"Wir werden nicht mehr bezahlen als bisher"

München - Das Internet und die damit verbundenen Möglichkeiten, vom passiven Konsumenten medialer Inhalte zum Anbieter, zum "Sender" zu werden, stehen heuer im Mittelpunkt der Münchner Medientage.

Auf der Tagesordnung des dreitägigen Fachkongresses in der Messe München, die heute traditionell mit dem hochkarätig besetzten "Mediengipfel" beginnt, stehen aber auch neueste Entwicklungen bei den klassischen Medien von der Zeitung über das Radio bis hin zu Fernsehen und Film. Wir sprachen zum Auftakt mit dem ARD-Vorsitzenden Fritz Raff (59).

-Seit knapp drei Wochen tritt Harald Schmidt im Ersten gemeinsam mit Pro Sieben-Nachwuchsstar Oliver Pocher auf. Erfüllen die beiden Ihre Erwartungen nach den ersten Sendungen?

Ich denke, sie geben Anlass zu Optimismus.

-Das klingt aber sehr verhalten...

Pocher soll der Show Zuschauer aus einer anderen Altersgruppe erschließen. So etwas muss sich entwickeln, das kann man nach so kurzer Zeit noch nicht abschließend beurteilen.

-Pochers Engagement könnte man als Teil einer Initiative der ARD deuten, das Publikum zu verjüngen. In die gleiche Richtung geht die Entscheidung, Volksmusiksendungen wie "Kein schöner Land" und "Straße der Lieder" einzustellen. Wo bleiben in ihrer Zuschauerkalkulation die Älteren?

Die werden ja weiterhin bestens bedient durch die traditionell von ihnen gern gesehenen Sendungen wie Nachrichten, politische Magazine, politische Talkshows und Dokumentationen, aber auch bei Jung und Alt beliebten Unterhaltungssendungen wie "Verstehen Sie Spaß". Außerdem gibt es weiterhin Volksmusik im Ersten, zum Beispiel den "Musikantenstadl" und die "Feste der Volksmusik".

-Ein Markenzeichen der ARD droht Ihnen unfreiwillig abhanden zu kommen - die "Sportschau" mit dem Bundesligafußball. Wie wollen Sie den Verlust abwenden?

Die "Sportschau" ist zweifellos ein gutes, ein wichtiges Produkt, das in allen Altersgruppen sehr stark nachgefragt wird. Wir sind optimistisch, dass es uns gelingt, die Sendung in ihrer jetzigen Form zu erhalten. Klar ist aber auch, dass wir nicht in der Lage sind, künftig mehr für die Rechte zu bezahlen als bisher. An einem Wettbieten werden wir uns nicht beteiligen.

-Das wird der ARD-Zuschauer, wenn er auf den Fußball zu einem frühen Zeitpunkt am Samstag verzichten muss, aber möglicherweise nicht verstehen...

Wir müssen den Realitäten ins Auge sehen. Es zeichnet sich ab, dass wir auch für die nächste Gebührenperiode - wenn überhaupt - lediglich eine Erhöhung erwarten können, die sich an der allgemeinen Inflationsrate orientiert. Damit würde die medienspezifische Teuerungsrate zum dritten Mal hintereinander in einer Gebührenperiode nicht berücksichtigt. Das bedeutet, dass wir sehr restriktiv mit unseren Mitteln umgehen müssen.

-Es bleibt also bei den rund 80 Millionen Euro, die Sie derzeit für die Zweitverwertungsrechte zahlen?

Wir bieten eine tolle Sendung und eine tolle Zuschauerakzeptanz. Es ist nicht einzusehen, dass wir, die wir diesen Sport populär gemacht haben, ihn nun mit noch mehr Geld zurückkaufen.

-Das jüngste Gebührenurteil des Bundesverfassungsgerichts stärkt den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, trotzdem halten nicht nur die Politiker die Gebühren für zu hoch für das Gebotene, auch viele Bürger murren vernehmlich und werfen Ihnen vor, vor allem auf leichte Unterhaltung zu setzen.

