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3096 Tage hinter einer Tresortür

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- München/Wien - Nach acht Jahren zeigte sich ihr "Gebieter" gnädig. Zum ersten Mal ließ Wolfgang Priklopil sein Opfer ans Tageslicht - allein. Die junge Frau verließ die Montagegrube der Garage: Jenes Loch (drei Meter lang, zwei Meter tief, 1,6 Meter breit), in dem sie seit der Entführung hauste. Sie lief auf die Straße und dann in einen Nachbargarten.

Es war Mittwochmittag, 13.04 Uhr, als ein Anruf in der Polizeistation des niederösterreichischen Örtchens Deutsch-Wagram bei Wien einging. Eine Anwohnerin meldete eine "abgemagerte, junge Frau", die vor ihrem Haus herumirre.

Acht Jahre lebte Natascha in direkter Nachbarschaft

Die Beamten fuhren in die Gemeinde Strasshof. Sie trafen auf ein "blasses Mädchen". Es gestand unter Tränen: "Ich bin Natascha Kampusch." Geboren am 17. Februar 1988, entführt am 2. März 1998, wieder aufgetaucht am 23. August 2006. Am selben Tag beging ihr Peiniger Selbstmord.

Der Fall Kampusch gilt als einer der spektakulärsten der österreichischen Kriminalgeschichte. Augenzeugen berichteten damals von einem Unbekannten, der das zehnjährige Mädchen auf dem Schulweg abpasste und in einen weißen Kleinbus zerrte. Die Beamten überprüften landesweit mehr als 700 Kleinbusse - darunter sogar das Fahrzeug von Priklopil, das er bis zuletzt besaß; doch der Mann schien "sauber". Sie fahndeten von Hubschraubern aus mit Wärmebildkameras und ließen Taucher viele Teiche absuchen. Alles vergeblich: Von Natascha fehlte jede Spur. Dabei lebte die heute 18-Jährige in direkter Nachbarschaft - insgesamt 3096 Tage verbrachte sie einsam hinter einer schalldichten Tresortür.

Nur wenige Straßen von ihrer elterlichen Wohnung entfernt hatte sie Priklopil unter der Garage seines Einfamilienhauses "interniert". Das Grundstück soll der 44-Jährige mit einem Eisentor und Videokameras hermetisch abgeriegelt haben; Nachbarn sprachen oft vom "Fort Knox der Heinestraße". Von dem Horror, der sich jahrelang hinter den Mauern abspielte, will niemand etwas mitbekommen haben. "Hier kümmert sich keiner um den anderen", sagt eine junge Anwohnerin. "Die ,Pioniere’, die schon seit über 35 Jahren hier leben, reden nicht mit den ,Neuen’."

Natascha verbrachte ihre Kindheit und Jugend in einem Kellerverließ mit Bad und Toilette, nie durfte sie raus. Erst in den vergangenen Monaten soll sie Priklopil ab und an zum Einkaufen mitgenommen haben. Die junge Frau war aber so menschenscheu, dass sie zu niemandem Kontakt aufnahm. Schritt für Schritt rekonstruieren die Beamten jetzt Nataschas Martyrium. Sie sprechen von Gewalt, von sexuellem Missbrauch, von Isolation. Eine Leidensgeschichte, die im europäischen Raum wohl einzigartig ist. "Uns sind nur ähnliche Berichte aus Konzentrationslagern bekannt - doch sogar dort gab es eine Schicksalsgemeinschaft", sagt der österreichische Psychiater Max Friedrich. Isolation sei die schlimmste Folter, die man einem Menschen antun könne.

Natascha hat diese Folter überlebt, ihr Peiniger nahm sich das Leben: Er warf sich vor einen Schnellzug. Zuvor hatte er stundenlang in seinem roten BMW nach der jungen Frau gesucht, die ihm entwischt war. Er raste die Wiener Vorortsiedlungen ab, während Ludwig Koch seine totgeglaubte Tochter bei einer Gegenüberstellung sofort identifizierte. Zwar will die Polizei noch eine DNA-Analyse durchführen, "aber nach menschlichem Ermessen", so ein Sprecher, "handelt es sich um Natascha": Die wieder aufgetauchte junge Frau habe eine Narbe an genau derselben Stelle wie damals das entführte Kind. Zudem fanden Beamte den Pass der 18-Jährigen bei einer Tatortbegehung.

Über die Motive des Täters lässt sich nur spekulieren. Manche Experten glauben, er sei einsam gewesen, deshalb habe er Natascha gekidnappt. Fakt ist, dass er ihr zu essen gab, mit ihr das Lesen und Schreiben übte, sie Radio hören und manchmal fernsehen ließ. Selbst die wenigen Freunde, die er hatte, sollen von seinem Doppelleben überrascht gewesen sein. Die eigene Mutter, die sogar einmal das Mädchen bei ihm zu Hause sah, ließ sich mit Ausreden abfrühstücken. Weitere Angehörige beschreiben Priklopil als unauffälligen Einzelgänger, als kontaktscheuen "Technikfreak".

Sie war die persönliche Sklavin ihres Peinigers

Von seinem Opfer ließ er sich oft mit "Gebieter" ansprechen, demonstrierte seine Macht durch Gewalt. Natascha war jahrelang seine persönliche Sklavin.

Als die junge Frau von seinem Selbstmord erfuhr, reagierte sie ruhig - "lebend erwischen die mich nie", soll er ihr mal gesagt haben. "Sie hat damit gerechnet", bestätigt ein österreichischer Polizeisprecher.

In dem Gemeindebau am Rennbahnweg, wo Natascha bis zu ihrem Verschwinden zu Hause war, verbreitete sich die Nachricht über ihr Auftauchen wie ein Lauffeuer. "Schön, dass sie lebt. Ich dachte, sie wurde umgebracht", sagt Rosa Marinkovic, die seit 15 Jahren Mieterin in dem Bau ist. "Viel Liebe und Geduld wird sie brauchen. Sie wird es im Leben jetzt schwer haben."

Die heute 18-jährige Natascha wird mit einer Decke verhüllt von Beamten in Sicherheit gebracht (l.). Diese Treppe (M.) führte zu ihrem Verließ, wo sie auf engstem Raum acht Jahre gefangen gehalten wurde. Welcher Horror sich hinter den Mauern des Einfamilienhauses (r.) abspielte, will niemand der Nachbarn mitbekommen haben.rts/dpa

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