällen Pächter abgemahnt. Darüber hinaus will "Tank und Rast" das bestehende Pacht-System durch ein vollwertiges Franchise-System ersetzen. Dazu heißt es: "Dieses bindet die Pächter noch stärker an die zentralen Qualitätsanforderungen von Tank & Rast und schafft einen verbindlichen Rahmen für deren Einhaltung und kontinuierliche Optimierung." Bis 2017 soll auf das neue System umgestellt werden.

rs

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