Medizin-Skandal in Polen

Abtreibung verweigert - Krankenhauschef entlassen

Warschau - Weil er einer Frau aus religiösen Gründen die Abtreibung ihres schwer behinderten Fötus verweigerte, ist der Chef eines öffentlichen Krankenhauses in Polen entlassen worden.

"Ein Arzt kann eine Abtreibung aus Gewissensgründen ablehnen, ein öffentliches Krankenhaus kann dies aber nicht tun", sagte ein Sprecher der Warschauer Bürgermeisterin Hanna Gronkiewicz Waltz am Donnerstag. Die Kündigung sei aber noch nicht wirksam, da sich der Professor noch im Urlaub befinde.

Die Frau war schließlich an eine andere Klinik überwiesen worden. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie die 24-Wochenfrist für einen legalen Schwangerschaftsabbruch aber bereits um fünf Tage überschritten. Ende Juni brachte sie laut Berichten polnischer Medien ein Kind zur Welt, das neun Tage später starb. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein. Der Anwalt der Frau will das Krankenhaus auf Schadenersatz verklagen.

Im streng katholischen Polen sind Abtreibungen nach Vergewaltigungen oder in Fällen von Inzest bis zu zwölf Wochen nach Beginn der Schwangerschaft erlaubt. Bei irreversiblen Fehlbildungen des ungeborenen Kindes oder einer Gefahr für das Leben der Mutter gilt eine Frist von 24 Wochen.

Erzbischof: Gewissen steht über dem Gesetz

Der Fall des Klinikchefs entfachte den Streit zwischen Frauenrechtlern und Abtreibungsgegnern in dem Land neu. Die Zeitung "Gazeta Wyborcza" sprach von einer "neuen Etappe eines religiösen Kriegs". Der Warschauer Erzbischof Kazimierz Nycz äußerte sich "tief beunruhigt" über die Entlassung des Klinikchefs. Die Entscheidung verletzte nicht nur die Rechte von Katholiken. "Der Gesetzgeber kann Ärzte nicht dazu zwingen, gegen ihr Gewissen zu handeln", erklärte der Nyzc.

Frauenrechtler begrüßten die Kündigung für den Klinikdirektor hingegen. Die Bürgermeisterin habe lediglich geltendes Recht umgesetzt, sagte die Leiterin des polnischen Bunds für Frauen und Familienplanung, Krystyna Kacpura. "Dies ist ein säkularer Rechtsstaat, beide Parteien (in der Debatte) müssen sich daran halten." Laut offiziellen Statistiken treiben in Polen jährlich lediglich 600 bis 700 Frauen legal ab. Kacpura geht aber davon aus, dass zusätzlich rund 150.000 illegale Eingriffe vorgenommen werden.

AFP

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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