Die Kundin einer Aldi-Filiale trägt am 26.03.2013 in Essen (Nordrhein-Westfalen) in einer Einkaufstüte von Aldi-Nord (vorne, links) und einer von Aldi-Süd ihre Einkäufe.
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Aldi Nord und Aldi Süd machen zunehmend gemeinsame Sache: Beim Online-Handel will man mit vereinten Kräften gegen die Konkurrenz bestehen. (Symbolbild)

Die „Brüder“ rücken zusammen

Überraschender Aldi-Schritt: Radikale Änderungen für die Kunden

  • vonCornelia Schramm
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Corona, Kunden mit hohen Ansprüchen, starke Konkurrenz: Sowohl Aldi Nord als auch Aldi Süd wollen jetzt zudem den Online-Handel erobern - und setzen dabei auf alte Bande und smarte Ideen.

Düsseldorf - Bei Aldi* geht man nun mehr bereits seit 60 Jahren getrennte Wege. In „Aldi Nord“ und „Aldi Süd“ teilten die Brüder Theo und Karl Albrecht* 1961 ihr Firmenimperium, nachdem sie mit dem Ausbau ihrer Handelskette quasi den „modernen Discounter“* erfunden hatten. Jetzt setzt man offenbar zur Kehrtwende an, gehen doch wachsende Konkurrenz und wohl auch die Corona*-Krise nicht spurlos an den Supermarkt-Riesen vorbei. Kürzlich gab Aldi Süd bekannt, vier Filialen zu schließen, jetzt zieht Aldi Nord nach und trennt sich von vier seiner Niederlassungen - bis Ende 2022 soll es nur mehr 48 statt 56 von ihnen geben.

In schweren Zeiten rückt man besser zusammen, so scheint die Devise bei Aldi inzwischen wieder zu lauten. Ein erster, konsequenter Schritt ist die „Modernisierung der Eigenmarken“, wie beide Konzerne bereits vergangenes Jahr bekannt gaben, „um seine Marktposition zu festigen, die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und die Preisführerschaft auszubauen“. Einkaufsmengen zusammenlegen, gemeinsame Marken und Verpackungen schaffen und somit effizienter arbeiten - wenn Aldi einspart, sparen im Endeffekt auch die Kunden durch günstigere Angebote. Durch die Vereinheitlichung des Standardsortiments und der Aktionswaren soll das Einkaufen für die Kunden beider Konzerne zudem übersichtlicher werden.

Video: Aldi Nord und Aldi Süd führen Sortiment zusammen

Auch den Weg in den Online-Handel wollen Aldi Nord und Aldi Süd jetzt offiziell Hand in Hand bestreiten - zum ersten Mal seit dem großen Bruch wurde hierfür eigens eine „gemeinsame operative Gesellschaft“ in Düsseldorf gegründet. So will man nicht nur das Non-Food-Sortiment im Internet erweitern, sondern hier auch endlich mit dem Lebensmittelhandel durchstarten, meldet die Lebensmittel Zeitung am Donnerstag. 60 Jahre nach der Trennung sollen beide Discounter an einem „einheitlichen Online-Shop“, der „ohne regionale Differenzierung“ auskomme, arbeiten.

Schon länger können Kunden beider Aldi-Ketten per „Aldi Liefert“ online Waren - vorrangig gerade noch Non-Food-Artikel, Elektro-Produkte und Möbel - bestellen und sie sich entweder in die Filiale oder direkt nach Hause liefern lassen. Mit der neuen Aldi E-Commerce Verwaltungs GmbH, an der Nord und Süd zu je 50 Prozent beteiligt sind, will man gemeinsam bald schon Lebensmittel und „Güter des alltäglichen Bedarfs“ ausliefern*. Dem Joint Venture stehen der LZ zufolge jeweils ein Geschäftsführer vor: Moritz Scheffler, der zuvor Global Sales Manager bei Henkel war, geht für Aldi Nord an Bord, und Kai Schmidhuber, ehemals für die Digitalisierung bei L’Oréal zuständig, für Aldi Süd.

