Das Symbol des Bio-Unternehmens „demeter“.
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Das Bio-Unternehmen wird aktuell für die Veröffentlichung eines Artikels scharf kritisiert.

Empörung auf Twitter

Bio-Unternehmen in der Kritik: Querdenken-Parolen und Corona-Verschwörungstheorien?

  • Astrid Theil
    VonAstrid Theil
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Das Bio-Unternehmen „demeter“ wird aktuell auf Twitter scharf kritisiert. Auslöser ist ein Text, in dem viele Nutzer Aussagen entdecken, die von Verschwörungstheoretikern stammen könnten.

  • Das bekannte Bio-Unternehmen „demeter“ hat in seinem Journal einen Artikel veröffentlicht, der stark kritisiert wird.
  • In dem Artikel wird dem Leser eine Zukunft beschrieben, in der die Gesellschaft auf Vertrauen aufbaut.
  • Viele Leser erkennen in diesem Text aber eine Kritik an der Corona-Politik, die an Verschwörungstheorien erinnert.

Darmstadt - Das Bio-Unternehmen „demeter“ bekommt aktuell reichlich Kritik ab. Grund für die Empörung, die sie sich besonders über Twitter bemerkbar macht, ist ein Text, den das Unternehmen in seinem Journal veröffentlicht hat. Dieses Journal liegt kostenlos im Naturkostfachhandel aus und kann über die Webseite des Bio-Unternehmens gelesen werden.

Zum Jahresende widmete sich das Journal dem Thema „Vertrauen“. Unter der Rubrik „Stell dir vor“ wurde ein Text veröffentlicht, in welchem dem Leser eine Gesellschaft vorgestellt wurde, „in der Vertrauen – und nicht Kontrolle – die Grundlage des Zusammenlebens bildet“. Das klingt durchaus nach einer wünschenswerten Zukunft. Der Text entpuppte sich allerdings für eine Vielzahl an Lesern als eine krude Kritik an der Corona-Politik, die Verschwörungstheorien und anti-liberalen Gedankengut nahesteht.

„Shitstorm“ auf Twitter: Bio-Unternehmen in der Kritik

Das Entsetzen über den Artikel war für viele Leser offenbar so groß, dass sie ihn öffentlich in Form zahlreicher Twitter-Posts kritisierten. Dabei wurden vor allem Ausschnitte aus dem Artikel geteilt und vor dem Hintergrund der aktuellen Lage problematisiert. In dem Artikel hieß es, dass in der - vom Text als besser deklarierten - Zukunft das „Zeitalter zerstörerischer Geisteseliten“ überwunden wurde und das „Zeitalter des Vertrauens“ folgte. Diese komme „ganz ohne Maße und ohne Gewicht, ohne Definitionen und Patente, ohne Forschung und ohne Meilensteine“ und vor allem „ohne Kontrolle“ aus.

Die wünschenswerte Zukunft zeichne sich laut dem Text also unter anderem durch das Nichtvorhandensein von Forschung und Kontrolle aus. Viele Nutzer fühlten sich in Anbetracht dieser Formulierungen an die Parolen erinnert, die unter anderem auf Demonstrationen der „Querdenken-Bewegung“ zu hören sind: Der Forschung wird misstraut und die Corona-Politik der Bundesregierung als nicht tragbare Bevormundung angesehen.

Bio-Unternehmen „demeter“: Antiliberales Gedankengut in Zukunftsutopie

Besonders der Absatz, der auf diese Aussagen folgte, erinnert viele an die Parolen der „Querdenken-Bewegung“. In dem Artikel heißt es, dass „im verstörend warmen und trockenen Winter des Jahres 2020 die Menschen auf die Straßen gingen und begannen, was Historiker*innen später als nichts Geringeren einschätzten als die Rettung unserer Planeten - besser bekannt als: die große Vertrauensrevolution“.

Viele Leser erkennen in diesen Formulierungen eine grundlegende Kritik an Forschung und der Verherrlichung der „Querdenken-Demonstrationen“ als „Vertrauensrevolution“ und sind dementsprechend schockiert. Hierfür werden immer weitere Beispiele aus dem Artikel herangezogen. So heißt es in dem Utopie-Text, dass sich mit der „Vertrauensrevolution“ eine „neu erkämpfte, unkontrollierte Alltagsfreiheit“ erreicht wurde.

Kritik auf Twitter: Viele Nutzer reagieren mit Ironie

Der offensichtliche Bezug des Artikels zur aktuellen Corona-Pandemie wird schließlich in zahlreichen Posts offengelegt. In dem Text heißt es, dass „sich die Menschen eines Virus wegen nicht mehr hatten berühren dürfen und sich unter Masken hatten verstecken müssen“. In der Zukunftsvision, die der Text ausführt, müssen keine Masken, sondern Augenbinden getragen werden. Denn den Menschen wären mit den Masken „die falschen Sinne geraubt worden“.

Während einige Twitter-Nutzer ausführlich anhand des ursprünglichen Artikels Kritik üben, kommentieren andere Nutzer die Veröffentlichung des Bio-Unternehmens mit Ironie. So heißt es in einem Post: „Die Bio-Esos von #demeter wendlern jetzt auch. „Vertrauensrevolution“, bitte was?!“ Andere kommentieren den Post folgendermaßen: „Für #Demeter wären wohl #Faeustlinge angebracht, damit sie nicht so einen Mist tippen können!“ Andere nutzen die Gelegenheit gleich, um auch die hohen Preise des Bio-Unternehmens ironisch zu kommentieren: „Gott sei Dank brauche ich mir keine Meinung zu #Demeter bilden, weil ich mir die Produkte nicht leisten kann!“

Nach Kritik: Bio-Unternehmen „demeter“ löscht Artikel

Das Bio-Unternehmen reagierte auf die umfangreiche Kritik und löschte kurzerhand den Artikel. Anstelle erscheint nun eine Stellungnahme auf der Webseite, in der es unter anderem heißt, dass der Artikel nicht etwa „realistische Zukunftsvisionen beschreibt, sondern mit etwas ungewöhnlichen Ideen Denkanstöße geben soll.“ Man habe die Leser „mit einem Schmunzeln daran erinnern wollen, dass ein wenig mehr Liebe im Alltag vielleicht gut täte“.

Das Unternehmen geht dabei auch auf die aufgedeckten Zusammenhänge mit der aktuellen Corona-Pandemie ein: „Der aktuelle Artikel kann nun gerade im Zuge der Corona-Krise falsch verstanden werden. Deshalb haben wir uns entschieden, den Artikel hier von der Website zu nehmen.“ Das Unternehmen distanziere sich deutlich von der Querdenken-Bewegung und Verschwörungstheorien zu Covid-19. Eine Gesellschaft ohne Forschung und Wissenschaft sei nicht denkbar und werde vom Unternehmen auch nicht angestrebt. Die Corona-Pandemie werde als ernstes gesellschaftliche Herausforderung wahrgenommen, die ihn engagierte Wissenschaftler nicht zu bewältigen sei. Trotz dieser Stellungnahme reißt die Kritik auf Twitter nicht ab. at

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