Der Zuschauer als Programmplaner

München - Spätestens um 8.30 Uhr jeden Morgen wissen die deutschen Fernsehmacher, was ihre Arbeit wert ist. Um diese Zeit bekommen sie die Einschaltquoten des Vorabends - und am Zuschauerinteresse erkennt jeder die Tops und Flops.

Die Fernsehquoten entscheiden über die Zukunft von Sendungen, Werbeerlöse sowie Karrieren. Auch auf der Fernsehseite unserer Zeitung gehört die Rubrik "TV-Spitzenreiter", die die zehn meistgesehenen Sendungen des Vorabends auflistet, zum täglichen Angebot.

Jetzt haben die Fernsehquoten es sogar ins Kino geschafft. In Hans Weingartners neuem Film "Free Rainer - Dein Fernseher lügt", der vergangene Woche anlief, versuchen einige Fernsehrebellen, durch die Manipulation der Einschaltquoten, die über ein zusätzliches Gerät am Bildschirm gemessen werden, das Programmangebot zu verbessern. Natürlich formuliert dieser Film eine Utopie - doch die Ausgangsüberlegung war eine ernste Frage. Weingartner: "Was, wenn diese Quote gar nicht stimmt? Wieso habe ich in meinem Leben noch niemanden kennengelernt, der so eine Box zu Hause hat, oder der jemanden kennt, der so eine Box hat?"

Tatsächlich hat die Nürnberger "Gesellschaft für Konsumforschung" (GfK) derzeit ganze 5640 Haushalte in Deutschland mit einem sogenannten GfK-Meter ausgerüstet - die so gewonnenen Daten erlauben jedoch eine Hochrechnung auf das Fernsehverhalten aller Deutschen. Mit dem Gerät kann das Marktforschungsunternehmen im Auftrag der deutschen Fernsehsender die Einschaltquoten ermitteln. Sie tut dies seit 1985. In den 5640 Test-Haushalten leben derzeit rund 13 000 Menschen, die - so die GfK - "als verkleinertes Modell stellvertretend für die Gesamtbevölkerung" gelten können. Mehr noch, diese Stichprobe sei "weltweit einzigartig in Größe, Genauigkeit und Verlässlichkeit".

Die Adressen der Haushalte hält die GfK freilich unter Verschluss. So ist lediglich zu erfahren, dass in bayerischen Wohnzimmern genau 688 der 5640 GfK-Meter angeschlossen sind - 27 davon in Familien, deren Haupteinkommensbezieher EU-Ausländer ist. Theoretisch kann jeder, der seine Rundfunkgebühren bezahlt, von der GfK ausgewählt werden. Selbst bewerben kann man sich nicht, da die Haushalte ja immer auch repräsentativ für alle Zuschauer in Deutschland sein müssen, um die Hochrechnung der Ergebnisse auf eine solide Basis zu stellen. Das ermitteln die Statistiker der GfK. Wer ausgewählt wird, an dessen Empfangsgeräte - also dem klassischen Fernseher ebenso wie etwa Videorekorder, digitale oder analoge Receiver - wird ein Messgerät angeschlossen. Dies ist ein kleiner, schwarzer Kasten, der sekundengenau speichert, wer was wie lange anschaut. Diese Zuordnung geht über eine Fernbedienung, auf der jedes Familienmitglied eine eigene Taste hat, mit der es sich anmeldet, sobald es fernsieht.

Jede Nacht zwischen 3 und 6 Uhr werden dann die gespeicherten Nutzungsdaten vom zentralen Rechner der GfK automatisch abgefragt. Selbst ein Stromausfall könnte diesem Prozess nicht schaden, da die Messgeräte die Daten über mehrere Tage speichern können. Haben alle 5640 Geräte ihre Daten übermittelt, beginnen die Computer bei der Fernsehforschung in Nürnberg mit den Hochrechnungen - denn spätestens um 8.30 Uhr müssen die Tops und Flops auf den Schreibtischen der Fernsehmacher liegen.

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