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Ruth Maria Kubitschek spielte in der Serie das geduldige „Spatzl“ Annette von Soettingen

Merkur-Interview mit Ruth Maria Kubitschek

„Die Frauen sind auf den Monaco Franze geflogen“

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München - Kaum ein Schauspieler hat München so verkörpert wie Helmut Fischer in seiner Rolle als Hallodri Monaco Franze. Heute wäre „der ewige Stenz“ 90 Jahre alt geworden. Ein Merkur-Interview mit Ruth Maria Kubitschek.

Grund genug für eine Reise an die Schweizer Seite des Bodensees zu Ruth Maria Kubitschek. Die heute 85-Jährige spielte in der Serie das geduldige „Spatzl“ Annette von Soettingen – auch sie wird seither mit dieser Figur identifiziert. Kubitschek empfängt ganz in Schwarz: Im Januar starb ihr Mann, „Traumschiff“-Erfinder Wolfgang Rademann. Doch ihren Witz und ihren mädchenhaften Charme hat sie nicht verloren. Fast drei Stunden erzählt sie bei Törtchen und Kaffee – und am Ende möchte man ihr nicht glauben, dass sie so gar nicht der Typ des verehrten Kollegen Fischer gewesen sein soll.

Helmut Fischer war der ewige Stenz. Frau Kubitschek, wie fühlt man sich als ewiges Spatzl?

Na ja, ich habe doch noch so viele Rollen danach gespielt. Aber es stimmt, ich bin’s heute noch, das Spatzl.

Und, Probleme damit?

Ich habe damit überhaupt kein Problem. Wissen Sie was: Neulich war ich nach fünf, sechs Jahren mal wieder in München, es war unglaublich. Ich gehe mit Stock. Außerdem habe ich weiße Haare, sehe also anders aus. Aber schon im ersten Geschäft, in das ich ging, haben die Leute sich gefreut, mich wiederzusehen. Im nächsten Geschäft dasselbe. Dann habe ich mir an der Maximilianstraße eine Handtasche gekauft. Das Mädel an der Kasse hat meinen Namen buchstabiert: K-U-B-I-T – da rief hinter mir ein Mann: „Ich erkenne Sie von hinten!“ Und er stimmte ein Loblied an. Die Chinesen, die da rumstanden, machten große Augen. Dann auf der Straße: „Jaaa, Spatzl! Dürfen wir Sie einladen?“ Ich dachte, das gibt’s nicht.

Man merkt, dass sich diese Serie in die DNA der Stadt eingegraben hat. Macht Sie das auch ein bisschen stolz?

Ja. Monaco Franze ist ein Kunstwerk, sonst würde er nicht so lange bleiben. Alle, die da mitgespielt haben, waren Originale und große Schauspieler.

Allen voran Helmut Fischer, der mit dem Monaco Franze die Rolle seines Lebens bekam – da war er schon 54 Jahre alt.

Das hat man ihm wirklich nicht angesehen. Regisseur Helmut Dietl hatte ihn schon Jahre zuvor kennengelernt, im Café Münchner Freiheit. Der Helmut Fischer hat Theater gespielt, aber keine großen Rollen. Und er hatte Erfolg bei Frauen. Ich denke, das hat den Dietl für die Figur inspiriert. Obwohl der Monaco Franze ja auch ein Teil von Dietl ist.

Stimmt es, dass Dietl und Fischer Sie gemeinsam als „Spatzl“ ausgewählt haben, und zwar nach einem ganz bestimmten Kriterium – Ihrem Busen?

(lächelt) Ich hatte ja immer genügend Holz vor der Hüttn, wie die Bayern sagen. Und so hat der Helmut Fischer zum Dietl gesagt: Guck mal die an! Das ist doch eine richtige Frau. So kam ich zu der Rolle. Wenn ich Kuchen gegessen habe, war Dietl immer ganz glücklich: „Ruthlein, friss nur! Du darfst nicht abnehmen.“ Dürre Frauen fand er nicht interessant – und Fischer auch nicht.

Das ist schon sehr direkt. Hatten Sie zu leiden unter diesem speziellen Männerbund?

