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9-Euro-Ticket als Verkehrsentlastung? Wenige Menschen wechseln vom Auto zu Bus und Bahn

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Von: Victoria Krumbeck

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Das 9-Euro-Ticket sollte Verbraucher dazu bewegen, das Auto stehenzulassen und den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen. Das Verkehrsaufkommen steigt jedoch an.

Berlin/München – Volle und verspätete Züge sind seit der Einführung des 9-Euro-Ticket Normalität geworden. Mit Glück findet man einen Sitzplatz, eine Fahrradmitnahme ist kaum mehr möglich. Das 9-Euro-Ticket sollte für Bürger und Bürgerinnen eine Entlastung bieten. In der Realität sieht das jedoch anders aus. Was Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) als „großen Erfolg“ feiert, offenbarte den schlechten Zustand, in dem sich die Deutsche Bahn befindet. Erste wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass das Ticket kaum eine Verkehrsentlastung bringt. 

9-Euro-Ticket führt zu mehr Verkehr und weniger Klimaschutz

„Tatsächlich ist die Datenlage nach wie vor sehr dünn“, sagte der Projektleiter Öffentlicher Verkehr des Interessenverbands Agora Verkehrswende, Philipp Kosok, der dpa. Viele Daten müsse man mit Vorsicht genießen. „Das, was vorliegt, sind allerdings sehr alarmierende Daten. Es deutet darauf hin, dass mit dem 9-Euro-Ticket mehr Verkehr erzeugt und vor allem kaum verlagert wird“, so Kosok. Damit könnte das 9-Euro-Ticket eher negative Auswirkungen auf den Klimaschutz haben.

Erste Trendaussagen lieferten bereits die bundesweite Marktforschung des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) und der Deutschen Bahn AG im Juli. Das Ticket erfreut sich an extremer Bekanntheit und Beliebtheit. Fast 98 Prozent der Befragten kennen das 9-Euro-Ticket und zwei Drittel kennen es sogar gut. Hochrechnungen ergaben, dass mindestens 30 Millionen Personen im Juni ein Ticket besaßen. Einschließlich der schon bestehenden ÖPNV-Abos.

Verwenden Sie das 9-Euro-Ticket?

 „Das Ticket führt zu einer höheren Nutzung des öffentlichen Verkehrs, aber vor allem selektiv auf bestimmten Strecken – sogar so weit, dass dort der Verkehr zusammenbricht“, erklärte Christian Böttger, Bahn-Experte an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW) gegenüber der dpa. Die hohe Nachfrage spüren die Reisenden und die Beschäftigten in den Bussen und Bahnen. Eine Auswertung von Mobilfunkdaten durch das Statistische Bundesamt ergab, dass im Juni 2022 die bundesweiten Bewegungen im Schienenverkehr im Schnitt 42 Prozent höher waren als im Juni 2019.

9-Euro-Ticket verringert das Verkehrsaufkommen nicht

Der VDV ermittelte, dass ein Fünftel der Käuferinnen und Käufer den ÖPNV vor dem Ticket nicht genutzt haben. Genau das ist das Problem. Ohne das Ticket wäre es zu vielen Fahrten erst gar nicht gekommen. Das Verkehrsaufkommen verringerte sich somit nicht. Nur wenig Autofahrten wurden ersetzt und dafür zusätzliche Reisen unternommen. „Aus den bisherigen Untersuchungen lässt sich nur ein leichter Verlagerungseffekt von der Straße auf den öffentlichen Verkehr von bestenfalls zwei bis drei Prozent erkennen“, sagte etwa HTW-Forscher Böttger der dpa.

Das 9-Euro-Ticket führt zu mehr Verkehr. Anstatt auf das Auto zu verzichten, nutzen viele Verbraucher das Ticket für zusätzliche Fahrten.
Stau auf der Autobahn. Das 9-Euro-Ticket sorgt anscheinend für ein höheres Verkehrsaufkommen (Symbolbild). © Jochen Eckel/IMAGO

Eine Studie aus dem Großraum München stützt das Ergebnis. Es stellte sich raus, dass 35 Prozent der Probanden häufiger mit Bus und Bahn fuhren – aber nur drei Prozent ihr eigenes Fahrzeug seltener nutzten. Die Forscher stellten auch eine gewisse dämpfende Wirkung auf den Straßenverkehr in München fest. Anstatt im Juni – wie üblich – leicht zu steigen, ging er um drei Prozent zurück. Die Münchner Studie untersuchte einen Bereich mit relativ dichtem ÖPNV-Angebot. Die Universität Kassel zeigte, dass das einen großen Unterschied machen kann. Je größer die Städte waren, desto häufiger kauften sich die Menschen dort ein Ticket.

Hohe Investitionen für eine langfristige Verkehrswende nötig

Für ein Nachfolgeangebot können sich viele Menschen auch höhere Preise vorstellen, wie Forscher der TU Dresden herausfanden. Die meisten Menschen nannten dabei Werte zwischen 60 und 90 Euro. Aktuell wird über ein nachfolgendes Angebot noch debattiert.

Für eine langfristig erfolgreiche Verkehrswende sind andere Faktoren ausschlaggebend. „Wenn wir wirklich stabiles Wachstum wollen im öffentlichen Verkehr, dann müssen wir vor allem die Kapazitäten entsprechend erweitern“, sagte HTW-Experte Böttger. „Was wir gesehen haben, ist, dass das System wirklich am Anschlag ist.“ Böttger geht allein für den Eisenbahnverkehr von einem Investitionsstau beim Neu- und Ausbau von rund 150 Milliarden Euro aus. (vk/dpa)

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