Was falsch ist, wird auch durch wiederholte Behauptung nicht richtiger. Ich empfehle den Kritikern, sich einmal die Programmschemata des Ersten, unserer Dritten und die von Arte, 3sat, dem Kinderkanal oder Phoenix anzuschauen. Wir haben allein im Ersten die nach wie vor am meisten nachgefragte Nachrichtensendung, mit der bei uns der Hauptabend beginnt. Wir haben allein im Ersten von Montag bis Donnerstag politische Magazine, Wirtschaftsmagazine oder den politischen Talk. Wir haben nach wie vor Spitzenfernsehfilme - denken Sie nur an den Zweiteiler "Contergan", der heute und morgen bei uns läuft. Und das - den Hörfunk und das Angebot des ZDF eingeschlossen - für nicht einmal 60 Cent pro Tag. Ich meine, damit können wir uns ganz gut sehen lassen.

-Kritik gibt's auch von der privaten Konkurrenz, die Ihnen übelnimmt, dass Sie nun neben Phoenix noch einen weiteren - digitalen - Informationskanal installieren wollen. Gehört das noch zur vielzitierten Grundversorgung?

Wir haben mit Eins Festival, Eins plus und Eins extra seit zehn Jahren ein digitales Angebot. Und seit zehn Jahren kündigen wir an, dass wir die Ausrichtung dieser Angebote präzisieren wollen, entsprechend den Vorgaben der EU. Wir haben jetzt konkretisiert, wie dieses Informationsangebot aussehen soll, beispielsweise indem wir die Zahl der Ausgaben der "Tagesschau" zwischen 9 und 19 Uhr erhöhen. Ich denke, das ist ein typisches öffentlich-rechtliches Angebot, und ich freue mich auf den publizistischen Wettbewerb mit den kommerziellen Programmanbietern.

-Man könnte jetzt aber schon ketzerisch fragen, warum Sie eine neue Baustelle aufmachen, wenn doch angeblich das Geld so knapp ist.

Warum sollen wir, die wir redaktionell bestens ausgestattet sind, die wir das weltweit dichteste Korrespondentennetz haben, die Gebührenzahler über die ARD-"Tagesschau" hinaus nicht teilhaben lassen an bester, zeitnah präsentierter Information? Das wäre doch überhaupt nicht zu verstehen. Die digitale Welt ermöglicht es uns - wie unseren Mitbewerbern auch - themenbezogene Begleitangebote zu machen. Im Übrigen weise ich darauf hin, dass es im Bereich der privaten Nachrichtenkanäle ein aus Pro Sieben-Sat 1 und RTL bestehendes Duopol gibt. Schon im Sinne der Vielfaltssicherung halte ich es für geboten, hier auch ein öffentlich-rechtliches Angebot zu schaffen.

-Derzeit im Durchschnitt rund 450 Millionen Euro jährlich an Werbeeinnahmen stehen in den Etats von ARD und ZDF rund sieben Milliarden Euro an Gebührengeldern entgegen. Denkt man bei der ARD nicht von Zeit zu Zeit darüber nach, auf die Werbung ganz zu verzichten, um sich nicht länger dem Vorwurf auszusetzen, man bediene sich nach Belieben aus zwei Quellen?

Dazu ist zunächst zu sagen, dass ja auch die Werbewirtschaft daran Interesse hat, bei uns zu werben, am liebsten noch mehr als bisher. Im Hörfunk wäre es auch für die kommerziellen Radioprogramme schlecht, wenn unsere populären Programme nicht mehr werben dürften, weil dies den gesamten Werbeträger Radio schwächen würde. Ich glaube auch nicht, dass die Werbung von den Zuschauern insgesamt so negativ gesehen wird. Natürlich wird über dieses Thema nachgedacht. Nach Berechnungen der neutralen Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Öffentlich-Rechtlichen müsste der Verzicht auf Werbung und Sponsoring mit einer zusätzlichen Gebührenanpassung von 1,43 Euro monatlich kompensiert werden, um die Einnahmeverluste auszugleichen. Nachdem aber aufgrund der demografischen Entwicklung die Zahl der Gebührenzahler zurückgehen wird und wir in der nächsten Gebührenperiode schon deswegen mit Ausfällen rechnen müssen, gibt es im Moment keinen Grund, zusätzlich eine Diskussion über den Verzicht auf Werbeeinnahmen zu führen.

-Und wenn Ihnen die 1,43 Euro zusätzlich von der Politik garantiert würden?

Dann stellt sich die Frage neu.

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