Nein, gar nicht. Helmut Fischer war kein Kollege, den Du unangenehm findest. Er war fair und ganz prima. Er musste sehr viel Text lernen, das fiel ihm relativ schwer. Bloß kein anderes Wort, sonst kam er draus. Er wusste auch um die Chance, die er mit der Rolle bekommen hatte. Dadurch war er sehr konzentriert, denn Dietl war sehr streng – da gab es zwischen den Drehs keine Gespräche, es war wirklich Arbeit. Trotzdem hat die Serie diese Leichtigkeit. Eine Leichtigkeit, die mir eigentlich nicht zu eigen war, die aber im Monaco Franze auf mich abfärbt. Wenn ich mich da sehe, denke ich: Das ist ja eine ganz andere Frau.

Und bei Fischer denkt man: Das ist typisch der. Haben Sie ihn darum beneidet, dass er eigentlich nur sich selbst spielen musste?

Nein, überhaupt nicht. Der war so ein netter Kerl, dass Du auch gar nicht in Konkurrenz mit ihm getreten bist. Ich habe schon Männer erlebt, wo ich dachte: Die sind eitel und vielleicht auch ein bisschen dumm. Aber der Helmut nicht. Er hatte eine Meinung, er war gebildet. Er hatte nur vorher keinen Erfolg gehabt. Was ich wirklich tragisch finde, weil er als Typ fantastisch war – und ein gut aussehender Mann.

Waren Sie ein bisschen verliebt in ihn?

Nein. Er war überhaupt nicht mein Typ. Ich war eher verliebt in Helmut Dietl. Der war interessanter für mich. Wenn wir mal zu dritt privat zusammen waren, war’s immer lustig. Mir hat das Hinterfotzig-Bairische gefallen – das hatten beide Helmuts. Leicht bösartig, aber sehr intelligent.

Hat Fischer es mal bei Ihnen versucht?

Überhaupt nicht. Ich war auch anscheinend gar nicht sein Typ. Dazu war ich ihm zu kompliziert. Er nannte mich immer „Die Wesenheit“.

Weshalb das?

Weil ich eben anders dachte. Weil ich damals schon sagte, es gibt Naturwesen. Ich habe kritisiert, wie wir mit der Natur umgehen. Und ich habe meditiert – das haben die beiden gar nicht verstanden. Als der Helmut Fischer krank war, kurz vor seinem Tod, hat er mich angerufen. Er sagte: „Weißt Du, Ruth, jetzt wo’s mir schlecht geht, würde ich mich gern mit Dir unterhalten. Vielleicht kommen wir ja noch mal dazu.“ Wir haben dann noch ein wenig gesprochen, und 14 Tage später war er tot.

„Spatzl, schau, wie i schau“, war sein Standardspruch. Es heißt, Dietl habe Fischer für die Rolle ausgewählt, weil er so traurige Augen hatte. Hat ihn das auch attraktiv für Frauen gemacht?

Ja, doch. Wegen dieser traurigen Augen, vielleicht auch wegen seines Gangs und dieser gewissen Hilflosigkeit sind die Frauen auf ihn geflogen. Ich gebe ehrlich zu: Ich habe das nicht verstanden. Abends holten ihn richtig gute Frauen ab. Nicht solche Pipi-Mädchen, die im Monaco Franze sein Beuteschema sind. Das waren richtig gestandene Frauen.

Dabei hat Fischer immer wieder betont, in Wirklichkeit sei er nie ein Weiberheld wie der Franze gewesen.

Vielleicht ist er ja mit denen nur Essen gegangen – so genau weiß ich das nicht.

Als er in jungen Jahren bei Gustaf Gründgens für eine Rolle vorsprechen durfte, stolperte er angeblich schon beim Betreten des Raumes über einen Teppich. Gründgens lehnte ihn ab. War Fischer wirklich so tollpatschig?

Er war eigentlich nicht tollpatschig. Er ging nur steif, er konnte nicht anders. Irgendwann hat mal jemand gesagt, er habe im Krieg Zehen verloren, wieder ein anderer hat gesagt, er habe was im Rücken. Was er wirklich hatte, hat er nicht gesagt. Aber ich denke, dass er doch sehr verbittert war, dass seine Karriere so spät angefangen hat. Mit 55, 60 – und sich bis dahin so durchfretten. Deshalb wurde er bestimmt auch krank.

In der Serie waren Sie sein Spatzl. Wie eng waren Sie und Fischer privat?

Nicht sehr. Dietl hat uns sehr gefordert, wir saßen höchstens mal zusammen auf der Leopoldstraße im Café.

Aber im Film herrschte eine Magie zwischen Ihnen. War Ihnen bewusst, dass Sie ein Dream-Team sind?

