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Markus Lanz übernahm "Wetten, dass..?"

Zum Ende von "Wetten, dass...?"

Der letzte Show-Dino geht unter

München – Markus Lanz sollte „Wetten, dass...?“ nach dem Ausstieg Thomas Gottschalks in eine strahlende Zukunft führen, jetzt zog das ZDF die Notbremse. Im Dezember geht in Nürnberg die 215. und letzte Ausgabe über die Bühne.

Es ist eine kurze Szene, die, im Rückblick gesehen, viel Raum lässt für Spekulationen über Markus Lanz’ Stimmung an diesem Abend. Nach der letzten Wette eilen die Gäste von der Couch hinüber zu den „Powertrampolins“, auch der Moderator schnappt sich eins. Er springt ungestüm, mit gesenktem Kopf, die abgelegten Moderationskärtchen hüpfen zwischen seinen Füßen auf und ab, es sieht aus, als trampele er darauf herum. Eine Szene zwischen Übermut und Wut, durchaus interpretierbar als nonverbale Reaktion Lanz’ auf seine vielen Kritiker in den Medien und im Internet.

Beim Abschied ist der 45-Jährige noch immer außer Atem, doch seine Worte sind wohlüberlegt, als er am Samstagabend gegen 22.55 Uhr in den Schlussapplaus von Offenburg hinein über das bevorstehende Aus der Show informiert: „Wir gehen jetzt in die Sommerpause und sehen uns am 4. Oktober wieder mit den letzten drei Ausgaben von ,Wetten, dass...?‘“. Das Ende einer Ära, verkündet wie eine schnöde Programmänderung.

Schon in den zurückliegenden Tagen hatte es Gerüchte gegeben, die ZDF-Verantwortlichen hätten den Daumen gesenkt, wegen der unaufhaltsam sinkenden Quoten der Show und der unvermindert heftigen Kritik am Moderator. „In diesem Jahr werden wir sehen, wie stark die Marke noch ist“, hatte Intendant Thomas Bellut in einem Zeitungsinterview gesagt und damit aufhorchen lassen. Bisher war man beim Mainzer Sender Fragen nach der Zukunft des 33 Jahre alten Klassikers stets ausgewichen.

Ironie des Schicksals, dass die Ausgabe vom Samstagabend, es ist die 13. in der Ära Lanz und die 212. seit der Premiere am 14. Februar 1981, mit 6,84 Millionen Fans deutlich besser abschneidet als die Februarsendung. Bei der war mit 5,85 Millionen Zuschauern ein historischer Tiefpunkt erreicht worden. Dabei hat die Sendung aus Offenburg neben ein paar starken auch viele weniger starke Momente. Mit Cameron Diaz ist der obligatorische Hollywoodstar da und mit Hape Kerkeling ein absoluter Publikumsliebling (und selbst einst heißer Kandidat für die Moderation von „Wetten, das...?“). Doch nicht alle Gespräche reißen vom Hocker – wenn nicht der Gast selbst Witz oder Charisma mitbringt, droht schnell Langeweile – bis zur nächsten Wette.

Liegt’s also doch am Moderator? Der Blick in die Geschichte des Formats zeigt, dass Vorgänger Thomas Gottschalk ebenfalls zuletzt mit langsam, aber kontinuierlich nachlassendem Interesse zu kämpfen hatte. Auch beim großen Blonden war die Zuschauerzahl öfter unter die Zehn-Millionen-Marke gefallen, doch Gottschalk und das ZDF konterten die Schlagzeilen über „Wetten, dass...?“ in der Krise stets mit dem Hinweis, man sei und bleibe unangefochtener Marktführer am Samstagabend.

Unter Markus Lanz, der die Show nach Gottschalks Abschied und einer längeren Pause am 6. Oktober 2012 erstmals präsentierte, schien die ZDF-Dominanz an „Wetten, dass...?“-Tagen zunächst ebenfalls unüberwindbar, seinen Einstand sahen immerhin 13,62 Millionen Menschen. Während sein Vorgänger mit souveräner Lässigkeit und unangestrengtem Witz punktete, beeindruckte Lanz bei der Premiere durch die Bereitschaft, seinen Gästen auch zuzuhören, und brachte sich vor allem körperlich ein, beispielsweise durch die „Lanz Challenge“.

