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Alles lag in Schutt und Asche: Blick vom Rathaus über die zerbombte sächsische Metropole.

Feuersturm 1945

„Es verfolgt mich ein Leben lang“- Münchnerin erlebte Dresdens Zerstörung vor 75 Jahren

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Heute vor 75 Jahren wurde Dresden bombardiert.Erika Pohl-Eisgruber, 89, wohnt seit über 60 Jahren in Oberbayern. Den Feuersturm erlebt sie als junges Mädchen in einem Keller in der Innenstadt der berühmten Barockstadt.Es sind bange Stunden, die sie heute noch in Unruhe versetzen.

  • Am 13. und 14. Februar 1945 wurde Dresden in Schutt und Asche gelegt.
  • Eine Münchnerin hat die Luftangriffe und die Zerstörung Dresdens vor 75 Jahren erlebt.
  • Die 89-Jährige war damals 14 Jahre alt. 

Garching – Erika Pohl-Eisgruber, 89, lebt seit vielen Jahren in Garching. Von ihrem Balkon sieht sie die Allianz Arena. Ihr verstorbener Ehemann war ein Bayer durch und durch, sie hat inzwischen neun Enkel und zehn Urenkel. Erika Pohl-Eisgruber hat hier in Oberbayern ihr Glück gefunden, aber immer am 13. Februar muss sie an ihre alte Heimat denken, ihre ausgebombte Heimat Dresden.

„Es ist ein Wahnsinn, dass einen das ein ganzes Leben lang verfolgt“, sagt sie, während sie auf zwei gerahmte Schwarz-Weiß-Fotos deutet. Sie zeigen ihre Tante Elly und ihren Opa Hugo. Sie wollen gerade noch ein paar Habseligkeiten aus dem Haus retten, als die ersten Bomben auf die letzte unversehrte Großstadt an der Ostfront fallen. Beide sterben.

Erika Pohl-Eisgruber (Kreis) als junges ­Mädchen im zerstörten „Elb-Florenz“.

Um 22 Uhr beginnt die erste Angriffswelle auf Dresden

„Immer abends um zehn Uhr stelle ich die beiden Fotos auf“, sagt die Nachfahrin. So wird sie es auch heute machen. Denn kurz nach 22 Uhr beginnt in Dresden vor 75 Jahren die erste Angriffswelle. 235 britische und neun amerikanische Bomber greifen die Stadt an, drei Stunden später die zweite Angriffswelle mit 551 britischen Bombern. Am 14. Februar mittags gegen 12 Uhr folgt ein dritter Schlag mit 311 amerikanischen Bombern. Danach ist Dresden zerstört, diese alte Barockstadt mit ihren großen Mengen an verbautem, altem und trockenem Holz. „Die ganze Innenstadt war weg“, sagt Pohl-Eisgruber, „da war keine Stadt mehr da.“

Die Garchingerin ist 14 Jahre alt, als dem Feuersturm 25.000 Menschen zum Opfer fallen. Es ist Faschingsdienstag, und der Tag beginnt schon merkwürdig. Pohl-Eisgruber hat ihre Erinnerungen vor ein paar Jahren aufgeschrieben, für sich, aber auch für ihre Enkel und Urenkel. „Gleich nach der Schule verkleidete ich mich als Ungarin und fand mich sehr schön“, schreibt sie. Sie will ihrer Tante, die als Chefsekretärin beim örtlichen Gauleiter arbeitet, am Nachmittag das Kostüm zeigen. Aber die Tante sagt: „Ich habe heute wenig Zeit!“ Dann verschwindet sie, sagt aber noch, dass die Familie unbedingt die Nacht außerhalb von Dresden verbringen soll. Den Grund nennt sie nicht. Pohl-Eisgrubers Vater ist zu dem Zeitpunkt an der Front. Mit ihrer Mama und dem achtjährigen Bruder bleibt sie daheim – die Familie verlässt Dresden nicht.

