Nachruf auf TV-Legende

Wolfgang Rademann: Der Mann, der uns träumen ließ

München - Die Kritiker haben ihn verrissen, das Publikum hat seine Serien geliebt: Wolfgang Rademann hat mit der „Peter Alexander Show“, „Traumschiff“ und der „Schwarzwald-klinik“ TV-Legenden erschaffen. Sein Motto: Es muss menscheln, nicht kriseln. Jetzt ist Rademann mit 81 Jahren gestorben.

Das Ende des Abendlands wird ja hierzulande gerne und oft heraufbeschworen. In früheren, womöglich besseren Zeiten war dafür regelmäßig das Fernsehen verantwortlich. Und dann erstaunlich oft Sendungen, für die TV-Produzent Wolfgang Rademann verantwortlich war. Als 1985 beispielsweise seine „Schwarzwaldklinik“ startete, schrieben sich Heerscharen von Kritikern regelrecht die Finger blutig, so empört waren sie über die „triviale Volksverdummung“. Drunter ging es nicht, es stand schließlich das Abendland auf dem Spiel.

Nun: Das Abendland hat die „Schwarzwaldklinik“ überstanden wie so manches andere zuvor und danach. Und die Menschen in Deutschland, die konnten von Doktor Brinkmann und den anderen Halbgöttern in Weiß nicht genug bekommen. 28 Millionen Zuschauer hatten manche Folgen, das schaffen heute nur noch Finals der Fußball-WM mit deutscher Beteiligung.

Rademann hatte den richtigen Riecher gehabt, wie so oft. Und die Meinungen der Kritiker haben ihn ohnehin nie interessiert. Er werde nicht von jenen bezahlt, hat er gerne gesagt. Seine Währung sei die Quote. Und Quote brachte der Mann so zuverlässig und beständig wie kein anderer Macher in der Fernsehbranche. Denn Rademann war genau das: ein Macher. Kein Medienmanager oder einer dieser Produzenten, die sich für verkannte Künstler halten.

Rademann war Kriegsgeneration, er gehörte zu denen, die nicht von irgendwas träumten, schon gar nicht von „Irgendetwas mit Medien“. Er war einer, der anpackte, von Anfang an. Nach der Volksschule wurde eine Lehre gemacht, es musste Geld verdient werden, der Vater war gestorben. Rademann lernte Schriftsetzer und rutschte so zum Journalismus durch, dort, wo man diesen von Grund auf lernte – im Lokalen. Nah am Menschen, wenn man so will. Es war seine Schule, sein Leben lang hat Rademann täglich Zeitungen durchwühlt, auf der Suche nach Ideen und Filmstoffen.

Nebenher entdeckte er den Rundfunk für sich und beschloss 1958, die DDR zu verlassen. Der Westen schien ihm für sein Tätigkeitsfeld das vielverprechendere Territorium zu sein. Für den Berliner Rademann war der Zonenübertritt eine vergleichsweise leichte Übung, er ging einfach vom Osten in den Westen der Stadt, die Mauer gab es noch nicht. Er fand schnell Anschluss im Westen und kam erstmals – Berlin-West war ein überschaubarer Mikrokosmos – in Kontakt mit der Showbranche. Er wechselte die Seiten, aus dem Journalisten wurde ein Presseagent, ein sehr erfolgreicher: Peter Alexander gehörte zu seinen Kunden. Völlig unbeabsichtigt absolvierte Rademann im Grunde die perfekte Ausbildung für einen erfolgreichen Fernsehmacher, diese Art von Laufbahn wäre heute schwer vorstellbar.

Beim neu gegründeten ZDF brachte Rademann dann in den 1960er-Jahren seine ersten Ideen unter. Es waren Sendungen, die man heute als „Personality-Show“ bezeichnen würde. Anneliese Rothenberger, Peter Alexander, später Lili Palmer waren die Stars des Abends. Man sang, sprach mit Gästen, es wurde getanzt und bei Peter Alexander auch ein bisschen geblödelt. Mit „Ein verrücktes Paar“ schmuggelte Rademann gepflegten Klamauk in das damals doch recht hüftsteife deutsche Fernsehen. Im Rückblick ist das nicht furchtbar originell, was Harald Juhnke und Grit Boettcher da aufführten, aber man muss bedenken: Für damalige Verhältnisse war das fast schon anarchisch und ein klein wenig verrucht. Es war auch Rademann, der Juhnke damals wieder auf die Spur brachte: Nach einem seiner Alkohol-Abstürze besuchte er ihn und engagierte ihn vom Fleck weg für seine Sketch-Serie „Ein verrücktes Paar“. Juhnke musste Rademann allerdings versprechen, dass er während der Dreharbeiten nicht erneut abstürzt. Juhnke hielt Wort.

