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FTI-Insolvenz fordert zahlreiche Verlierer – doch es gibt auch Profiteure

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Nach der FTI-Pleite sind Marktanteile in der Reisebranche frei geworden. Die Konkurrenz darf sich freuen und auf einen Zuwachs hoffen. Der Steuerzahler dagegen weniger.

München – Während die Insolvenz des drittgrößten europäischen Reisekonzerns FTI einen weiteren Fall im ohnehin schon gut gefüllten Katalog deutscher Unternehmensinsolvenzen im Jahr 2024 bedeutete, steht in der gesamten Reisebranche nun eine Neuverteilung bisheriger Marktanteile an, die nun frei geworden sind. Was aber bedeutet die FTI-Insolvenz für die Reisebranche konkret, und wie reagieren Konkurrenzunternehmen auf die neue Situation?

Reisebranche gerät nach FTI-Insolvenz in Bewegung – Konkurrenz wirbt um FTI-Kunden

Nachdem die FTI-Insolvenz am Montag durch eine Pressemitteilung des Konzerns publik geworden war, nahmen an vielen Stellen innerhalb der Branche neue Strukturierungsprozesse unmittelbar an Fahrt auf. Nach der FTI-Insolvenz wird nun nämlich potenziell ein Umsatzvolumen von zuletzt vier Milliarden Euro jährlich auf andere Unternehmen der Branche verteilt werden müssen.

Hiervon könnten dann etwa TUI und Dertour profitieren. Die beiden größten deutschen Reisekonzerne erholten sich von der Corona-Krise mit Umsatzwachstum von rund einem Viertel auf 20,7 Milliarden Euro bei TUI, sowie 7,2 Milliarden Euro bei Dertour im Geschäftsjahr 2023. „Der Milliardenkuchen wird unter den anderen Veranstaltern aufgeteilt“, erklärte der Tourismusexperte Torsten Kirstges von der Jade Hochschule Wilhelmshaven dem Tourismus-Fachmagazin fvw

So begannen die größten FTI-Konkurrenten Alltours, die Rewe-Tochter Dertour und Marktführer TUI nach Bekanntwerden der FTI-Pleite direkt damit, FTI-Kunden mit neuen Angeboten zu werben. Hierzu gehörte etwa, dass die Reisekonzerne bei Pauschalreise-Angeboten auf die übliche Anzahlung von Kundenseite verzichteten. Darüber hinaus befänden sich die Reiseveranstalter aktuell in Gesprächen mit Hotels, die angesichts der FTI-Insolenz nach neuen Geschäftspartnern suchen, berichtete etwa die österreichische Kleine Zeitung

FTI-Insolvenz dürfte „nachhaltig spürbar“ sein – Reisedienstleister wittern neuen Gewinnzuwachs

Die TUI-Aktie stieg unmittelbar infolge der FTI-Insolvenz um rund zehn Prozent. Seitens des Marktführers wurde darauf hingewiesen, dass man mit Hoteliers in Zielgebieten zusätzliche Angebote zusammenstellen wolle, wie es der Geschäftsführer von TUI Deutschland, Stefan Baumert, am Sonntag (9. Juni) im Gespräch mit der Rheinischen Post (RP) mitteilte. Vor allem in den größten FTI-Märkten in der Türkei und Ägypten sind einem Sprecher zufolge aktuell TUI-Manager unterwegs, um mit Hotels ins Geschäft zu kommen, die bislang mit FTI zusammenarbeiteten. 

Von der FTI-Insolvenz dürfte jedoch auch die Veranstaltermarke Eurowings Holidays profitieren, räumen Experten ein. „Wir beobachten seit Wochenbeginn einen sprunghaften Anstieg der Buchungseingänge um mehr als 70 Prozent gegenüber vergleichbaren Zeiträumen vor der FTI-Insolvenz“, erklärte Karlheinz Kögel, der die Veranstaltermarke Eurowings Holidays mit seiner HLX-Gruppe betreibt, gegenüber der Bild-Zeitung. Auch geht er auch davon aus, dass der Effekt der FTI-Insolvenz „nachhaltig spürbar“ sein dürfte.

