Kampf gegen Billigfleisch: Lidl hatte die Preise für Schweinefleisch angehoben - das Experiment ist gescheitert
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Kampf gegen Billigfleisch: Lidl hatte die Preise für Schweinefleisch angehoben - das Experiment ist gescheitert.

Harter Wettbewerb, niedrige Preise

Abkehr vom Billigfleisch: Kaufland und Lidl scheitern mit Experiment - Schuld beim Kunden

  • Patrick Freiwah
    vonPatrick Freiwah
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Würden Verbraucher für gerechtere Bedingungen beim Fleischkonsum tiefer in die Tasche greifen? Lidl und Kaufland kommen zu einem ernüchternden Ergebnis - und ändern ihre Preise.

  • Lidl und Kaufland erhöhten im Dezember die Preise für Schweinefleisch, um die heimischen Bauern zu unterstützen.
  • Wenige Monate später wird die Entscheidung revidiert. Können die Verbraucher nicht auf Billigfleisch verzichten?
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Neckarsulm/München - In der Frage um eine gerechtere Bezahlung für Fleischkonsum gibt es eine positive Nachricht: Deutschlands Verbraucher haben in der Corona-Krise den Verbrauch von Bio-Fleisch erhöht. Die verkaufte Menge von Bio-Geflügel stieg 2020 um gut 70 Prozent, die von rotem Fleisch (z. B. Rind und Schwein) um 51 Prozent, teilte der Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) laut Tagesspiegel mit. Jedoch bleibt der Marktanteil insgesamt gering - bei Bio-Geflügel macht er mengenmäßig gerade mal 2,6 Prozent aus, bei rotem Fleisch 3,6 Prozent.

Dass auch die Handelsketten bereit sind, die Bedingungen im Hinblick auf die Fleischindustrie zu verbessern, zeigte die Schwarz-Gruppe Anfang Dezember mit der Entscheidung, die Preise für Schweinefleisch zu erhöhen. Es wurde mitgeteilt, dass der Discounter Lidl auf die Forderung der Landwirtschaft reagiert und bestimmte Fleischwaren teurer macht, um eine gerechtere Bezahlung zu ermöglichen. In der Folge wurde für zehn Artikel der Kilopreis um jeweils einen Euro erhöht. Dabei wollte Lidl die Preiserhöhung „zu 100 Prozent an die Bauern weitergeben“, was auch auf den Artikeln selbst mitgeteilt wurde.

Lidl und Kaufland machen Preiserhöhung rückgängig - Weil Kunden nicht mehr zugreifen

Jedoch ging der Versuch bei Lidl und Kaufland nach hinten los: Die Unternehmen der Schwarz-Gruppe, deren Eigner zu den reichsten Menschen der Welt gehört, macht das Experiment rückgängig. Der Grund: Die Kunden haben in der Folge viel weniger zu den entsprechenden Waren gegriffen, stellte das Unternehmen fest. Dem Preisdumping in der Fleischindustrie konnte mit dieser Maßnahme also nicht erfolgreich entgegengewirkt werden.

Das Ziel, dass Lidl-Kunden einen höheren Beitrag zur Unterstützung der heimischen Landwirtschaft leisten, ist also krachend gescheitert. Sowohl Lidl als auch Kaufland, das ebenfalls zur Schwarz-Gruppe gehört, haben die Fleischpreise für die Fleischwaren wieder nach unten korrigiert. Wie ein Unternehmenssprecher verkündete, sei ein „erheblicher Wettbewerbsnachteil“ entstanden, weil der Markt dem Signal nicht folgte - und der Absatz merklich schrumpfte. So erklärte das Unternehmen: „Ab sofort müssen wir uns im Schweinepreissegment wieder dem Marktniveau anpassen.“

Lidl mit Preiserhöhung für Fleisch - War der Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt?

Was ist also falsch gelaufen, wo sich heutzutage doch immer mehr Menschen mit Tierwohl und besseren Haltungsbedingungen auseinandersetzen? Blenden Verbraucher beim Einkaufen die Wahrheit aus und orientieren sich zumeist an den günstigen Angeboten? Geht es nach Agrarprofessor Ulrich Enneking, ist diese These zu kurz gedacht:

In einem Interview mit Zeit.de spricht der Lehrstuhlinhaber über die Entscheidung der Schwarz-Gruppe, den sogenannten „Bauern-Soli“ wieder rückgängig zu machen: „Wenn ein Händler die Preise erhöht und der andere nicht, geht der Konsument zu einem anderen. Wenn es da das gleiche Fleisch gibt, also die gleiche Fleischqualität, kann man dem Verbraucher keinen Vorwurf machen. Und in dem Bereich gibt es tatsächlich wenig Qualitätsunterschiede“, lautet Ennekings Meinung.

Nach Ansicht des Professors war das Experiment bereits zum Scheitern verurteilt, wenn es keine Absprachen mit den anderen Händlern gibt. Das wiederum würden in Deutschland die kartellrechtlichen Bestimmungen nicht ermöglichen: Denn das wiederum habe die Absicht, Verbraucher vor derartigen Preiserhöhungen zu schützen. Zwar würde es in der Bevölkerung den Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit und Qualität geben, stellt Enneking fest. Eine Preiserhöhung funktioniere jedoch nur, wenn die Bedingungen dann auch wirklich steigen würden.

Billigfleisch bei Discountern: Höhere Preise offenbar nur mit besserer Qualität durchsetzbar

Neben weiteren Faktoren begünstigen auch Lebensmittel und insbesondere der Fleischkonsum die Ausbreitung von Bakterien - oder aber Virenstämme wie Corona:

Wie die Verbraucherzentrale mitteilt, gibt es durchaus Möglichkeiten, mit denen Discounter höhere Preise bei Fleischprodukten durchsetzen könnten: eine bessere Kennzeichnung der Waren mit der Information, was durch die Kostensteigerung bewirkt wird. Diese Feststellung stützt eine Auswertung von Greenpeace, welche die Umweltorganisation 2020 veröffentlichte.

Professor Enneking stellt im Hinblick auf eine Studie fest: „Ungefähr ein Drittel der Bürgerinnen und Bürger würden mehr Geld für Fleisch ausgeben. Aber nur, wenn erkennbar ist, dass das Fleisch eine bessere Qualität hat, also beispielsweise beim Verarbeitungsprozess, der das Tierwohl beeinflusst. Wenn sogar eine Kombination aus Geschmack und Ethik bedient wird, dann halte ich noch höhere Preise für möglich.“

Oder sind Steak, Schnitzel und Hackfleisch aus dem Drucker die Lösung? Was verrückt klingt, könnte bald eine neue Fleischalternative im Angebot der deutschen Supermärkten werden. (PF)

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