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Hartz IV: Das Jobcenter versendet Briefe, die bei vielen nicht gut ankommen. Eine Expertin fordert nun eine andere Kommunikation (Symbolbild).

Harte Kommunikation

Hartz IV: Aktivistin kritisiert „Macht“-Briefe des Jobcenters - Umfrage ergibt Erstaunliches

Die Aktivistin Helena Steinhaus kritisiert in einem Interview die Kommunikation des Jobcenters mit Hartz-IV-Empfängern und fordert ein Umdenken der Behörde.

Berlin - Die Aktivistin des Vereins „Sanktionsfrei“ Helena Steinhaus fordert im Interview mit Der Westen eine andere Kommunikation der Jobcenter mit Hartz-IV-Empfängern. Aktuell würden die Briefe der Agentur vor allem Stress verursachen. „Zur Zeit beinhaltet jedes Schreiben Sanktionsandrohungen und Paragrafen“, erklärt die Aktivistin. Die Macht sei bei den Sachbearbeitern des Jobcenters akkumuliert und das Machtgefälle werde deutlich. Sie fordert deshalb ein Umdenken des Jobcenters und der Politik generell – sie zeigt sich jedoch nicht überrascht, dass Hartz IV als Thema im Wahlkampf bislang kaum vorkommt.

Hartz IV: Höhere Zuverdienstgrenzen, keine Sanktionen: Das sind die Forderungen von Steinhaus

„Die Kommunikation muss ganz stark verändert werden“, lautet eine Forderung von Steinhaus. „Dass man sich nicht die ganze Zeit wie ein Schuldiger fühlt!“ Neben einer positiveren Kommunikation der Jobcenter fordert die Aktivistin höhere Zuverdienstgrenzen für Hartz IV-Empfänger. Bislang liegt die Grenze bei 100 Euro. Das sei nicht genug: „Mit den 100 Euro stopft man als Hartz-IV-Empfänger die ganze Zeit nur Löcher, damit hat man keinen zusätzlichen Spielraum“, so Steinhaus. „Es braucht tatsächlich Geld, damit Menschen sich eine Situation schaffen können, aus der heraus sie sagen: jetzt schaffe ich den Absprung.“

Auch der Regelsatz sollte generell angehoben und die Kosten für die Unterkunft übernommen werden. Sanktionen hingegen sollte es keine geben, findet Steinhaus. Schließlich handele es sich bei dem Hartz-IV-Satz um ein Minimum. Dieses mit Sanktionen zu belegen, ergebe keinen Sinn: „Die Sanktionen werden eingesetzt unter der Annahme, dass sie zur Arbeitsaufnahme motivieren“, so Steinhaus. Doch das Gegenteil sei der Fall. Sie zieht einen Vergleich mit der Kindererziehung: „Auch in der modernen Erziehung schlägt man das Kind ja nicht mehr, sondern setzt positive Anreize.“

Hartz IV kein Wahlkampfthema: „Ich wäre überrascht, wenn es stärker präsent wäre“

Dass Hartz IV bislang kein zentrales Wahlkampfthema ist, überrascht Helena Steinhaus hingegen nicht. Sie sei grundsätzlich enttäuscht, wie stark das Thema vernachlässigt würde, sagte sie gegenüber Der Westen. Doch auf den Wahlkampf zur Bundestagswahl am 26. September bezogen wäre sie „überrascht, wenn es stärker im Wahlkampf präsent wäre.“

Die Grünen hatten das Thema im digitalen Parteitag aufgegriffen. Sie erklärten, den Regelsatz um mindestens 50 Euro anheben zu wollen. Aktuell liegt der Regelsatz bei 446 Euro. Mehr Details zu den Hartz IV-Forderungen der Grünen im Video:

Stigma gegen Hartz IV-Empfänger: Umfrage ergibt Erstaunliches

Es gäbe ein Stigma gegenüber Hartz-IV-Empfängern, das System nur auszunutzen, erklärt Steinhaus: „Auch Menschen, die Hartz IV beziehen, gehen davon aus, dass es ganz viele gibt, die das System ausnutzen und auf jeden Fall in letzter Konsequenz eine Strafe brauchen. Dieses Stigma lastet auch auf der Gruppe selbst.“ Es käme darauf an, welches Mindset man den Menschen einpräge.

Das würde die Zahlen einer kürzlich veröffentlichten Umfrage des Jobcenters Recklinghausen erklären, über die Der Westen berichtete: Fast die Hälfte (46 Prozent) der befragten Hartz-IV-Empfänger gaben an, dass Sanktionen nicht abgeschafft werden sollten. 37 Prozent hingegen sprachen sich für eine Abschaffung von Sanktionen aus, die restlichen 17 Prozent waren unentschlossen.

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