Einkaufswagen in einem Aldi-Supermarkt mit Blick auf die gefüllten Regale und die Kühltheke.
+
In den Gängen von Discountern herrscht vor allem eines: Stille. Denn Aldi, Lidl und Co. verzichten bewusst auf Musik (Symbolbild).

Nichts dem Zufall überlassen

Rewe, Aldi oder Netto: Dieses Geheimnis steckt hinter der Musik im Laden

In den Gängen von Discountern herrscht vor allem eines: Stille. Denn Aldi, Lidl und Co. verzichten bewusst auf Musik – Rewe hingegen hat einen eigenen Radiosender. Die Hintergründe.

München - Hand aufs Herz: Wer hat bemerkt, dass bei Aldi, Lidl und anderen Discountern keine Musik läuft – bei größeren Lebensmittelgeschäften hingegen schon? Den meisten ist dieses Detail sicherlich noch nicht aufgefallen. Doch natürlich ist das kein Zufall, sondern hat Einfluss auf das Kaufverhalten.

Lidl, Aldi, Netto und Co: Musik wirkt sich auf das Kaufverhalten aus

Vielleicht ist die Weihnachtszeit der Moment, an dem vielen Kunden die Musik im Supermarkt zum ersten Mal bewusst auffällt: Wenn sie sich selbst dabei erwischen, leichtfüßig im Takt zu wippen oder stattdessen vielleicht genervt die Augen zu verdrehen, wenn schon wieder „Last Christmas“ läuft. So oder so: Der Einzelhandel überlässt auch bei der Musik nichts dem Zufall.

Wenn im Supermarkt viel los ist, finden das viele Kunden unangenehm und kaufen weniger. Bei hoher Besucherdichte kann schnellere Musik dieses Problem beheben und so den Umsatz steigern. Das belegt eine Studie von Klemens Knoeferle der BI Norwegian Business School und Kollegen, die insgesamt 43.000 Warenkörbe untersuchte.

Das Prinzip funktioniert auch andersherum: Ist gerade wenig los, lädt langsamere Musik die Kundschaft zum Verweilen ein – die Menschen kaufen mehr. Das ergab eine Studie der Universität St. Gallen. Im Buch „Wie Werbung wirkt“ berichten Christian Scheier und Dirk Held sogar davon, dass durch das Spielen von französischer Musik der Absatz französischer Weine in US-amerikanischen Supermärkten gesteigert werden konnte: Kunden kauften dreimal häufiger Weine aus Frankreich. Diese und weitere verhaltenspsychologischen Erkenntnisse sind natürlich auch Konzernen wie Aldi, Lidl, Netto und Co. bekannt.

Verkaufspsychologie: Aldi, Lidl, Netto und Co. verzichten bewusst auf Musik

Jens Lönneker ist Diplom-Psychologe und beschäftigt sich mit tiefenpsychologischen Analysen. Er differenziert beim Kundenverhalten im Supermarkt zwischen einer „Flanier-Verfassung“ und einer „Schnäppchen-Verfassung“. Den Unterschied erklärt der Experte gegenüber T-Online so: Kunden wüssten zwar, dass der Supermarkt im Vergleich zum Discounter teurer wäre, doch „viele kaufen dennoch in großen Lebensmittelgeschäften ein, weil sie sich bewusst von dem Angebot inspirieren lassen wollen.“ Das bezeichnet Lönneker als Flanier-Verfassung – Einkaufen werde zelebriert. Deshalb sei hier die Musik im Hintergrund ein wichtiger Bestandteil.

Im Gegensatz dazu stünde die Schnäppchen-Verfassung beim Discounter: „Der Einkauf im Discounter ist im Vergleich zum Besuch im Supermarkt wesentlich rationaler und bewusster“, so Lönneker gegenüber T-Online. Zudem würden Discounter von der Umschlagsgeschwindigkeit leben, ergänzt er. Aldi, Lidl und Co. verzichten deshalb bewusst auf die Musik, denn so verweilen Kunden kürzer in den Geschäften.

Für das Lebensmittelgeschäft Rewe hat Musik hingegen eine große Bedeutung: Der Supermarkt hat mit Radio Max ein eigenes Supermarkt-Radio. Man wolle den Kunden abholen und entschleunigen – eine Wohlfühlatmosphäre schaffen, erklärt Claudia Herbst, Programm-Direktorin bei Radio Max das Prinzip gegenüber Absatzwirtschaft. Man könne über das Radio auch Kaufimpulse geben. Dadurch sei es möglich, den Absatz um bis zu 25 Prozent im Schnitt zu steigern, so Herbst weiter.

Im Video: Mit diesen Tricks sparen Kunden im Supermarkt

Keine Musik, kein Problem: Discounter sparen sich Kosten

Der Verzicht auf Musik hat bei Discountern allerdings auch pragmatische Gründe: Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, kurz GEMA, verlangt für das Spielen von lizensierter Musik Gebühren. Ohne Musik fallen die Gebühren weg und damit sinken die Kosten für die Discounter.

Aldi erklärt auf Anfrage von T-Online, schlicht seit jeher auf „Einfachheit zu setzen“. Keine Musik zu spielen unterstreicht beim Discounter also auch die Geschäftsphilosophie. Tatsächlich halten die Albrecht-Brüder bei Aldi von Beginn an alles schlicht. Die Einrichtung der Läden war schon bei der Gründung 1946, kurz nach dem zweiten Weltkrieg, simpel gehalten, die Produktauswahl begrenzt. Auf Parallelartikel wurde beispielsweise verzichtet – Aldi wählte eigenen Angaben zufolge „einfach das qualitativ beste Produkt aus“. Und auch damals war in den Gängen von Aldi vor allem eines zu hören: Stille.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare