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Familienoberhaupt mit dunklem Geheimnis: Lea Behrwaldt (Iris Berben) kehrt nach langer Zeit zu ihrer zerrütteten Familie zurück. Im Hintergrund: Katharina Thalbach, Werner Wölbern, Anna Maria Mühe und Jürgen Vogel (v. li.).

Iris Berben in der Hauptrolle

ZDF-Zweiteiler „Familie!“: Berben mit Berben 

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München - Iris Berben spielt die Hauptrolle in dem ZDF-Zweiteiler „Familie!“ – Produziert hat ihr Sohn Oliver Berben.

Wo man auch hinschaut, zu welchem Sender man auch zappt – überall Krimis! Mord und Totschlag sind immer noch eine sichere Bank für eine, Entschuldigung, Mords-Quote. Die Menschen lieben es offensichtlich blutrünstig, das gilt für die Literatur genauso wie fürs Fernsehen. Dennoch forderte Erfolgsproduzent Oliver Berben vor ziemlich genau einem Jahr in einem Interview mit unserer Zeitung: „Wir sollten uns neben den Kriminalgeschichten auch wieder mehr mit Themen wie Familie, zwischenmenschliche Beziehungen oder gesellschaftlichen Aspekten auseinandersetzen.“ Er sei überzeugt davon, dass gesellschaftskritische Geschichten – etwa, wie sie einst Helmut Dietl drehte – im heutigen Fernsehprogramm fehlten. Vor allem im Hinblick auf Mehrteiler und Miniserien. „Wir sollten mehr erzählen, was uns jeden Tag bewegt“, sagte der 45-jährige Münchner.

Oliver Berben wünscht sich weniger Krimis im deutschen Fernsehen.

Und Berben lässt Taten folgen. Heute und Mittwoch (jeweils um 20.15 Uhr) läuft ein Zweiteiler im ZDF, dessen Titel programmatischer nicht sein könnte: „Familie!“ Mit Ausrufezeichen. „Uns interessiert, wie Familie im Jahr 2016 aussieht, wie sie funktioniert“, erklärt der Produzent. „Welche Rolle sie spielt in einer Zeit, in der alle nur noch etwas werden wollen und niemand mehr weiß, wie man jemand ist.“ Wie oft bei Berben, ist der Film auch ein Familien-Werk: Er produziert, Mutter Iris Berben spielt die Hauptrolle – die Familienanwältin Lea Behrwaldt.

„Jede dritte Verbindung hält heute kaum länger als zehn Jahre“, erklärt diese in einer Szene kühl und rational bei Gericht, „und die Schuldfrage ist auch aus dem Scheidungsrecht gestrichen.“ Wieder einmal gewinnt sie einen Scheidungsprozess. Doch was der eleganten Juristin im Beruf so hervorragend gelingt, gerät ihr privat weit weniger erfolgreich: das Thema Familie souverän zu handhaben. Denn diese als Single in Hamburg lebende Lea Behrwaldt hat einen Sohn (Jürgen Vogel, „Das Adlon“) allein groß gezogen, der nun als Spitzengastronom in Berlin arbeitet – doch seinen eigenen Vater nicht kennt.

Zu Sohn Lennart ist Leas Kontakt ebenso dürftig wie der zu ihrer Mutter Alba (Marie Anne Fliegel, „Und alle haben geschwiegen“), die einsam in der alten Familienvilla in der Hauptstadt residiert. Die Probleme bei den Behrwaldts kulminieren, als der Sohn mit der Grafikdesignerin Melanie (Anna Maria Mühe) ein Kind bekommt, aber nach wie vor mit seiner ebenfalls von familiären Sorgen schwer geplagten Sous-Chefin Nida (Natalia Belitski) schläft.

Was so manchem Zuschauer wie ein Fall aus dem wahren Leben vorkommen mag, erzählt Regisseur Dror Zahavi in seinem TV-Zweiteiler nach der Idee und dem Buch von Rainer Berg.

Verstehen sich gut: Melanie Dombrowski (Anna Maria Mühe, links) und Lea Behrwaldt (Iris Berben.

Dabei wirken das Grundthema und der Anfang der Geschichte brisanter als deren weiterer Verlauf. Denn in der Tat sind ein Mangel an familiärer Verbundenheit im klassischen Sinne, die Bereitschaft zu Lebensabschnitts-Partnerschaften und Patchwork-Konstruktionen etwas, was unsere Gesellschaft prägt. Da kann es also besonders spannend geraten, wenn Autoren und Regisseure sich dessen annehmen und etwa sozial-psychologische Aspekte an den Tag holen, die Motive, Hintergründe und Perspektiven erhellen. Die Drehbuchverfasser von „Familie!“ holen denn auch weit aus, vergrößern das gesellschaftliche Spektrum unter anderem noch um die Dombrowskis (Katharina Thalbach, Werner Wölbern), Melanies Proletariereltern, die in der Villa der feinen Alba unbeholfen agieren, dafür mit liebevollem Familiensinn glänzen.

Doch leider verflüchtigt sich die Geschichte aus der scheinbaren Relevanz bald ins Individuell-Obskure. Ausgelöst durch einen Unfall Lennarts, der nicht weiß, wer er ist und was er will, steigen nämlich aus dessen Unbewusstem verdrängte frühe Bilder aus der Kindheit auf. Damit lassen sich dann ein dunkles Geheimnis lösen und am Ende die Beziehungen bei den Behrwaldts in ein annehmbares Lot rücken...

Oliver Berben will übrigens auch künftig mehr Familiengeschichten fürs Fernsehen drehen. In diesen Wochen finden die Vorbereitungen für eine neue Miniserie statt. Bald sollen die Dreharbeiten beginnen. Berben: „Die Bühne ist die Geschichte einer Brauereifamilie, in der nach dem Tod des Patriarchen die Messer gewetzt werden und ein gnadenloser Kampf um die Herrschaft über das Familienunternehmen entbrennt.“ Der (Arbeits-)Titel klingt schon mal sehr vielversprechend: „Bier Royal.“

Ulrike Cordes und Stefanie Thyssen

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