Wir wollen irritieren

- Seine Sendung läuft ­ bisher­ "nur" im WDR-Fernsehen, und doch ist Frank Plasbergs Talkmagazin "Hart aber fair" längst bundesweit ein Begriff. Seit dem Start im Jahr 2001 sammelte der 49-Jährige, dessen ebenso kompromissloses wie einfühlsames Nachfragen gerühmt wird, fast alle wichtigen Fernsehpreise.

Kein Wunder, dass der Mann aus Remscheid (Nordrhein-Westfalen), der Polizeireporter bei der "AZ" war und später Hörfunk beim damaligen Südwestfunk (SWF) in Baden-Baden machte, zuletzt für die höchsten Weihen im Gespräch war. Zwar fiel die Wahl bei der Christiansen-Nachfolge am Ende auf Anne Will, doch auch Plasberg bekommt spätestens 2008 einen Sendeplatz im Ersten.

Haben Sie Anne Will schon gratuliert zu ihrem neuen Job?

Frank Plasberg: Ich hab‘s versucht, habe sie aber noch nicht erreicht. Ich freue mich für sie, bin allerdings auch ein bisschen traurig, weil ich sie dann nur noch vier Mal im Monat sehe und nicht mehr -­ wie jetzt noch bei den "Tagesthemen" ­- 15 Mal.

Hat Sie Ihr scheidender Intendant, Fritz Pleitgen, schon getröstet, weil Sie es nicht auf den Sonntagabendtermin geschafft haben?

Plasberg: Er musste mich gar nicht trösten, er hat mir gratuliert zu dem, was da Tolles passiert ist. Ich war der Meinung, die einzige Chance sei der Sonntag. Ich hatte es nicht für möglich gehalten, dass die ARD einen solchen Kraftakt wagt und in der Woche einen Sendeplatz von wirklich prominentem Zuschnitt freischaufelt. Nun lerne ich, dass der angeblich so behäbige Senderverbund für wunderbare Überraschungen gut ist. Ich finde die Lösung sehr überzeugend.

Viele Beobachter sagen, die ARD habe sich nicht getraut, einen richtig harten Hund am Sonntagabend zu platzieren, und lieber jemand den Vorzug gegeben, der vor allem Charme hat...

Plasberg: Die das sagen, haben keine Ahnung, weil sich Charme und guter Journalismus nicht ausschließen, sondern sich wunderbar ergänzen. Diese Kombination hat einen Namen, und der lautet Anne Will.

Können Sie schon etwas sagen zum Konzept von "Hart aber fair" im Ersten?

Plasberg: Unser Anspruch lautet: Politik trifft Wirklichkeit. Das bedeutet, dass eine Sendung wie die über Sterbehilfe vorgestern abend im WDR-Fernsehen auch im Ersten möglich sein sollte. Das heißt, dass es ganz wichtig ist, nach Menschen zu suchen, die die Auswirkungen von Politik spüren und sie in der Sendung auch artikulieren können. Am Mittwoch war das beispielsweise eine Frau, die ihren unheilbar kranken Bruder in die Schweiz zum Sterben begleitet hat, was er in Deutschland nicht durfte. Und diese Frau aus der Oberpfalz, die vorher gesagt hat, sie sei doch eine einfache Frau vom Land und habe im Fernsehen gar nichts zu suchen, war der Star dieser Sendung. Wenn ich so jemand unter Zeitdruck interviewen müsste, weil wir es nicht geschafft haben, das Format in der ARD auf eine vielleicht etwas kürzere Sendezeit zuzuschneiden, dann hätten wir etwas gründlich falsch gemacht. Deswegen müssen wir sie so planen, dass normale Menschen auch Zeit haben, ihre Geschichte zu erzählen.

Wie lang sollte "Hart aber fair" im Ersten dauern, wenn es nach Ihnen ginge?

Plasberg: Mindestens 60, höchsten 90 Minuten.

Sie haben -­ je nach Perspektive ­- Ihre Sendung vor oder nach der von Anne Will. Nimmt man sich da nicht gegenseitig die Gäste weg?

Plasberg: Jeder wird auf seinem Sendeplatz und mit seinem Format das Beste geben. Das geht nur in partnerschaftlicher Konkurrenz. Das schließt natürlich ein, dass man keinen Gäste-Kannibalismus betreibt. Wichtig ist, dass beide Sendungen ihr Profil auch gegeneinander schärfen. Dann hat der Zuschauer einen Gewinn.

Wenn Sie zu definieren hätten, was Ihr Talkmagazin, wie Sie selbst es nennen, leisten soll, wie würde diese Definition aussehen? Was erwarten Sie von sich?

Plasberg: Ich würde mir wünschen, dass die Zuschauer hinterher sagen: "Es hat sich gelohnt, dafür Lebenszeit geopfert zu haben." Das heißt im besten Fall, dass wir sie erschüttert haben, nicht in dem Sinn, dass sie in Tränen ausgebrochen sind. Wir wollen irritieren, Menschen aus eingefahrenen Denkweisen herausbringen, so wie wir selbst bei der Recherche oft darüber erstaunt sind, wie wenig unsere eigenen Vorurteile manchmal stimmen. Das darf auch mal unterhaltend sein oder berührend wie am vergangenen Mittwoch. Wenn Zuschauer sagen: "Na, die haben sich ja toll gestritten", dann wäre das zu wenig.

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