Doch die Öffnung der Show für Exponenten des Privatfernsehens stieß auf Unmut, auf der anderen Seite murrten ausländische Gäste wie Tom Hanks über Anwesenheitspflicht auf dem Sofa und allzu kindische Spiele. Nach der Sommerausgabe auf Mallorca im vergangenen Jahr rissen Unterhaltungschef Oliver Fuchs und die Redaktion das Ruder herum, trennten sich von Assistentin Cindy aus Marzahn und kehrten zum ursprünglichen Ablauf der Show zurück. Doch der Abwärtstrend war nicht mehr zu stoppen, die Kontroverse um Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht, die Lanz im Januar in seiner spätabendlichen Talkshow nicht zu Wort kommen ließ, ramponierte seinen Ruf zusätzlich.

Zuletzt zeigte der Südtiroler Sonnyboy, dem selbst seine Gegner bescheinigten, eine Kämpfernatur zu sein, erste Ermüdungserscheinungen. „Ich werde mich nie an dieses Gefühl gewöhnen, ausgestellt zu sein wie im Schaufenster“, sagte der smarte Medienmann, der seine Karriere bei Radio Hamburg startete und lange „Explosiv“ bei RTL moderierte, in einem Interview: „Wenn ich im Sommer auf einer Wiese sitze, denke ich, ich kann das alles beherrschen. Doch das ist eine Illusion. Öffentlichkeit kommt mit einer ungeheuren Wucht daher.“

Angesichts der drohenden Marginalisierung des einstigen „Flaggschiffs“ der Samstagabendunterhaltung zog das ZDF nun die Notbremse. „Der Rückgang der Zuschauerzahlen zeigt, dass sich die Sehgewohnheiten verändert haben und das Format an Anziehungskraft verloren hat“, begründete Programmdirektor Norbert Himmler den Schritt seines Senders in einer ZDF-Mitteilung, die exakt zum Ende der Sendung am Samstag gegen 23 Uhr verbreitet wurde. „Es ist uns nicht leicht gefallen, einen Klassiker wie ,Wetten, dass...?‘ vom Schirm zu nehmen. Der Aufwand einer so großen Show steht aber nicht mehr im Verhältnis zur Zuschauerresonanz.“ Eine Ausgabe kostet rund 2,5 Millionen Euro.

Die „Wetten, dass...?“-Veteranen reagierten prompt auf die Nachricht. Frank Elstner (71), der das Konzept der Sendung nach eigenen Angaben einst nachts bei einem Glas Rotwein am Küchentisch erdachte und die Show bis 1987 moderierte, zeigte sich in einer ersten Reaktion betroffen über das baldige Aus. „Das geht an die Nieren. Alles andere wäre gelogen“, verbreitete er über Twitter. Ungleich schnoddriger äußerte sich Thomas Gottschalk. „Dann hätte ich das Ding auch gleich selbst an die Wand fahren können“, sagte der 63-Jährige gegenüber „Spiegel online“. Später ruderte er zurück. Der zitierte Satz sei dem „spontanen Schock“ geschuldet. Natürlich habe er eine besondere Verbindung zu „Wetten, dass...?“ und könne daher „eine leichte Wehmut nicht leugnen“, so Gottschalk, der zwischen 1987 und 2011 insgesamt 151 Ausgaben der Show präsentierte: „Ich trauere, wie man so schön sagt, still. Und das will bei mir was heißen.“

Markus Lanz’ Worte am späten Samstagabend, kurz nach dem Ende der Sendung, klingen nachdenklich und alles andere als erleichtert. Die Show sei etwas, „was das deutsche Fernsehen eigentlich dringend braucht. Aber offenbar passt es im Moment wahrscheinlich nicht mehr so richtig in die Zeit“, wird er zitiert. Klingt so, als sollten wieder andere Zeiten kommen. Auch Programmchef Himmler lässt ein Hintertürchen offen. Die Rechte an der Marke will der Mainzer Sender behalten. Frank Elstners Konzept bleibe „einzigartig“, so Himmler. Deshalb „schließe ich nicht aus, dass es irgendwann noch einmal auflebt. Wir suchen aber weder einen neuen Moderator, noch planen wir eine Fortsetzung in absehbarer Zukunft.“ Gearbeitet werde jetzt an neuen Ideen für den Samstagabend.

Dass „Wetten, dass...?“ auch im 34. Jahr seiner Existenz einen ungeheuren Sog entwickeln kann, zeigt sich auch in dieser – vom Ende her betrachtet – denkwürdigen Sendung am Samstagabend in Offenburg, mit Cameron Diaz und Hape Kerkeling. Im Hafen von Emden bugsiert ein viele Tonnen schwerer Schlepper ein winziges „Buddelschiff“ in die Flasche, in der Halle zeigt die Superzeitlupe drei Burschen, die Salti über einem Cocktailglas schlagen und während des Sprungs mittels Strohhalm daraus trinken. Große Showmomente, die in Erinnerung bleiben.

Rudolf Ogiermann

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