Höllisch sympathisches Duo: Axel Prahl (l.) und Jan Josef Liefers beim Schnick-Schnack-Schnuck im Limbus.
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Höllisch sympathisches Duo: Axel Prahl (l.) und Jan Josef Liefers beim Schnick-Schnack-Schnuck im Limbus.

„Tatort“-Kritik: Der letzte Fall mit Nadeshda Krusenstern

Was zur Hölle: Der Münsteraner Fall „Limbus“ ist nur für eingefleischte Fans ein himmlisches Vergnügen

  • Katja Kraft
    vonKatja Kraft
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Ein Professor Boerne, der zwischen Leben und Tod schwankt, ein Mediziner, der keiner ist, und ein letztes Mal Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) nach 17 Jahren im Münsteraner „Tatort“. Unsere TV-Kritik.

Bitte! Fangen wir jetzt nicht mit Logik an. Natürlich ist es unlogisch, dass ein Leiter der Rechtsmedizin – namentlich Prof. Boerne (Jan Josef Liefers) – erst am Abend vor seiner Abreise der engsten Mitarbeiterin und den Kollegen erzählt, dass er drei Monate die Stadt verlässt und für ihn eine ihnen allen unbekannte Vertretung übernimmt. Aber wer bei Film, Theater, Oper, Literatur ständig den Logik-Gradmesser ansetzt, hat nichts von Unterhaltung, der Lust am Eskapismus und Kunstfreiheit verstanden.

Völlig klar also bei dieser Ausgangslage, dass Kommissar Thiel (Axel Prahl) und Boernes Assistentin Haller (Christine Urspruch) nicht bemerken, dass sich tags drauf der falsche Vertretungskollege in Boernes heilige Hallen schleicht. Dieser Dr. Jacoby ist ein mörderischer Möchtegern-Mediziner, der andere zur Strecke bringt, um deren Jobs übernehmen zu können. Wie gewohnt spielt ihn Hans Löw gekonnt als biederen Einzelgänger, dessen dunkle Seite in winzigen Veränderungen der Mimik durchscheint.

Wer kein Freund der Münsteraner sei, so schrieben wir im Vorbericht, der werde sich mit dem Fall „Limbus“ schwertun. Himmlisch wird es in dieser Vorhölle tatsächlich wohl nur für eingefleischte Fans. In erster Linie des stimmigen Abschieds von Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) wegen.

Eine deutsche Behörde als Vorhof zur Hölle

Ein letztes Mal erleben wir sie, Thiel und Boerne in diesem Rahmen gemeinsam vor der Kamera. Die Möglichkeit einer letzten Wiedervereinigung des Trios ist wohl auch der Grund, warum Regisseur Max Zähle sich dazu entschied, den Sachbearbeiter im Limbus – eine deutsche Behörde als Vorhof zur Hölle – auch von Prahl spielen zu lassen. Durch diese ebenfalls wenig logische Rollenbesetzung bekommen Fans noch dazu, was sie so lieben: Der Schlagabtausch zwischen Boerne, dessen Körper im Irdischen noch ums Überleben kämpft, und dem Beamten im Jenseits, wie wir ihn sonst von Boerne und Thiel kennen, gehört zum Münster-Team wie die Wiedertäufer-Käfige an der dortigen Lambertikirche.

Schon 2016 im „Tatort: Feierstunde“ hatte der Professor nach einem Giftanschlag auf ihn versprochen, ein besserer Mensch zu werden. Weil das, nun ja, nicht ganz gelungen ist, zeigen seine Kollegen im Falle seines wohl nun wirklich eintreffenden Ablebens mit Worten wenig Mitgefühl, erinnern sich vor allem an die schlechten Seiten des Karl-Friedrich „mit großem Ich“. Die tatsächlichen Gefühle, echte Trauer nämlich, offenbaren gerade Prahl und Urspruch in ihren Gesten aber so wahrhaftig, dass es ehrlich rührt.

Es sei, so sagt der Limbus-Thiel einmal, beim Tod eine Sache von Angebot und Nachfrage: „Der Wert des Lebens steigt, je weniger Zeit uns bleibt.“ Die Vorstellung, dass nach Nadeshda auch Boerne für immer verschwinden könnte, lässt uns, obwohl Liefers mit seinem ständigen Überspielen mitunter ganz schön nerven kann, einmal mehr denken: Ohne ihn wär’s halt auch nix.

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