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Gipfel des Grauens

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Von: Rudolf Ogiermann

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Die Schauspieler in „Die Wannseekonferenz“
Zusammenkunft zur Organisation des Holocaust: Matti Geschonnecks Film „Die Wannseekonferenz“ nach dem Drehbuch von Magnus Vattrodt erzählt die Ereignisse vom 20. Januar 1942 fiktiv nach. Im Vordergrund in der Mitte Philipp Hochmair als Reinhard Heydrich, Gastgeber der Konferenz. © Julia Terjung/ZDF

Sie kamen zusammen, um den millionenfachen Mord an den europäischen Juden zu organisieren – die Teilnehmer der sogenannten Wannseekonferenz am 20. Januar 1942. Aus Anlass des 80. Jahrestages des Ereignisses erzählt der Fernsehfilm „Die Wannseekonferenz“ die Ereignisse von damals fiktiv nach.

Unter dem Vorsitz von SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich in seiner Funktion als „Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes“ koordinierten Vertreter von SS und andere hochrangiger Funktionäre der Nationalsozialisten Anfang 1942 bei ihrem Treffen in einer Villa am Berliner Wannsee den Holocaust. Protokollführer war Adolf Eichmann, Heydrichs „Referent für Judenangelegenheiten“. Das 15 Seiten umfassende Protokoll – von dem nur ein einziges Exemplar erhalten ist – bildete die Grundlage für Matti Geschonnecks Fernsehfilm „Die Wannseekonferenz“, den das ZDF aus Anlass des 80. Jahrestages vor fünfeinhalb Millionen Zuschauern im linearen Fernsehen zeigte und der nun in der Mediathek zu sehen ist. Zuletzt hat sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an die schrecklichen Folgen der Wannseekonferenz erinnert. Drehbuchautor des hochkarätig besetzten Kammerspiels – unter anderem mit Philipp Hochmair, Maximilian Brückner, Thomas Loibl, Fabian Busch und Simon Schwarz – ist Magnus Vattrodt (50).

Wannseekonferenz (ZDF): Drehbuchautor Magnus Wattrodt über Parallelen von damals zur Gegenwart

Was wussten Sie über die Wannseekonferenz, bevor Sie sich intensiv damit beschäftigt haben?

Magnus Vattrodt: Wenig. Ich kannte den Begriff natürlich aus dem Geschichtsunterricht und wusste, dass er mit dem Holocaust zu tun hat. Aber was genau da besprochen wurde, ist mir erst bei der Arbeit an diesem Projekt klar geworden.

Wie macht man aus den Diskussionsbeiträgen einer Konferenz, deren Teilnehmer im Grunde alle dasselbe wollen, ein spannendes Drehbuch?

Vattrodt: Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Es gab ja keinen unter diesen 15 Männern, der aufgestanden ist und gesagt hat: „Da mache ich nicht mit!“ Aber bei genauerem Hinschauen entdeckt man doch Konfliktpotenzial. Die SS-Führer haben andere Interessen als die Abgesandten der Berliner Ministerien. Die wiederum sehen die Dinge anders als die Vertreter der Verwaltungen in den besetzten Ostgebieten, wo das Töten schon in vollem Gange war. Da werden dieselben Kleinkriege ausgefochten, wie man sie auch aus großen Konzernen kennt – mit dem Unterschied, dass es hier um die geplante Ermordung von bis zu elf Millionen Menschen geht.

Was soll der potenzielle Zuschauer, der vielleicht Heydrich, Eichmann und Freisler kennt, mit Namen anfangen, die er noch nie zuvor gehört hat?

Vattrodt: Mir würde schon genügen, wenn er sich fragt, wie passieren konnte, was da passiert ist. Und was aus den Teilnehmern geworden ist. Die wenigsten wurden ja von der Gerechtigkeit eingeholt – oder von dem, was man dafür hält. Einige sind erst in den Achtzigerjahren gestorben, als hoch angesehene Mitglieder der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Die Namen sind nicht so wichtig, wichtig ist die Sprache, die hier gesprochen wird. Die Selbstverständlichkeit und Strukturiertheit, mit der hier eine Logistik des Tötens ausgearbeitet wird.

Welche schriftlichen Zeugnisse liegen den Dialogen im Film zugrunde? Das Protokoll der Wannseekonferenz ist ja kein Wortlautprotokoll...

