Die Experten für Filmtricksereien

Die wundersame Vermehrung der Käfer

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München - Eine Münchner Postproduktionsfirma schaffte das perfekte Ambiente für den historischen Dreiteiler „Ku’damm 56“ - ein Besuch.

So, das hätten Sie jetzt nämlich nicht gedacht! Die Tiere, die in „Nils Holgerssons wunderbare Reise“, diesem großartigen Fernsehmärchen, so fröhlich umherliefen, die waren nicht die Spur echt. Alles am Computer zusammengebaut. Und wenn bei einem Antikriegsfilm mal wieder zig Panzer in Kolonne übers Schlachtfeld rattern? Na, was denken Sie denn, wie hoch so ein Fernsehetat ist? In Wahrheit ist’s nur ein Panzer, am Bildschirm wieder und wieder dupliziert. „Alles andere wäre viel zu teuer“, sagt Waheed Zamani und lacht. Er ist Geschäftsführer von der Postproduktionsfirma D-Facto Motion, die in der Bavaria Filmstadt in München-Geiselgasteig angesiedelt ist. Filmfans sollten sich genau überlegen, ob sie an seinem Arbeitsplatz vorbeischauen, denn dieser Ort ist zweierlei – ver- und entzaubernd zugleich.

Die Entzauberung beginnt, wenn Zamani im dunklen Vorführraum den Trailer mit Arbeitsproben abfährt. Den Experten für die Filmtricksereien scheint’s zu amüsieren. Eine Explosion auf dem Bildschirm, sein trockener Kommentar: „Die ist gar nicht da. Wäre doch viel zu gefährlich, so nah an den Autos.“ Klar. Aber das Feuer, das ist doch wirklich gelegt worden, oder? Ein Schmunzeln, das eine Antwort eigentlich erübrigt. Zamani: „Nein, so ein Haus in Brand zu setzen würde doch Millionen kosten.“ Das Flugzeug, der Fluss, die Eisenbahn – alles der Fantasie der Visual Effects (VFX)-Profis entsprungen. Und der Schuss, den der Kamerad auf der Leinwand da gerade abfeuert? „Mitten in die Kamera?“ Wieder dieses amüsierte Lächeln: „Das wäre ein gefährlicher Job für die Leute dahinter.“

Sein Unternehmen ist eine der größten Postproduktions- und VFX-Firmen in Deutschland. Im Jahr 2004 auf dem Gelände der Bavaria Film gegründet, ist sie mittlerweile in fünf Städten aktiv. Muss sie auch sein, um in dem hart umkämpften Markt konkurrenzfähig zu bleiben. Denn was auf dem Bildschirm wie eine lustige Zauberschau wirkt, ist in Wahrheit harte Arbeit. Wenn beispielsweise in Berlin gedreht wird, dann sind von Zamanis dortigem Team Mitarbeiter am Set, um bereits dort auf den Dreh einzuwirken. „So vermeiden wir unnötige doppelte Arbeitsschritte“, erklärt er.

Bestes Beispiel ist der Dreiteiler „Ku’damm 56“, der an diesem Sonntag (20.15 Uhr) im ZDF startet. Es ist eine Zeitreise in die Fünfzigerjahre, mitten hinein ins Deutschland der Wirtschaftswunderjahre. Die Straßenzüge sahen damals naturgemäß noch etwas anders aus als heute. Nun könnte das Filmteam einfach drehen, das Rohmaterial der Postproduktion mit schönen Grüßen überlassen – und seinen Wünschen, was am Ende bitte herauskommen soll. Viel einfacher aber ist es, wenn Regisseur und Kameraleute Zamanis Team schon weit vorher mit in die Planung einbeziehen. „Dann können wir bereits bei der Drehbuchbesprechung sagen, was geht und was nicht“, erklärt der Chef.

Automodelle aus längst vergangenen Jahrzehnten über die Straßen rollen lassen etwa – kein Problem. Muss aber am Ort vorbereitet werden. So 20 bis 30 Mal lärmt ein VW Käfer (wie ein VW Käfer eben lärmen konnte) über den Berliner Kurfürstendamm. Die Kamera filmt das in verschiedenen Einstellungen – und aus diesen Fahrten eines einzigen Autos machen die VFX-Experten am Bildschirm am Ende ein buntes Summelsurium von verschiedenen Wagen. „Wir schneiden den einen Käfer raus und setzen ihn zu unterschiedlichen Zeiten des Films wieder ein. Verwandeln ihn von einem roten Auto in ein grünes und so weiter“, erklärt Zamani.

Damit alles historisch korrekt ist, sichtet das Ausstattungsteam Archivmaterial – Fotos, Postkarten, alles, was zu finden ist, um das ehemalige Stadtbild zu rekonstruieren. Der Regisseur macht sich daraus ein Bild – und die Techniker erwecken die alte Stadt zum Leben. Haus für Haus, Baum für Baum.

Und nun setzt sie ein, die Verzauberung. Wenn Waheed Zamani Vorher-/Nachherbilder zeigt, dann ist das schlichtweg faszinierend. Aus einer schnöden Hauptstraße des Jahres 2016, gesäumt von Ein-Euro-Shops und Dönerbuden, wird eine Prachtallee der Goldenen Fünfziger.

Neben den Spezialeffekten braucht’s dazu auch die Postproduktion. Die ist mindestens genauso aufwändig. Denn damit alles wirklich nach vergangenem Jahrhundert ausschaut, legen Zamanis Fachleute einen Braunton über die Bilder. Die eine Schauspielerin hätte gern weißere Zähne? Alles klar, dann werden sie in jeder einzelnen Szene aufgehellt. Einen Hausflur konnte man aus drehplantechnischen Gründen nur am Tage filmen? Wieder sind die Münchner gefragt. Sie setzen ihn ins rechte Licht. Aus hell wird dunkel. So wird allein durch eine andere Farbgebung aus strahlender Rosamunde-Pilcher- Optik düstere Krimiatmosphäre. Die gesamte Nachbearbeitung eines Fernsehfilms kostet die Firma neun bis zwölf Monate. Kinofilme nehmen bis zu zwei Jahre in Anspruch.

Aber ganz ehrlich, Herr Zamani, bei dem, was heute technisch alles möglich ist – glauben Sie überhaupt noch Bewegtbildern, die vor allem im Netz kursieren? „Nein, nur noch Lehrfilmen“, ruft er augenzwinkernd. „Einen Film kann man heute so oft umschneiden, so viele verschiedene Versionen daraus machen, dass er jedes Mal eine komplett andere Bedeutung hat.“ Waren wir dann gar nicht auf dem Mond? Wieder grinst er sympathisch: „Ja, daran kann man zweifeln. Wobei, damals war es schwieriger, das zu inszenieren – aber es war durchaus möglich.“ Heute wäre das ein Kinderspiel. „Heute können wir jeden Menschen auf den Mond schicken – leider aber nur im Film.“

Das ZDF zeigt

den zweiten und den dritten Teil von „Ku’damm 56“ am Montag und am Mittwoch jeweils um 20.15 Uhr.

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