Wir haben schon gemerkt, dass wir gut funktionieren als Paar. Nach Ende der Serie haben wir sogar versucht, gemeinsam neue Stoffe zu entwickeln, denn wir hätten gerne weiter zusammen gespielt. Dass daraus nichts geworden ist, ist richtig schade.

Woran lag das?

Ich ging weg aus München, und das haben weder Helmut Dietl noch Helmut Fischer verstanden. Wie kann die Ruth in dem Erfolg, den sie hat, München verlassen?

Wie konnten Sie?

München ist schon eine wunderschöne Stadt. Eigentlich die einzige Stadt, in der man leben kann. Aber ich wollte Ruhe haben, aus dem Trubel um den Erfolg fliehen, was anderes finden. Ich dachte: Wenn ich jetzt nicht gehe, werde ich hochnäsig. Oder ich krieg n’ Knall. Das haben sie mir alle übel genommen. Noch auf Helmut Fischers Beerdigung spürte man, dass das bei Dietl eine offene Wunde war. Er kam auf mich zu und fragte: „Na Ruthlein, was machst Du den ganzen Tag – meditieren?“

Haben Sie Ihren Entschluss bereut?

Nein.

Auf der Erfolgswelle hätten Sie sicher noch eine Weile reiten können...

Eigentlich wollten wir damals den Monaco Franze weitermachen. Helmut Fischer und ich haben die Story weitergesponnen. In der letzten Folge waren wir ja beide ruiniert. Also haben wir uns überlegt, dass wir versuchen, uns wieder eine Existenz aufzubauen. Der Monaco Franze singt auf Begräbnissen – Helmut wollte unbedingt auf Friedhöfen singen, ich weiß gar nicht, ob er das konnte. Und ich, das Spatzl, versuche, wieder ein Geschäft aufzumachen.

Das klingt doch gut – warum wurde es nicht konkreter?

Wir haben mit dem Redakteur des Bayerischen Fernsehens gesprochen – und der hat wortwörtlich gesagt: Wir sind ein öffentlich-rechtlicher Sender. Und wir müssen einen Erfolg nicht unbedingt weitermachen. Das hat den Helmut Dietl getroffen und auch den Helmut Fischer. Und mich natürlich auch, weil ich mir dachte: so ein Blödsinn.

In der Tat. Aber warum hat Helmut Dietl nicht mehr mit Fischer gearbeitet?

Ich weiß nicht, warum. Dietl war sehr empfindlich – da brauchtest Du nur was Blödes sagen, da war er beleidigt. Vielleicht ist da was vorgefallen. Männer sind ja auch sehr eitel.

Was ist Ihre Lieblingsszene in Monaco Franze?

Die Szene im Weinlokal – obwohl ich da nicht die Hauptrolle hatte. Als Franz dem Doktor Schönfärber nach dem Opern-Besuch eine Szene macht. Ich gehe beleidigt davon – und kaum merke ich, dass Franz Recht hat, drehe ich wieder um.

War das realistisch?

Ich persönlich hätte ihm das nicht verziehen. Ich hätte gesagt: Das ist doch scheiß-blöde, wie Du Dich hier aufführst. Aber das gefällt mir eben an der Rolle. Das Spatzl konnte über die Unmöglichkeit von Franz mit Grandezza wegsehen. Durch diese Rolle habe ich mir meine eigene Eifersucht abgewöhnt.

Sind Ihnen Stenzen wie der Franz auch im echten Leben untergekommen?

Oh ja. Ich hatte immer besonders gut aussehende Männer – die aber stets andere Frauen hatten. Ich bin immer wieder auf diesen Typus reingefallen. Nur einmal dachte ich mir: Na, der ist jetzt so hässlich, der macht das bestimmt nicht (lacht) – und der war der Allerschlimmste. Ich habe leider nicht so überlegen reagiert wie das Spatzl.

Sondern emotional?

Immer. Eigentlich bin ich immer gegangen. Ich wäre an Spatzls Stelle schon bei der Zweiten weg gewesen. Aber ich habe gelernt, dass Durchhalten manchmal richtig ist. Im Grunde hat der Franze sich ja nur selbst bestätigen müssen. Er hat die gar nicht betrogen, er musste nur wissen, ob er immer noch wirkt.

War am Ende Ihre Erfahrung mit Helmut Fischer und Monaco Franze eine Therapie für Sie?

Ja, das könnte man sagen. Eine Therapie der Leichtigkeit. Man muss nicht immer eine Tragödie aus dem Leben machen.

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