Mit Zahlen Politik beschreiben

- Er ist der "Herr der Zahlen, Tortendiagramme und Statistiken": Seit 1999 präsentiert Jörg Schönenborn in der ARD die Ergebnisse von Landtags-, Bundestags- und Europawahlen. Mittlerweile ist der 1964 in Solingen geborene Journalist Chefredakteur des WDR, bei dem er als Volontär angefangen hat.

Wenn am kommenden Sonntag die Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt anstehen, wird Schönenborn wie gewohnt die Prognosen, Hochrechnungen und Ergebnisse erläutern.

Haben Sie ein Faible für Zahlen und Diagramme?

Jörg Schönenborn: Nein. Ich habe ein Faible für politische Entwicklungen. Und ich habe gelernt, dass man diese manchmal mit Zahlen ganz gut beschreiben kann. Aber was mich wirklich interessiert, ist die Politik dahinter.

Wie setzen sich denn die Prognosen und Hochrechnungen zusammen?

Schönenborn: Es gibt am Wahltag zwei Quellen: Die wichtigste ist für uns die Wahltagsbefragung durch Interviewer von Infratest dimap, die je nach Größe des Bundeslandes zwischen dreißig- und hunderttausend Interviews vor den Wahllokalen führen. Die zweite Quelle sind Korrespondenten in Wahllokalen, die bei der Auszählung dabei sind. Im Laufe des Abends wird immer ein Stück Prognose gegen ein Stück Realität ersetzt. Das ist das Prinzip der Hochrechnung. Zu Beginn der Sendung sind die Zahlen ja oft noch vage.

Ist das für Sie als Moderator nicht ein Problem?

Schönenborn: Gerade am Anfang ist es spannend, weil ja noch Fragen offen sind. Außerdem haben wir intern in der Regel eine recht gute Einschätzung davon, wie sicher das Fundament ist. Dafür sitzen genügend Wahlforscher im Hintergrund. Insofern ist das kein blauer Dunst, den ich da erzähle, sondern wir wissen genau, ob wir festen Boden unter den Füßen haben.

Dem ist aber doch sicher nicht immer so. Wie groß ist die Sorge, mit Prognosen ganz falsch zu liegen?

Schönenborn: Wir haben in all den Jahren gelernt: Wenn man unsicher ist, muss man das sagen. Wenn man sich so schützt, kann inhaltlich eigentlich nichts passieren.

Schielen Sie zwischendurch auch zu den anderen Sendern hinüber und vergleichen die Zahlen?

Schönenborn: Ja, wir beobachten die Konkurrenz sehr genau. Es gibt Wahlgebiete, gerade in Ostdeutschland, wo alle die gleichen Schwierigkeiten haben. Und da ist es schön, wenn man merkt: Wir sind nicht allein mit unseren Problemen.

Wie schwierig ist es, die ständigen Aktualisierungen fortwährend in die Moderation einzubauen?

Schönenborn: Ich habe ja das Glück, nicht rechnen zu müssen. Das Team von Sozialwissenschaftlern und Mathematikern hinter den Kulissen macht die Arbeit eigentlich ganz allein. Ich tue doch nur das, was man als Reporter tut: Ich beobachte, was passiert, und schildere es. Das ist nicht anders als beim Fußball.

Sind Sie vorher trotzdem noch nervös?

Schönenborn: Eher gespannt. Es gibt bei jeder Wahl andere spannende politische Fragen. In den Tagen davor diskutieren wir hier viel, lesen, hören und sehen sehr aufmerksam und versuchen, eine Ahnung davon zu bekommen, was die wahlentscheidenden Fragen sein könnten. Man muss sich in die einzelnen Länder hineindenken, was unterschiedlich schwer fällt. Jedes Land hat seine regionalen Besonderheiten, die einen Einfluss haben können. Das alles muss man vorher verstehen.

Inwiefern werden die Wahlen am Sonntag ein Stimmungsbild für die Bundespolitik sein?

Schönenborn: Landtagswahlen sind immer kleine Bundestagswahlen. Allerdings ist in Berlin in den letzten Monaten nicht viel Politik passiert. Insofern wird es unter Umständen sehr schwer sein, das Ergebnis zu verstehen. Trotzdem gibt es eine spannende Frage: Welche Rolle wird die FDP künftig spielen? Die wird im Moment gebraucht für die Zweidrittelmehrheit im Bundesrat. Sollte sie aber aus zwei der drei Landesregierungen heraus fliegen, spielt sie plötzlich auch im Bundesrat keine Rolle mehr. Man sieht es erst auf den zweiten Blick, aber solche Entscheidungen könnten die Bundespolitik der nächsten Jahre entscheidend prägen.

Rechnen Sie am Sonntag mit Überraschungen?

Schönenborn: Zumindest, was Sachsen-Anhalt angeht, ist alles offen. Wir vermuten da eine geringe Wahlbeteiligung in einem sowieso schon sehr kleinen Bundesland. Momentan liegt die DVU den Umfragen nach deutlich unter fünf Prozent. Doch denen reichen nur 50 000 Stimmen, um in den Landtag einzuziehen. Wenn Bayern wählt, gibt es immer ein paar Millionen CSU-Wähler, egal ob es regnet oder schneit. Sachsen-Anhalt aber ist auch für uns momentan in Sachen Wahl ein blinder Fleck.

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