Das „Besprechungsprotokoll“
Das Dokument: Nur ein Exemplar des „Besprechungsprotokolls“ blieb erhalten. © Steffen Kugler/dpa

Vattrodt: Das stimmt, es ist aber eine sehr umfangreiche Zusammenfassung, die ganz gut den Ablauf der Konferenz abbildet. Einige wenige Abschnitte konnte man wortgleich übernehmen. Darüber hinaus habe ich mich darüber informiert, wofür diese Leute standen, wer wen vorher schon kannte, wer mit wem schon zusammengearbeitet hatte. Sehr geholfen hat mir dabei das Buch „Die Teilnehmer – Die Männer der Wannseekonferenz“. Aus all dem lassen sich Figuren formen, denen man in einer Art Collage Texte in den Mund legen kann, die an anderer Stelle im „Dritten Reich“ gesprochen oder geschrieben wurden. Das Vokabular, das hier ausgebreitet wird, habe ich mir ja nicht selbst ausgedacht, das kann man alles nachlesen, bei Adolf Hitler, Hermann Göring, Heinrich Himmler und vielen anderen.

Es fallen über eineinhalb Stunden hinweg Euphemismen wie „Endlösung“, „Sonderbehandlung“, „natürliche Verminderung“. Ein Wegschaltimpuls?

Vattrodt: Ich habe aus Gesprächen mit Leuten, die den Film schon gesehen haben, nicht diesen Eindruck. Das Publikum von heute hat ja das Wissen darüber, dass alles, was hier gesagt wird, Mord und Totschlag meint. Diese Wortwahl hat es den Teilnehmern der Wannseekonferenz ja ermöglicht, die grausamen individuellen Schicksale von sich fernzuhalten. Ich glaube, man kann bei genauerem Hinhören erschreckend viele Parallelen zur Gegenwart finden. Es wird auch heute wieder entindividualisiert, es ist von einer „Flüchtlingswelle“ die Rede und von „Schmarotzern“. Diese Sprache ist nicht tot, sie lebt weiter.

Nun gibt es zwei in dieser Runde, die Herren Kritzinger und Stuckart, bei denen man zwischenzeitlich den Eindruck hat, dass sich ihr Gewissen meldet.

Vattrodt: Ich glaube, dieser Eindruck täuscht. Die Gedanken, die sich ein Kritzinger macht, haben mit den deutschen Soldaten zu tun, die da schießen müssen, nicht mit denen, die erschossen werden. Natürlich war das Thema den Teilnehmern, die aus den Ministerien kamen und schon vor der Machtergreifung in der Politik waren, unangenehm. Das heißt aber nicht, dass ihre Haltung projüdisch war. Da geht es um Eigeninteressen, man ist froh, dass das die SS macht und nicht man selbst es machen muss. Die Verantwortung wird weitergereicht, bis nach ganz unten, an die, die schießen müssen. Und der Letzte in der Kette kann sagen: „Ich habe ja nur Befehle ausgeführt.“ Alle sind nur Zahnräder in einem großen Getriebe, es findet sich immer jemand, der mehr Schuld hat.

Gab es Momente, in denen es Ihnen selbst zu viel wurde?

Vattrodt: Natürlich gab es die. Die Öffnung von Archiven im Osten hat in den vergangenen Jahren neue Dokumente zutage gefördert, in denen beispielsweise von Erschießungen großer Menschengruppen die Rede ist und von den Problemen, die es dabei gibt. Das erzeugt Bilder in einem, die man so leicht nicht loswird. Es ist unfassbar, zu sehen, wozu Menschen in der Lage sind, ohne sich dabei schlecht zu fühlen. Das wird hoffentlich auch im Film deutlich: Alle, die hier sitzen und danach wieder nach Hause fahren, fühlen sich als anständige Menschen, die glauben, nur ihre Pflicht erfüllt zu haben.

Roland Freisler, der spätere Präsident des berüchtigten „Volksgerichtshofs“, sagt im Film: „Recht ist, was dem Volke nützt“ und spricht vom „gesunden Volksempfinden“ – man fühlt sich an Formulierungen von heute erinnert, von Pegida, der AfD, den „Querdenkern“. Wiederholt sich Geschichte?

Das Haus der Wannseekonferenz
Der Schauplatz: In dieser Villa am Großen Wannsee in Berlin fand vor 80 Jahren die Zusammenkunft statt. © Annette Riedl/dpa

Vattrodt: Ich glaube nicht, dass sich so etwas wie der Nationalsozialismus und der Holocaust eins zu eins wiederholen können, aber leider liegt so etwas wie Völkermord und Rassenhass natürlich im Bereich unserer menschlichen Möglichkeiten. Die Mechanismen des Totalitarismus gibt es nach wie vor, die menschenverachtende Sprache, den Rassismus und den Antisemitismus. Spätestens, wenn man dem politischen Gegner das Menschsein abspricht, sollten die inneren Alarmglocken zu schrillen beginnen. Was mir dieser Tage aber zu denken gibt: Wie viele Menschen es zu geben scheint, die ein tiefes Misstrauen gegenüber unserer Demokratie und unseren demokratischen Institutionen haben. Das finde ich beängstigend.

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