Lieferando-Kurier im Schnee
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Essenslieferungen sind während der Corona-Pandemie beliebter denn je

Lieferdienst baut „Schattenwebsites“

Lieferando installiert Schattenwebseiten - Mieses Modell für Gastro - Münchner Wirt klagt an: „Schon sehr unfair“

  • Josef Forster
    vonJosef Forster
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Ein Bericht des BR zeigt, dass der Lieferservice Lieferando ungefragt Websites für kooperierende Restaurants baut. Ein Ärgernis für viele Gastronomen.

München - 588 Millionen Bestellungen. Nach eigenen Angaben war 20202 für den Lieferando-Mutterkonzern Just Eat Takeaway ein Rekordjahr. Weltweit stiegen die Essensbestellungen um 39 Prozent an, dem Corona-Lockdown und Restaurantschließungen sei Dank. Während das niederländische Unternehmen einen Rekordumsatz von 2,4 Milliarden Euro einfuhr, bleibt den meisten Gastronomen das Jahr 2020 als „Seuchenjahr“ in Erinnerung. Die Corona-Maßnahmen treffen die Restaurantbetreiber:innen besonders hart, da sie ihre Gaststätten seit November 2020 trotz Hygienekonzepte schließen mussten. Als Einnahmequelle dient den Gastronomen nur das Abhol- und Liefergeschäft. Besonders der Lieferdienst Lieferando sorgte einem Bericht des BR zufolge bei den Restaurantbetreiber:innen für Verstimmungen.

Lieferando erstellt für Restaurants wohl ungefragt eigene Websites

Wie der BR berichtet, nutzt der Lieferservice Lieferando eine zweifelhafte Methode, um seinen Umsatz zu steigern. Das Unternehmen erstellt für Restaurants, die mit dem Lieferservice kooperieren, Websites. Und nicht nur das: Offenbar werden bestehende Webseiten schlichtweg kopiert - führen dann aber zu Lieferando.

Der Hintergrund: Mit den eigens erstellten Internetseiten will Lieferando die Sichtbarkeit der teilnehmenden Restaurants bei Google-Suchen steigern. Unternehmen und Resaturants arbeiten daran, bei einer Google-Suchanfrage möglichst weit oben gelistet zu werden, damit sie für potentielle Kunden schneller sichtbar sind.

Münchner Gastronom genervt von Lieferando-Masche

Der BR zeigt, dass die „optimierten“ Websites, die Lieferando für die Restaurants erstellt, meist an einer besseren sprich höheren Google-Position stehen, als die Internetseiten, die die Gastronomen selbst bauten. „Die Leute suchten nach seinem Restaurant „und finden Lieferando, das ist nicht ok“, klagt der Münchner Gastronom Vinh Tan Pham gegenüber dem BR. Er habe „in 17 Jahren mit Fleisch und Blut diesen Laden und diesen Namen aufgebaut. [...] Das ist schon sehr unfair uns gegenüber, weil wir haben dafür geackert“, so Pham weiter. Seine eigene Website wird von der Internetseite, die Lieferando für ihn baute, verdrängt. Wie der BR recherchiert, wendet der Lieferando-Mutterkonzern Just Eat Takeaway das Konzept europaweit an. Rund 120.000 Domains soll sich das Unternehmen gesichert haben, 50.000 davon alleine in Deutschland.

Lieferando sieht das Website-Bauen nach BR-Berichten als „inbegriffenen Zusatzservice“ für Gastronomen. Ein entsprechender Absatz solle sich laut der Recherche auch in den Verträgen befinden, die die Restaurantbetreiber:innen mit Lieferando unterzeichnen. Trotzdem geschieht das Vorgehen von Lieferando nicht aus reiner Nächstenliebe. Wie der BR aufzeigt, muss ein Restaurant bei einer Bestellung über die „Schattenwebsite“ 13 Prozent Provision an das Unternehmen zahlen. Greifen die Restaurantbetreiber:innen auf Lieferando-Kuriere zurück, die das Essen zum Kunden bringen, werden bis zu 30 Prozent Provision fällig. Bestellt ein Kunde dagegen direkt über die Webseite des jeweiligen Restaurants entfallen diese Gebühren logischerweise und der Gastronom bekommt die volle Bestell-Summe.

Lieferando: EU-Kommission will Arbeitsbedingungen auf Online-Plattformen bessern

Nicht nur wegen der „Schattenwebsites“ steht Lieferando in der Kritik. Wie die dpa berichtet, will die EU-Kommission die Arbeitsbedingungen von Internet-Plattformarbeitern verbessern. Dafür hat sie am Mittwoch einen Austausch mit Gewerkschaften und Vertretern von Arbeitgebern gestartet. Es geht um Dienstleistungen, die über digitale Plattformen wie eben Lieferando oder auch Uber vermittelt oder erbracht werden. Zwar seien durch diese Angebote im Internet neue Arbeitsplätze entstanden, „allerdings sind bei bestimmten Arten von Plattformarbeit die Arbeitsbedingungen durchaus prekär“, teilte die EU-Kommission am Mittwoch mit. Die Behörde reagiert mit dem Schritt wohl auf den wachsenden Trend, Essen über plattformbasierte Anwendungen wie Lieferando zu bestellen. (jjf/dpa)

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