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George Clooney alias Dr. Ross wurde durch „ ER“ zum Star.

Nachruf

Zeitpunkt des Todes: 0.15 Uhr

München - Ab sofort müssen Schwerverletzte ins Nachbar-Hospital: „Emergency Room“, eine der erfolgreichsten TV-Serien weltweit, macht dicht. ProSieben strahlt heute die letzte Doppel-Folge aus.

„Weg vom Tisch“, „Auf eins, zwei, drei“, „Großes Blutbild, Elektrolyte und Thorax-Aufnahme“: Auch Zuschauer, deren Abi-Note weit jenseits des Medizin-Numerus-Clausus liegt und die Klinik nur vom letzten Besuch bei der Oma kennen, wissen Bescheid. Und müssen nun wohl zum Suchtberater: Nach 15 Staffeln mit 331 Episoden ist ein Leben ohne „ER“, wie „Emergency Room“ von Fans flockig-wissend genannt wird, schwer vorstellbar. Für den Sender allerdings schon, der zuletzt – im Vergleich zu den Hochzeiten der Serie – nur noch maue Quoten verbuchte.

Was für das fiktive Chicago von „ER“ das County-Lehrkrankenhaus darstellte, war für Fernsehmacher weltweit ein einschüchterndes Vorbild. So funktioniert eben perfekte TV-Unterhaltung: Die Zutaten – Herzschmerz, schablonenhafte Charaktere vom Gutmenschen bis zum Macho, abgeschlossene Episoden, die zusammen eine Art Fortsetzungsroman ergeben – finden sich überall. Entscheidend für „ER“ waren Mischung und Dosierung dieser Zutaten.

Die Grundidee stammte immerhin von Regisseur Steven Spielberg und Autor Michael Crichton, das Tempo der Fünfzigminüter inklusive spektakulär langer Einstellungen sorgte beim Zuschauen für leichten Schwindel, die Auswahl der Schauspielertypen funktionierte in jeder Neu-Zusammensetzung und über 15 Jahre, eine Armada von Medizin-Experten filzte die Drehbücher auf Schlüssigkeit, 34 Autoren und 49 Regisseure waren beteiligt. Und Parodien hatte „ER“ gar nicht nötig: Mit frechen Sprüchen und manchmal fast satirisch überdrehten Fällen besorgte das die Serie gleich selbst. Wo der Professor Brinkmann der „Schwarzwaldklinik“ staatstragend einen Blinddarm aus dem Bauch fingerte, sorgte „ER“ dafür, dass dem Chefarzt vom Hubschrauber der Arm abgetrennt wurde.

Für einen wurde „ER“ zum Sprungbrett: Ohne die Rolle des zerknautschten Außenseiters Dr. Ross, dessen schwerer Akzent im US-Original selbst Landsleute zum näheren Hinhören zwingt, ist die Weltkarriere von George Clooney nicht vorstellbar. Zusammen mit Eriq La Salle als Dr. Benton, Noah Wyle (Carter), Julianna Margulies (Hathaway) und Anthony Edwards (Dr. Green) bildete er gewissermaßen die Ur-Familie von „ER“.

Und das Erstaunliche, in anderen vergleichbaren Produktionen nie wieder Erreichte: Selbst nach dem etappenweisen Abschied der Gründungsväter und -mütter funktionierte die Serie. Weil immer wieder Staffeln-tragende Neuzugänge gefunden wurden. Und weil das Grundmuster zwar leicht angepasst, doch im Grunde immer dasselbe blieb: Die Rolle des Macho-Schönlings etwa wurde von Clooney an Goran Visnijc (Dr. Kovac), schließlich an John Stamos (Dr. Gates) weitergereicht.

Zum großen Finale tauchen seit einigen Folgen die früheren Stars wieder auf. Natürlich nicht als unverhofft der Dusche Entschlüpfte wie weiland Bobby Ewing in „Dallas“, sondern in ihren neuen Jobs. In der ultimativ letzten und immerhin zweistündigen Doppel-Folge eröffnet heute John Carter sein eigenes Gesundheitszentrum und bekommt unter anderem Überraschungsbesuch von Benton. Mark Greens Tochter bewirbt sich um einen Studienplatz im County. Und damit es fürs „ER“-Team nicht ganz so langweilig wird, erschüttert eine Gas-Explosion die U-Bahn, bevor es nach dem Finale nicht nur für die Opfer, sondern für die gesamte Serie heißt: „Zeitpunkt des Todes: 0.15 Uhr.“

Von Markus Thiel

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