Facebook-Logo hinter einer Glasscheibe auf der Regentropfen sind
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Düstere Zeiten für Facebook: Aktuelle Medienberichte decken die negativen Seiten des sozialen Netzwerks auf (Symbolbild).

Wall Street Journal-Recherche

Facebook-Files: Enthüllungsbericht über soziales Netzwerk

Das Wall Street Journal deckt in einer Analyse zahlreiche Missstände von Facebook auf, die das soziale Netzwerk wissentlich in Kauf nimmt und damit Schaden anrichtet. Nun reagiert PR-Vizechef Nick Clegg – inhaltlich widerspricht er allerdings nicht.

New York City/ Menlo Park, Kalifornien - Facebook weiß, dass die Plattform Schwachstellen hat, die Schaden anrichten. Das ist das Ergebnis einer Recherche des Wall Street Journals, die auf internen Facebook-Dokumenten basieren. Die Informationen erhielt die Zeitung von einem anonymen Whistleblower zugespielt. Nun kontert der PR-Vizechef Nick Clegg den Bericht der Zeitung und unterstellt dem Wall Street Journal „bewusste Irreführung“. Doch die Inhalte der Berichte bestreitet er nicht.

Facebook: Soziale Plattform kennt negative Folgen, aber sieht keinen Handlungsbedarf

Facebook selbst behauptet, dass für jeden Nutzer die gleichen Regeln gelten. Tatsächlich haben Promis im sozialen Netzwerk, aber bestimmte Privilegien. Unter dem Programmnamen XCheck sind die Regeln für prominente Nutzer hinterlegt, insgesamt 5,8 Millionen Personen bekommen eine bevorzugte Behandlung. Ein bekanntes Beispiel war ein Beitrag des Fußball-Stars Neymar: Ein Post des Fußballers war später als „rachepornografisch“ eingestuft wurde. Der Beitrag wurde zwar am Ende gelöscht, bliebt aber zunächst im Netz und wurde von rund 56 Millionen Menschen gesehen. Erst nach einer speziellen Prüfung ging der Beitrag offline. Bei normalen Nutzern könnte ein solcher Post bereits zur Sperrung führen.

Facebook weiß außerdem internen Dokumenten zufolge über die schädliche Wirkung des Tochterunternehmens Instagram Bescheid. Mark Zuckerberg sind diese Daten bekannt, doch er sagt offiziell, die Apps würden sich positiv auf das Wohlbefinden der Nutzer auswirken. Intern hingegen legen die Datensätze nahe, dass jedes dritte Mädchen auf Instagram eine negativere Wahrnehmung des eigenen Körpers aufgrund der App hat. Auch Suizidgedanken sind die Folge. Es geht dabei konkret um Instagram und nicht um soziale Netzwerke allgemein.

Auch von Menschenhandel ist die Rede: Facebook soll davon gewusst haben, dass die Plattform für Menschenhandel und Sklaverei genutzt wird, doch Handlungsbedarf sah sie nicht. Apple droht nun, die App aus dem Store zu nehmen. Man habe eine Maschine geschaffen, die man nicht mehr kontrollieren könne, zitiert das Wall Street Journal einen Facebook-Manager.

Auch hierzulande gibt es beunruhigende neue Erkenntnisse zu Facebook: Jan Böhmermann veröffentlichte am Freitag eine Facebook-Recherche zu Wahlwerbungen. Während Anzeigen und Werbungen von Parteien in Deutschland streng geregelt sind, halte man sich auf Facebook nicht an diese Regeln. Durch Microtargeting versuchen Parteien die Wähler zu manipulieren. „Überwachungswerbung“ nennt Simon Kruschinski, Medienforscher der Universität Mainz, diese Kampagnen.

Facebook-PR-Vize reagiert: Wall Street Journal unterstell Facebook „falsche Motive“

Der Facebook-Vizepräsident für Global Affairs, Nick Clegg - übrigens früherer Vizepremier des Vereinigten Königreichs -, reagierte in einem Blogpost auf die Berichte des Wall Street Journal. Grundsätzliche sieht er die Themen als „ernstzunehmend und komplex“ an und hält es für legitim, dass Facebook für seinen Umgang damit verantwortlich gemacht werde. Allerdings enthalten die Berichte aus seiner Sicht „bewusste Irreführungen“ und würde den Facebook-Mitarbeitern und der Führungsriege „falsche Motive“ unterstellen.

Dass Facebook Recherchen durchführe und die Ergebnisse dann systematisch und bewusst ignoriere, sei nicht zutreffend, stellt Nick Clegg klar. Das ziehe die Motive von zahlreichen Angestellten in Frage, die dafür kämpfen würden „die Qualität der Produkte zu verbessern“ und die (positiven und negativen) „Auswirkungen zu verstehen“. Er wirft dem Wall Street Journal vor, nur ausgewählte Zitate verwendet zu haben und komplexe Themen vereinfacht darzustellen.

Interessant ist jedoch ein Detail an seiner Stellungnahme: Inhaltlich stellt er die Erkenntnisse der Untersuchungen der Zeitung nicht in Frage – weder die Nutzung der Plattform für Menschenhandel, noch die Sonderbehandlung von Prominenten oder die negativen Auswirkungen auf die Psyche von Jugendlichen. Er weist allerdings daraufhin, dass nur eine Studie zu den Themen nicht ausreiche. Clegg hält mehrere Studien für nötig, um genau zu verstehen, „welchen Einfluss soziale Medien auf die Menschen haben“. „Ich wünschte, es gäbe einfache Antworten auf diese Probleme [...] Doch so ist die Welt, in der wir leben, nicht.“

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