Infolge der FTI-Insolvenz sind neue Marktanteile in der Reisebranche frei geworden. Während die Konkurrenz nun Zuwächse wittert, birgt die Pleite des drittgrößten Reisedienstleisters in Europa aber auch einige Probleme.
Aufsteller der FTI-Touristik GmbH © IMAGO/Frank Hoermann / SVEN SIMON

Wachstumschancen könnten sich nun aber nicht nur für die größten Unternehmen der Branche, sondern auch für kleinere Reisedienstleister ergeben. Dazu könnte unter anderem auch der auf Türkei-Reisen spezialisierte Veranstalter Bentour gehören. „Seit Montag beobachten auch wir eine deutlich stärkere Nachfrage“, erklärte Bentour-Marketingchef Christian Hauk der Kleinen Zeitung. Ihm zufolge stehe das Bentour Einkaufsteam am Standort Türkei bereits in einem „intensiven Austausch mit Hotelpartnern vor Ort“ und habe von vielen bereits verbindliche Zusagen für erhöhte Kontingente zu guten Konditionen erhalten.

Welche Auswirkungen hat die FTI-Insolvenz für Reisende?

FTI-Kunden, die sich gegenwärtig im Ausland befinden, werden im Auftrag des Deutschen Reisesicherungsfonds (DRSF) nun von TUI und Dertour unterstützt, berichtet die österreichische Zeitung Die Presse. TUI übernahm infolge der FTI-pleite die Betreuung von FTI-Kunden auf den Balearen, in Griechenland, auf den Malediven, in Mexiko, auf Kuba sowie in der Dominikanischen Republik. Dertour kümmert sich unterdessen um FTI-Kunden in der Türkei, in Ägypten, Thailand, Sri Lanka, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Panama und auf den Kanarischen Inseln.

Für FTI-Kunden variieren die Auswirkungen der FTI-Unternehmensinsolvenz je nachdem, welche Art der Reise sie beim Reisedienstleister gebucht haben. Für Pauschalurlauber wurden sämtliche Reisen mit Abreisetermin bis einschließlich Freitag, 5. Juli 2024 abgesagt. Zwar ersetzt der Deutsche Reisesicherungsfonds (DRSF) alle Zahlungen an FTI-Kunden, allerdings sorgen sich nun viele, zum aktuellen Zeitpunkt noch ein adäquates Ersatz-Hotel für ihren Sommerurlaub zu finden.

Reisende, die bei FTI dagegen keine Pauschalreise, sondern bloß einen Hotelaufenthalt bei FTI oder deren Tochterfirmen gebucht und bezahlt haben, stehen dagegen mit vollkommen leeren Händen da. Denn in ihrem Fall greift keine Insolvenzabsicherung, wie es der DRSF für Pauschalreisende tut.

Die FTI-Insolvenz hinterlässt ein neues Loch im Staatshaushalt der Bundesregierung

Während sich der Markt innerhalb der Reisebranche neu ausrichtet und die FTI-Konkurrenz auf baldige finanzielle Zuwächse hofft, könnte sich die Insolvenz von FTI für den Deutschen Bund allerdings als durchaus problematisch herausstellen. Wie das Handelsblatt am Mittwoch (5. Juni) unter Verweis auf regierungsinterne Berichte mitteilte, erwartet die Bundesregierung infolge der FTI-Insolvenz ein potenzieller Schaden von schätzungsweise 510 Millionen Euro.

Hauptsächlicher Grund dafür ist, dass FTI während der Corona-Pandemie finanzielle Hilfen aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) in Anspruch nahm, die Hilfen aber bislang größtenteils noch nicht zurückzahlte. Dem Handelsblatt zufolge erhielt FTI insgesamt 603 Millionen Euro aus dem WSF, wovon der Konzern bis zu seiner Insolvenz aber nur 93 Millionen zurückzahlte. Die FTI-Pleite macht damit annähernd die Hälfte der insgesamt erwarteten Verluste des WSF aus. Diese summieren sich dem Bericht zufolge auf etwa 1,1 Milliarden Euro. (fh)

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