­Erika Pohl-Eisgruber aus Garching erlebte die Bomben­nächte von Dresden.

Dann heulen am Abend plötzlich die Sirenen, Fliegeralarm. Die 14-Jährige flüchtet mit der Mama und dem Bruder in einen Keller. Die ersten Bomben fallen. Jemand sagt: „Das sind Sprengbomben. Die man hört, treffen uns nicht.“ Im Laufe eines langen Lebens vergisst man viel, aber diese Stunden wird sie nie vergessen. „Ein junger Soldat im Keller sagt: Das ist hier schlimmer als im Schützengraben.“ Eine Frau betet, die Kinder im Keller weinen. Es folgt ein ohrenbetäubendes Krachen. Dann Stille. Ist es vorbei? Es sind 16 Menschen im Keller, die junge Erika geht als erstes ins Freie. „Das Nachbarhaus brennt, da ist meine Freundin drin“, sagt sie zur Mama.

Sie rennen über Trümmer raus aus der Stadt auf eine Anhöhe. Dort erkennen sie die Wucht der ersten Angriffswelle. „Es war furchtbar: ein einziges Flammenmeer über der Stadt.“ Von der Anhöhe aus sieht sie den Nachtangriff, der von 1.30 Uhr bis 1.58 Uhr dauert. Ihre Großmutter überlebt die Bombennacht. Sie ist im Hinterhaus, als der Opa und die Tante in den Trümmern sterben. „Für sie muss es furchtbar gewesen sein“, sagt Pohl-Eisgruber heute. „Mann tot, Tochter tot, Haus weg.“

Die 14-Jährige kommt bei Verwandten auf dem Land unter. Das Kriegsende und die Russen nahen. Sie muss später zusehen, wie ihre Mutter vergewaltigt wird. Der Bombenangriff und dieser Moment sind „die schlimmsten Erlebnisse meiner Jugend“, sagt sie.

Pohl-Eisgruber hilft mit, ihre Heimatstadt von Trümmern zu befreien. 1946 flüchtet sie mit ihrer Familie nach Bayern. Später lernt sie die Liebe ihres Lebens kennen, seit 1958 lebt sie in München.

„Jetzt sind 75 Jahre vergangen“, sagt sie. „Aber am 13. und 14. Februar, da ist es furchtbar.“ Da ist alles wieder da. Die Flammen, die Flucht, die Toten. Ein Kerzlein, irgendwo hinter der Allianz Arena, wird die Erinnerung daran heute wach halten. Das ist sie ihren Lieben, sagt sie, schuldig. Ein Leben lang.

Luftangriffe auf Dresden: Der Streit um die Opferzahlen

Die Zahl der von britischen und amerikanischen Bomben ­Getöteten wurde ­lange diskutiert. Die ­Angaben reichten bis zu 500.000 Opfern – Fakt sind ca. 25 000. Woher die Diskrepanz? 

Die DDR-Propaganda übertrieb (wie zuvor NS-Propagandaminister ­Goebbels), um das „Feindbild Westen“ aufrechtzuerhalten. Zuletzt bezogen sich extrem rechte Kreise auf die zu hohen Zahlen – das sollte einen Opfermythos untermauern. Die Stadt ließ eine Kommission forschen, ­Historiker Rolf-Dieter Müller war dabei und resümiert: „Dresden stand schon früh auf der Liste der Alliierten, große Städte und Rüstungszentren waren die bevorzugten Ziele. Dresden war zudem als letzte intakte Großstadt ein Bollwerk an der deutschen Ostfront. Der verantwortliche General Harris war zudem ein Verfechter des ,moral bombings‘, eines Bombenkriegs gegen die Zivilbevölkerung, um ihre Kriegsmoral zu brechen.“

Die vorherrschende Forschermeinung heute lautet: Heute wäre eine solche Bombardierung ein Kriegsverbrechen – damals war sie es keinesfalls.

Jörg S. Carl

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