24.02.2012, Bayern, Nürnberg: Verschiedene Wurstsorten liegen in der Auslage einer Metzgerei.
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Fleisch müsste deutlich teurer verkauft werden. Das haben nun Augsburger Wissenschaftler für eine deutsche Discounter-Kette errechnet. (Symbolbild)

Was unsere Lebensmittel eigentlich kosten sollten

Verbraucher-Schock: Discounter veröffentlicht jetzt „wahre Preise“ - Einzelne Produkte 200 Prozent teurer

  • VonCornelia Schramm
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Klimawandel und Wasserverschmutzung: Viele der globalen Umweltschäden schlagen sich auf die Lebensmittelpreise nieder - in Deutschland müssten die Preise für Fleisch, Milch und Käse jetzt explodieren.

Berlin - Jede Woche flattern sie in die deutschen Haushalte: die Werbeprospekte der Supermärkte und Discounter. Fleisch, Milch, Käse und Brot - alles gibt es im Sonderangebot. Geht es nach einer aktuellen Studie der Universität Augsburg müssten aber jene Lebensmittel in Wahrheit viel mehr kosten* als Aldi*, Lidl* und Co. von ihren Kunden verlangen. Dann wären Milch und Käse fast doppelt so teurer - und Fleisch müsste im Discounter sogar dreimal mehr kosten als im Moment.

Der Grund dafür scheint klar: Der Klimawandel und die weltweite Wasserverschmutzung, die die Landwirtschaft verursacht, treiben die Lebensmittelpreise international in die Höhe. Doch der Wirtschaftsinformatiker Tobias Gaugler und sein Team berücksichtigen in ihren Berechnungen die Klimaschäden aktuell nicht. Im Auftrag der Rewe-Gruppe hat Gaugler die „wahren Kosten“ für insgesamt 16 Produkte der Penny-Eigenmarke ermittelt. Neben den „normalen“ Herstellungskosten betrachteten die Augsburger Wissenschaftler nur die Auswirkungen der bei der Produktion entstehenden Treibhausgase, die Folgen der Überdüngung sowie den Energiebedarf.

Wir haben bisher nur einen Teil der versteckten Kosten berücksichtigt, aber allein das zeigt schon, dass die Preise lügen - manche mehr und manche weniger.

Tobias Gaugler, Wirtschaftsinformatiker

Preisschock gravierend: Schneiden Bio-Produkte besser ab?

Die Ergebnisse schockieren: Vor allem Fleisch- und Tierprodukte müssten - unter Berücksichtigung der „versteckten“ Kosten gravierend teurer verkauft werden. Glaubt man der Studie, müsste der Discounter Penny Fleisch aus konventioneller Haltung mit einer satten Preissteigerung von 173 Prozent verkaufen. Das heißt: Die 500-Gramm-Packung gemischtes Hackfleisch müsste statt 2,79 Euro stattliche 7,62 Euro kosten.

Auch Milchprodukte wären „normalerweise“ weitaus teurer, sodass die Preise für Vollmilch um 122 Prozent und die für Gouda um 88 Prozent klettern müssten. Die „wahren Preise" für Obst und Gemüse kommen in der Studie verhältnismäßig gut weg: Der Preis für Bananen würde sich um 19 Prozent, der für Äpfel sogar nur um acht Prozent erhöhen. Gerade für Bio-Käufer stellt sich natürlich die Frage, ob ihre Produkte besser abschneiden würden als das herkömmliche Angebot. Die Forscher können dies zwar bejahen, doch auch Bio-Fleisch müsste eigentlich rund 126 Prozent mehr kosten als bisher.

Rewe plant den „wahren Preis“ auf dem Preisschild

Heute eröffnet Rewe eine neue Filiale seiner Discounterkette Penny in Berlin - das besondere daran, es handelt sich dabei um einen „Nachhaltigkeitsmarkt“, der sich die „wahren Preise" auch wirklich auf die Schildchen schreibt. Natürlich neben den konventionellen Preisen und auch nur bei jeweils acht von insgesamt 3500 konventionell und ökologisch erzeugten Produkten. Den Verantwortlichen geht es darum, einen ersten Schritt in Richtung Nachhaltigkeit zu gehen und dem Kunden die Folgekosten seines Konsums vor Augen zu führen.

Nur wenn der Käufer sieht, dass er die H-Milch zwar für 79 Cent bezieht, sie de facto aber 1,75 Euro kosten würde, kann er auch in Zukunft eine bewusstere Kaufentscheidung treffen*. Rewe-Manager Stefan Magel räumt, wie die DPA berichtet, zudem ein: „Wir sind als Unternehmen in einem wettbewerbsintensiven Markt ohne Zweifel Teil des Problems." Mit seinem aktuellen Vorhaben hoffe er aber, Teil einer Lösung zu werden. Reagiere der Kunde positiv auf die doppelte Preisauszeichnung, würden die Aktion auf weitere Produkte ausgeweitet und auch in anderen Penny-Märkten angeboten.

Puls4-Video: Rettet der Verzicht auf Fleisch das Klima?

Auch die Augsburger Wissenschaftler hoffen, dass der „doppelte Preis“ den Konsumenten verändert. Die hohen Umweltfolgekosten könnten, beispielsweise durch eine Besteuerung der CO2-Emissionen und der Stickstoffdünger in der Landwirtschaft, schrittweise auf die Lebensmittelpreise aufgeschlagen werden. Die Supermärkte würden nach Auffassung der Forscher dann wahrscheinlich mehr Bio-Produkte und Fleischloses* anbieten und damit gleichzeitig die Umweltschäden deutlich reduzieren. (cos/ dpa) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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