Rewe Logo an der Außenfassade eines Supermarktes in Düsseldorf, Deutschland
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Zur Rewe-Gruppe gehören neben Billa und Penny auch der Baumarkt Toom und der Reiseveranstalter DER Touristik (Symbolbild).

Einblick hinter die Kulissen

Rewe-Mitarbeiterin: „Wie man Schweine zerlegt, habe ich mir mit YouTube beigebracht”

  • VonBettina Menzel
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Systemrelevant, aber nicht anerkannt? In diese Kategorie fällt auch der Job des Supermarktmitarbeiters. Ein Einblick hinter die Kulissen bei Rewe. 

Neunkirchen am Sand - Der Wecker klingelt um 4 Uhr, draußen ist es noch dunkel. Ein Glas Wasser muss reichen, gefrühstückt wird später. Gegen 5 Uhr morgens schließt Olga Fix den Seiteneingang des Rewe-Marktes im bayerischen Neunkirchen auf, einige Angestellte warten schon davor.

Der Supermarkt öffnet um 7 Uhr, doch schon um kurz nach 5 Uhr beginnen die Mitarbeiter mit dem Einräumen der neu gelieferten Ware: Obst und Gemüse von den regionalen Bauern stehen in Kisten aufgetürmt in der Mitte der Gänge, frisches Brot vom Bäcker aus dem Nachbarort muss geschnitten werden. Danach folgt die Prüfung der Haltbarkeit und das Ausräumen zahlreicher Kühlcontainer und Paletten, die über Nacht ins Lager geliefert wurden. Alles unter Zeitdruck.

Rewe-Filialleiterin: „Wie man Schweine zerlegt, habe ich mir mit YouTube beigebracht“

Die heutige Rewe-Filialleiterin Olga Fix kam 1993 mit vier Koffern, zwei Kindern und ihrem Mann aus dem kleinen Örtchen Kellerowka in Kasachstan nach Deutschland. Zwei Jahre später begann sie bei Rewe zu arbeiten, seit 2002 hat sie ihren eigenen Rewe-Markt. Eigentlich ist sie Dirigentin, ihre Ausbildung ist in Deutschland akkreditiert. Doch das „Dirigieren” im Supermarkt sei heute ihr Traumjob, versichert sie.

Die 52-jährige Chefin selbst arbeitet in der Metzgerei, „weil das sonst keiner machen will”, sagt sie lachend. Es sei ohnehin schwer genug, Personal zu finden, deshalb macht die Chefin den unbeliebtesten Job. Sie hebt schwere Kisten von A nach B, schneidet Wurst auf. „Wie man Schweine zerlegt, habe ich mir mit YouTube beigebracht”, gibt Frau Fix gegenüber Merkur.de zu. Ein Mitarbeiter hatte gekündigt, es musste schnell gehen. In der Regel arbeitet Frau Fix an sechs Tagen pro Woche. Manchmal sogar an sieben, wenn etwa die Grünfläche vor dem Supermarkt Pflege braucht oder sonntags Aktionsbestellungen anstehen.

Rewe: Supermärkte und Discounter sind wirtschaftliche Gewinner der Pandemie

Für Rewe selbst läuft es wirtschaftlich gut: Supermärkte und Discounter gelten als Gewinner der Pandemie. Die Penny-Rewe-Group hat über 2.000 Filialen in Deutschland und verzeichnete im Jahr 2020 8,05 Milliarden Euro Nettoerlös. Während der Einzelhandel litt und teilweise komplett geschlossen war, kauften die Menschen überdurchschnittlich viel bei Aldi, Lidl, Rewe und Co. Die Kunden gingen zwar seltener einkaufen, gaben aber höhere Beträge aus. Eine EHI-Studie zeigt: Das Erlösplus der Supermärkte lag 2020 bei 13,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Generell sind Frau Fix und ihre Mitarbeiter dankbar für ihr sicheres Einkommen. Doch die gesundheitliche Sicherheit im Job und die Anerkennung bleiben oft außen vor.

Supermarktmitarbeiter: Systemrelevant, aber nicht wertgeschätzt

In der Gesellschaft werde die Arbeit der Supermarktmitarbeiter nicht wertgeschätzt – vor allem nicht von der Politik, findet Frau Fix. Dabei sei das Arbeiten im Supermarkt harte Arbeit. Zu Beginn der Pandemie war die Kundschaft dankbar, das sei aber schnell verflogen. „Die Kunden haben anfangs eine große Dankbarkeit gezeigt. Schließlich ist unser Job während der laufenden Pandemie nicht ohne Risiko”, so Frau Fix. Zudem gab es für die Supermarktmitarbeiter wegen der Hamsterkäufe auch deutlich mehr zu tun.

Der Job des Supermarktmitarbeiters gehört zu den systemrelevanten Berufen der „ersten Stunde“. Diese Bezeichnung wählt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in einer Analyse vom Juni 2020. Diese Berufsgruppen – zu denen auch der Gesundheitssektor zählt – sind besonders schlecht bezahlt und genießen wenig Prestige in der Bevölkerung. Supermarktmitarbeiter erhalten laut der DIW-Studie „Systemrelevant, aber dennoch kaum anerkannt“ die geringste Bezahlung der systemrelevanten Berufe.

Ihre liebsten Kunden seien die, die auch mal Verständnis zeigen, sagt Frau Fix. „Wenn unser Prognosesystem die Nachfrage unterschätzt hat, ist eine Aktion schnell weg”, nennt die Geschäftsführerin als Beispiel. „Viele Kunden verstehen, dass wir nicht selbst produzieren und nichts dafür können, wenn eine Aktion mal nicht in unserem Markt ankommt. Einige verstehen es aber nicht und kommen, um Streit zu suchen.“

Arbeiten im Supermarkt: „Nicht jeder kann den Job gut machen!“

Gemeinhin herrsche die Überzeugung, dass jeder den Job machen könne: „Aber nicht jeder kann den Job gut machen! Dafür braucht es Köpfchen, Kreativität, Durchhaltevermögen und den richtigen Umgang mit Menschen”, findet Olga Fix. „Man muss Menschen lieben.” Auch im Supermarkt gebe es zudem Möglichkeiten, sich weiterzubilden: Die Rewe-Akademie etwa oder spezielle Fortbildungen in den einzelnen Abteilungen. „Wer im Getränkemarkt arbeitet, kann zum Beispiel eine Sommelier-Ausbildung machen“, erklärt die Filialleiterin.

Der Tag endet für Olga Fix nicht nach acht Stunden, sondern wenn die Arbeit getan ist. Das Gute ist, dass sie ihre Familie an ihrer Seite hat: Ihr Mann und ihr ältester Sohn arbeiten auch im Betrieb mit, das stärkt ihr den Rücken. Manchmal besucht sie an ihrem freien Tag die Bauern in der Region. Wer gute Qualität bietet, wird in das Sortiment bei Rewe aufgenommen. Ihre restliche freie Zeit verbringt sie am liebsten mit ihrer Familie, geht angeln oder hört Tschaikowsky. Und am nächsten Morgen klingelt um 4 Uhr wieder der Wecker.

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