Es lief gut für Rademann. Außerordentlich gut. Die Sendungen vermittelten heile Welt in unübersichtlichen Zeiten. Terrorismus, Ölkrise, Rüstungswettlauf – das alles wurde ausgespart. In Rademanns Sendungen gab es kaum je richtige Bösewichte, es menschelte gar sehr, und für jedes kleine Problem gab es eine einvernehmliche Lösung. Die Erfolgsrezeptur von Rademann, der durchaus stolz darauf war, zu riechen, was die Leute gerne sehen wollen.

Diese harmlose Biederkeit hat man Rademann und gerade der „Schwarwaldklinik“ oft vorgeworfen, aber das war in Wahrheit bigotte Heuchelei. Wenn in der Serie doch brisante Themen wie Selbstjustiz oder Kindesmissbrauch vorkamen, kam von denselben Kritikern sofort das Gejaule von der Verrohung im TV. Das ZDF zog deswegen sogar eine ganze Folge der „Schwarzwaldklinik“ zurück. Dennoch blieb Rademann dem ZDF unverbrüchlich verbunden. Dort ließ man ihn machen, der Erfolg gab Rademann Recht. Er vertraute seinem Instinkt und nicht etwa der Marktforschung oder selbsternannten Medien-Experten.

Als das Privatfernsehen aufkam, gab es Versuche, Rademann für sehr viel Geld wegzulocken, aber der widerstand. Er habe keine Lust sich von ahnungslosen Jungredakteuren Fernsehen erklären zu lassen, hat Rademann das später einmal sehr nachvollziehbar begründet.

Tatsächlich kann man sich einen wie Rademann nicht so recht in den schicken Konzernzentralen der Privatsender vorstellen. Ein Mann, der einfach sagte, was er dachte, der sich bis zuletzt weigerte, einen Computer anzuschaffen und der sich zu jedem noch so entlegenen Drehort Tageszeitungen in Koffern nachschicken ließ, weil er keine Lust hatte, E-Paper zu lesen.

Er war immer präsent bei seinen Projekten, kümmerte sich am Set um alles, was so anfiel. Ein Macher eben und einer, der bei Dreharbeiten nahbar war. Nicht zuletzt für die Schauspieler, bei deren Auswahl er sich das letzte Wort vorbehielt. Er mochte Schauspieler, noch so eine Sache, die ihn von einigen anderen Produzenten unterschied. Und aus diesem Grund wollte er gute Stimmung an Bord des Schiffs. „Arschlöcher und Suffköpfe“ heuerte er deshalb nie an, wie er einmal erklärte. Ein Kümmerer, der niemanden vergaß – in einer Branche, in der Gedächtnisverlust eine weit verbreitete Diagnose ist, ist das mehr als bemerkenswert.

Mindestens ebenso beachtlich war: Rademann war nicht nachtragend. Als Christoph Maria Herbst nach dem „Traumschiff“-Dreh ein recht boshaftes Buch über den „Wander-Flohzirkus“ verfasste, regte sich Rademann nicht auf. Herbst hätte mit dem Buch halt Geld verdient. „Ist in Ordnung.“ Andere hätten mindestens nach der GSG 9 gerufen.

Aber Rademann sah das Geschäft ohnehin sportlich und war uneitel. Dass die Idee zum „Traumschiff“ kam, als er die US-Serie „Love Boat“ sah, hätte der Fernsehmacher nie bestritten. Seine Leistung war es ja, die Sache an deutsche Standards und Sehgewohnheiten anzupassen. Man muss ja auch ein Gespür dafür haben, ob eine Serie, die irgendwo anders erfolgreich ist, auch in Deutschland ankommt. Das war die eigentliche Begabung von Rademann.

So war es dann auch bei der „Schwarzwaldklinik“, die ersann Rademann, als er die vergleichsweise obskure tschechische Serie „Das Krankenhaus am Rande der Stadt“ entdeckte. Den Einfall, aus Ärzten, die im Kittel mit Röntgenbildern auf Krankenhausfluren herumstehen, einen Quotenhit zu fabrizieren – diesen Einfall muss man erst einmal haben.

Rademann arbeitete unermüdlich bis zuletzt, obwohl es ihn hätte zermürben können, dass das ZDF seine Projekte oft gegen den „Tatort“ antreten ließ – im verzweifelten Bemühen, im Quotenkampf gegenzuhalten. „Kannste nichts machen.“ Jammern war Rademanns Sache nicht. Als man ihm im November des vergangenen Jahres den Bambi überreichen wollte, fehlte er schon krankheitsbedingt. Ruth Maria Kubitschek, Rademanns Lebensgefährtin seit 40 Jahren, nahm die Trophäe stellvertretend in Empfang.

Wolfgang Rademann ist nun nach längerer Krankheit im Alter von 81 Jahren gestorben – und damit wohl auch seine Art Fernsehen zu machen. Macher wie ihn gibt es nicht mehr, er wusste es selbst. „Wenn ich weg bin, ist der Fall erledigt.“

Zoran Gojic

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