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Eine Szene mit Matthias Brandt (r.).

Interview mit Pflegekritiker Fussek

Wie viel Realität steckte im gestrigen Münchner „Polizeiruf 110“?

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München - In den Mikrokosmos Altenheim führte der jüngste „Polizeiruf 110“ aus München mit Matthias Brandt als Ermittler Hanns von Meuffels. Claus Fussek, Buchautor und bekanntester deutscher Pflegekritiker, spricht mit uns über den gestrigen Krimi.

Eine demente Seniorin will einen Mord gesehen haben, für den es allerdings lange keine Beweise gibt. Die Mitbewohner behaupten, von nichts zu wissen, ebenso die überlasteten Pfleger, die genervt sind von den Fragen des Kommissars auch zu ihrem Arbeitsalltag. In den Mikrokosmos Altenheim führte dieser jüngste Polizeiruf 110 aus München mit Matthias Brandt als Ermittler Hanns von Meuffels sowie Elisabeth Schwarz, Ernst Jacobi, Florian Karlheim, Marina Galic und Philipp Moog in weiteren Rollen. Ein Krimi, der in vielen Szenen das Schicksal alter Menschen im Heim thematisierte, die mangels Personal nur noch verwahrt werden. Ein Film, der, obwohl Fiktion, sensibel macht für das Problem des Pflegenotstands? Wir sprachen darüber mit Claus Fussek, Buchautor und bekanntester deutscher Pflegekritiker.

Der Pflege-Notruf

Herr Fussek, dieser „Polizeiruf 110“ war weniger Krimi als vielmehr ein Sozialdrama. Sind Sie froh, dass das Thema Pflege mal in einem so prominenten Format aufgegriffen wurde?

Claus Fussek: Ja, natürlich. Es ist sehr wichtig, dass solche Themen auch in Fernseh- und Spielfilmen behandelt werden. Allerdings war mein erster Gedanke nach dem Ende: Da haben die Macher eine Chance vertan.

Inwiefern?

Fussek: Mir persönlich war das Ende zu heftig. Wie der eine Heimbewohner da ein Massaker anrichtet, wie er einen Massenmord begeht, das war mir zu viel. Dass ein Bewohner überhaupt eine scharfe Waffe bei sich hortet, halte ich für unrealistisch. Natürlich – es ist ein Krimi, ein Fernsehfilm. Aber ich befürchte, dass bei vielen Zuschauern „nur“ dieses heftige Ende im Bewusstsein bleibt und nicht die Botschaften, die der Film eigentlich – und völlig zu Recht – auch enthielt.

Welche Botschaften meinen Sie konkret?

Fussek: Der Film hieß ja Nachtdienst – und damit war eines der großen Probleme der Pflege schon umrissen. Ich bekomme seit circa 30 Jahren täglich verzweifelte Hilferufe von Menschen, die in der Pflege arbeiten. Die meisten beziehen sich auf die Situation in der Nachtwache.

Weil dort die Zustände am schlimmsten sind? Weil es nachts noch weniger Personal gibt als tagsüber?

Fussek: Ja, genau. Es fängt damit an, dass es im Grunde keine gesetzliche Regelung dafür gibt, wie viele Pfleger für wie viele Patienten anwesend sein müssen. Es gibt Empfehlungen – übrigens von Bundesland zu Bundesland verschieden –, aber es interessiert niemanden, ob diese Empfehlungen eingehalten werden. Es wird schon tagsüber wenig kontrolliert, aber nachts noch seltener.

Claus Fussek.

Im Film waren drei Pflegekräfte für viel zu viele Bewohner zuständig.

Fussek: Ja, und das ist leider eine realistische Darstellung der Lage. Überhaupt hat der Film viele Probleme schon gut benannt. Dass unruhige Bewohner fixiert werden, dass sie mit Medikamenten ruhig gestellt werden, Psychopharmaka bekommen, damit sie nicht aggressiv oder gewalttätig werden. Dass es keine Zeit gibt, Windeln zu wechseln, beim Sterben die Hand zu halten oder getröstet zu werden. Die Einsamkeit der Bewohner ist ein großes Problem, die personelle Situation der Pfleger dramatisch, sie arbeiten häufig am Limit. Die Personalsituation in der Nacht ist in Heimen so, als würden Sie ohne Bremsen Auto fahren.

Dafür würde ich bestraft. Ein Auto käme so niemals durch den TÜV.

Fussek: Eben. Nur in der Pflege schaut keiner hin. Wir haben es hier mit organisierter Verantwortungslosigkeit zu tun. Wir lassen die Alten und die Pflegekräfte im Stich.

Wie kann das sein?

Fussek: Das ist ein gesellschaftliches Problem. Wir haben uns offensichtlich an die Zustände gewöhnt – und verdrängen sie. Kollektiv. Wir wollen die Bilder nicht sehen.

Was wäre Ihre Forderung?

Fussek: Wir brauchen einen solidarischen Aufschrei. Pflegekräfte, Angehörige, auch Ärzte, die in Heimen arbeiten, und letztlich auch Polizisten, die auch häufig mit dementen Menschen konfrontiert werden und viel besser für diesen Umgang geschult werden müssten, sollten sich zusammentun und die Missstände benennen. Die Medien sollten wieder öfter berichten. Es wäre schön, wenn auch dieser Film einen Beitrag dazu leisten könnte. Ich hoffe, dass die Zuschauer in Erinnerung behalten, was sie in diesem Heim gesehen haben. Ich möchte an dieser Stelle allerdings auch betonen, dass es selbstverständlich auch gut geführte Heime gibt, in denen sich verantwortungsbewusste Mitarbeiter um das Wohl von Bewohnern und Pflegekräften kümmern und zum Beispiel eine palliative Pflege anbieten und die Menschen in ihrer letzten Stunde nicht alleine lassen.

Matthias Brandt will weg vom "Polizeiruf 110"

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