Aldi Nord und Aldi Süd starten offensiven Online-Handel gemeinsam

Die Homepage von Aldi Süd hat bereits einen Relaunch erlebt, sodass hier oder auch in der passenden App bereits viele Lebensmittel inklusive Preis und Produktbeschreibung eingesehen werden können. IT-technisch bereitet sich der Konzern also schon darauf vor, sie als Einkaufsplattform für E-Commerce und E-Food - also als Online-Shop - zu nutzen. Eine wichtige Rolle könnte zudem der Online-Markt Real.de spielen, an dem Aldi mehr und mehr Interesse zeigt. Gegenüber der LZ erklärt Niclas de Lope, Verwaltungsrat bei Aldi Nord, schon vor einigen Wochen, der Online-Kanal habe „enormes Potential“ und solle weiter ausgebaut werden. Zudem seien Kooperationen - ähnlich wie sie in den USA mit Instacart besteht - denkbar.

Wie die LZ erfahren hat, haben die Auslandsgesellschaften von Aldi* in den USA, Australien und dem Vereinigten Königreich die Offensive in Sachen Online-Handel mit angestoßen, waren Deutschland und Österreich doch „auf diesem Feld immer zurückhaltender“. Vielleicht haben Aldi Nord und Aldi Süd aber auch bisher nur die Erfahrungen der Konkurrenz abgeschreckt: Lidl* hat sein Lebensmittel-Angebot online wieder eingestellt, während Rewe* seinen beliebten Lieferservice - nicht gerade lukrativ - am Laufen hält. Mit seinen Produkten aus dem Niedrig-Preis-Segment könnte es auf dem Online-Markt auch für Aldi schwierig werden. Nur gemeinsam glaubt man scheinbar, die Herausforderungen stemmen zu können.

Discounter sehen ihre Zukunft im Digitalen: Per App soll alles möglich sein

Auch innerhalb der Filialen beider Konzerne soll künftig digital nachgerüstet werden: Bis Ende 2021 sollen hier nur noch digitale Preisschilder zum Einsatz kommen. Der große Vorteil, den Konkurrent Lidl bereits nutzt, davon ist, schnell und flexibel auf die Nachfrage eingehen und Lagerengpässe verhindern zu können. Den Mitarbeitern ersparen die digitalen Preisschilder, die bei Aldi Teil eines Milliardenprogramms sein sollen, zudem Zeit. Das wechselnde Produktsortiment muss nicht mehr jedes Mal aufs neue mit den passenden Preisen versehen werden - das geschieht dann mit nur einem Klick. Weltweit arbeiten dann alle Aldi-Filialen gleich.

Von der digitalen Groß-Offensive profitieren Chip.de zufolge bereits die Mitarbeiter. In der „Aldi Go“-App werden interne Dokumente, Aktionsangebote des Unternehmens, Urlaubsanträge, Arbeitszeiten und Überstunden erfasst. Die praktische App nutzt Aldi bereits in Deutschland, Großbritannien, Österreich, Italien und den USA. So will man Informationen sammeln, die später in ein eigenes Loyality-Programm umgewandelt werden können. Laut Chip.de könnte dies künftig für Kunden bedeuten, Gutscheine zu erhalten und einzelne Filialangebote per App abfragen zu können. Sogar den Einkaufswagen sollen Kunden so bald entsperren können.

Video: Einkaufswagen per App entsperren: Bei Aldi und Co. wird alles anders

Mit seiner „Lidl Plus“-App nutzt der Aldi-Konkurrent diverse dieser Möglichkeiten bereits für sich. Auch bei Edeka* kann man per App schon Lebensmittel und Non-Food bestellen und sie direkt an der Kasse abholen - sowie Gutscheine einlösen und bargeldlos bezahlen. Der technische Fortschritt kommt hier gut an und Aldi will jetzt auf diesen Zug aufspringen. Wenn Aldi Nord und Aldi Süd künftig im gesamten Bundesgebiet die gleichen Eigenmarken anbieten, lassen sich die digitalen Konzepte nicht nur agiler steuern, sondern auch effizienter bewerben.

Im Preiskampf mit den anderen Discountern sollen bei Aldi künftig auch Markenprodukte - früher wären diese im Konzept undenkbar gewesen - eine immer größere Rolle spielen, hat man doch festgestellt, dass sie die Umsätze ankurbeln. Daher kommen sowohl bei Aldi Nord als auch bei Aldi Süd die neuen Regal-Konzepte vor den Kassen. Diese schaffen nicht nur Platz, sondern präsentieren die Angebote für die Kunden auch optisch angenehmer als etwa Wühltische. Noch sind Aldi Nord und Aldi Süd getrennte Unternehmen - und doch nähert man sich sichtlich an: Backshops, Markenprodukte und jetzt der Online-Handel - gemeinsam zieht man in die Offensive. (cos) *Merkur.de und HNA.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Netzwerks.

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