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Thilo Mischke

ProSieben-Experiment

Er will sieben Tage lang im Glas-Container leben

Essen - Der gläserne Reporter: Ein 33-Jähriger legt für einen Privatsender eine Woche lang sein Leben offen. Rund um die Uhr. „Ich stehe der Öffentlichkeit zur Verfügung“, kündigt das Versuchskaninchen an.

Thilo Mischke ist ein Meister der Selbsterfahrung. Für eine Zeitungsreportage wagte er sich im pinken T-Shirt unter betrunkene Heavy-Metal-Fans. Und vor seinem Buch „In 80 Frauen um die Welt“ hatte er mit Freunden gewettet, er könne sieben Dutzend junger Damen rund um den Globus verführen. Sein neuestes Experiment hat da einen viel ernsteren Hintergrund. Der 33-Jährige macht öffentlich auf das Thema Überwachung aufmerksam. Für die ProSieben-Sendung „Galileo“ steigt er in einen Container aus Glas.

Mitten in der Innenstadt von Essen, am Burgplatz, können Passanten sieben Tage sein Leben aus allen Perspektiven beobachten. Monitore übertragen, auf welchen Webseiten er surft. Kameras beobachten ihn auf Schritt und Tritt. 24 Stunden am Tag läuft der Stream im Netz. Das „Galileo“-Special „We Are Watching You“, dass neben Live-Schalten auch ein Best-Of des Tages zeigt, beginnt am Sonntag um 19.05 Uhr.

„Die Idee ist, dass wir ständig einer Überwachung preisgegeben sind. Aber das stört uns scheinbar nicht“, sagt der in Ost-Berlin geborene Mischke über den Grundgedanken. „Die Bürger der DDR sind 1989 noch auf die Straße gegangen, um sich der Überwachung zu entziehen. Und jetzt scheint es gang und gäbe zu sein, dass man sich überwachen lässt und das gar nicht schlimm findet.“ Man habe das Experiment daher auf die Spitze getrieben. „Was passiert mit einem Menschen, der sich einer fast sieben Tage dauernden 24-stündigen Dauer-Überwachung hingibt? Verändert er sich? Verändert er sein Verhalten?“ Mischke zieht Parallelen zu George Orwells „1984“, mit der Überwachungs-Show „Big Brother“ habe das, was er plant, aber nichts zu tun, betont er.

Einziger Schutzraum des Containers mit Bett und Schrank und Tisch ist das Bad. „Ich könnte, wenn ich wollte, häufig auf die Toilette gehen oder den ganzen Tag duschen. Aber das widerspricht ja der Idee. Einen gewissen Masochismus bringe ich an der Stelle auch mit.“ Draußen am Container sind Monitore angebracht, auf denen man sieht, was das menschliche Versuchskaninchen so treibt, was es twittert und schreibt. Auch gespeicherte Fotos vom Handy des Reporters flammen auf. Alle seine Telefonate werden über Lautsprecher übertragen.

Jeder kann Mischke eine Twitter-Nachricht mit dem Hashtag „#Ichsehedich“ schicken. Für Freunde des analogen Kontakts ist aber auch Klappfenster an der Glasbox angebracht. „Man kann auch mit mir Schach spielen. Ich stehe ja der Öffentlichkeit zur Verfügung“, sagt Mischke. Was ihn antreibt: „Mich hat gereizt, dass ich ein Publikum erreiche, dass ich normalerweise nicht erreiche - mit einem Thema, das für diese Zuschauer normalerweise nicht interessant ist.“

Jede Sendung in der „Galileo“-Themenwoche zur Überwachung greift ein Thema auf: Wo hinterlassen wir überall Spuren im Netz? Wer profitiert von unseren Daten? Wer verdient daran? Ein Hacker will in verschiedene Systeme eindringen. „Mit dem Experiment wollen wir das abstrakte Thema Überwachung anfassbar und erfahrbar machen“, erklärt „Galileo“-Redaktionsleiterin Katja Hahn. „Wir führen den Zuschauern vor Augen, dass sie digitale Spuren hinterlassen, was immer sie tun. Ob sie das wollen oder nicht. Die meisten Privatpersonen tun den Gedanken ab und argumentieren: „Sollen sie mich doch überwachen, ich habe nichts zu verbergen.“ Da wollen wir auf die Galileo-typische Art sensibilisieren: informativ, aber ohne erhobenen Zeigefinger.“ Das heißt: Der Reporter muss Aufgaben, sogenannte Challenges, meistern. Außerdem geht es darum, ob sich in seiner Psyche etwas verändert.

Mischke sagt auf die Frage, ob er sich auf etwas in dieser Woche besonders freut: „Vielleicht ein bisschen Ruhe zu haben. Mein ganzes soziales Umfeld weiß Bescheid: Wenn sie mich anrufen, wird das, was sie sagen, öffentlich bekanntgegeben, was dazu führen wird, dass mein soziales Umfeld mich nicht mehr anrufen wird.“

dpa

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