"Wetten, dass..?" zum 175. Mal: Ein Lagebericht

München - Das Fernsehen ist im Wandel, alles wird schriller und lauter. Wie gut, dass es Konstanten wie Thomas Gottschalk gibt. 2005 schwenkt er seine Locken dem Rapper 50 Cent vors Gesicht und sagt mit einem Wink in Richtung Robbie Williams: "Und, Fifty? Pop meets Hip-Hop?" Da sitzen zwei der größten Showacts der Welt neben Deutschlands beliebtestem Entertainer, und was fragt er sie? Nichts!

Die letzte Sendung vor der Sommerpause kommt aus Erfurt Warum fallen die Quoten? Thomas Gottschalk denkt übers Aufhören nach

Und alles. Denn was bei Gottschalk unter Interview firmiert, läuft in einem Format jenseits aller Maßstäbe: "Wetten, dass\xC2

?" ist nicht irgendeine Unterhaltungssendung, sondern ein Konzentrat ihres Wesens, das sechs, sieben Mal im Jahr die Massen vorm Fernseher bannt. Und wenn der Zeremonienmeister in Operettenuniform ruft, kann er die immer gleichen Witze zu immer gleichen Auftritten nach immer gleichen Wetten zwischen immer gleichen Wettpaten reißen das Quotenvolk folgt, auch beim achten Auftritt von Iris Berben und dem zwölften von Peter Maffay. Nirgends hat das Nichts mehr Substanz und gerinnt gleichsam zur "Essenz des Fernsehens", wie der Medienanalytiker Georg Seeßlen schreibt.

Doch 2008 ist anders. "Es ging immer rauf", schilderte Gottschalk dem "Zeit-Magazin Leben" seine Karriere, "aber irgendwann bist du oben. Und dann gibt's halt nur noch eine Richtung." Abwärts etwa? Runter vom Olymp des Quotenmessens, der 1985 mit 24 Millionen Zuschauern seinen Gipfel erreichte und selbst 20 Jahre danach fast jeden zweiten Zuschauer erreicht?

In der Tat der Zuspruch sinkt seit Jahren. Ein Grund: Die Konkurrenz muckt auf. Der Show-Dino lebe davon, keine Feinde zu haben, sagte Entertainer Stefan Raab. Nun sind sie aufgetaucht. Als RTL im Sommer "Wer wird Millionär?" gegen das ZDF postierte und ProSieben zum Tanzwettbewerb "Let's dance" rief, fiel das ZDF in den einstelligen Millionenbereich. Eine Premiere. Nicht mal Wolfgang Lippert, der Gottschalks Ausflug ins Late-Night-Fach 1992 überbrückte, hatte so schwache Zahlen. Und das Desaster wurde dadurch kaum erträglicher, dass auch Günter Jauch einen Tiefstwert verbuchte. So geht's zu im Haifischbecken.

"Manchmal spüre ich einen Druck, den ich früher nicht kannte", so Gottschalk. Warum er, der Werbemillionär mit Sitz in Miami und einem Schloss im Rheinland, den noch erduldet, fragt sich nicht nur der 57-Jährige, sondern auch der gesunde Menschenverstand. Wer lässt denn noch ein gutes Haar an der Show, die Frank Elstner im Schlaf erfand, die aber erst dank Gottschalk zur Marke wurde? Die in China, Russland, Amerika läuft, quotenmäßig nur von Live-Sport übertroffen wird?

Seit die Landesmedienanstalten die Schleichwerbung bei "Wetten, dass\xC2

?" anprangern, seit das Gummibärenfischen, Postbank-Preisen und Filmpromoten kritisiert werden und Tommy, der nachblondierte Berufsjugendliche, als Lustgreis gilt, der Wettpatinnen an die Abendwäsche geht, sinkt der Stern von Europas erfolgreichster TV-Show.

Und die Macher vom ZDF über Gottschalk bis zu Dolce Media, der Vermarktungsfirma seines Bruders Christoph stecken in einer Falle, die den ganzen Sender gefangenhält: Wechselt man das Konzept, springen die Älteren ab, ohne dass Jüngere nachkämen. In der ersten Sendung des Jahres waren keine vier Millionen aus der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen dabei. Und da auf RTL zugleich "Deutschland sucht den Superstar" lief, dürften auch die Kinder dort gelandet sein. ZDF-Redakteur Peter Gruhne sagt indes, Änderungen am Grundkonzept würden nur schaden. "Wie bei Dinner for One." Welch ein Vergleich!

So spiegeln sich im Paradeprodukt des Zweiten Beharrlichkeit und Erosion öffentlich-rechtlicher Methodik wider. Der Gebührenfunk hechelt den Kommerziellen hinterher wie ein Greis, der sich mit Baseballkappe verjüngen will. So wird es auch sein, wenn Gottschalk ab Montag den "Musical-Showstar 2008" sucht. Tiefschürfende Interviews, sagt sein Moderator selbstironisch, "wird's auch da nicht von mir geben." Der Gutelaunebär vom bayerischen Radio, er bleibt sich wenigstens treu. (ZDF, Sa., 20.15 Uhr)

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