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Affenpocken: Muss jetzt flächendeckend geimpft werden?

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Sind Affenpocken das neue Corona? Nein, sagen Experten. Eine flächendeckende Impfung ist wohl nicht nötig, doch für manche könnte es sinnvoll sein. © IMAGO/Jakub Porzycki/NurPhoto

Gegen Pocken ist in Deutschland kaum noch jemand geimpft, doch ein passender Impfstoff steht seit 2013 bereit. Wie sinnvoll ist es, diesen im Kampf gegen die Affenpocken flächendeckend einzusetzen?

München - Das Coronavirus hat uns vorsichtig gemacht, was Infektionskrankheiten angeht. So mancher fühlt sich durch die aktuellen Affenpocken-Fälle an den Beginn der Corona-Pandemie erinnert. Experten geben aber Entwarnung. Dem aktuellen Kenntnisstand zufolge ist das Monkeypox virus (MPXV) vergleichsweise harmlos und auch die Ausbreitung wird offenbar in einem überschaubaren Rahmen bleiben. Einen Pockenimpfstoff gibt es schon - sollte der jetzt flächendeckend zum Einsatz kommen?

Affenpocken: 30 Fälle in Deutschland - warum sprechen wir eigentlich darüber?

Affenpocken sind eine Viruserkrankung, die mit den klassischen Pockenviren verwandt sind. Eigentlich übertragen vor allem Nagetiere die Krankheit auf den Menschen. Bei engem Kontakt ist auch eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung möglich, so wie in den aktuellen Fällen in Deutschland. Schon 1970 wurde die Krankheit in der Demokratischen Republik Kongo festgestellt.

Warum es die aktuellen Affenpocken-Fälle dennoch in die Nachrichten schaffen, hat zwei Gründe: Bis zum Frühjahr 2022 kam die Krankheit außerhalb von west- und zentralafrikanischen Ländern nur sehr vereinzelt vor. Nun werden immer mehr Fälle von überall auf der Welt bekannt. Zudem war eine Erkrankung bislang meist mit Reisen in die entsprechenden Regionen verbunden. Das Besondere an den aktuellen Fällen ist laut Robert-Koch-Institut (RKI) aber, dass die Patienten in Deutschland zuvor nicht in Länder in Afrika gereist waren, in denen Affenpocken endemisch sind. Die Infektion erfolgte also von Mensch zu Mensch.

Affenpocken: Diese Personengruppen sind gefährdet

Der Krankheitsverlauf von Affenpocken ist in der Regel mild. Wer gegen Pocken geimpft ist, hat sogar eine gewisse Immunität gegen das MPXV. Das RKI hält es jedoch für vergleichsweise unwahrscheinlich, dass dies bei jüngeren Menschen der Fall ist. Schließlich wurde die Pockenimpfung weltweit eingestellt, nachdem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Pocken im Jahr 1980 als erste menschliche Krankheit für ausgerottet erklärte.

Gefährlich sind die Affenpocken bisherigen Erkenntnissen zufolge aber nur für Neugeborene, Kinder, Schwangere, ältere Menschen sowie Personen mit zugrunde liegenden Immunschwächen. Auch Gesundheitspersonal ist gefährdet, da es den Viren lange Zeit ausgesetzt sein kann. In schweren Einzelfällen kann das Monkeypoxvirus zu Lungenentzündungen, Augen- und Hautinfektionen oder sogar zum Tod führen.

Affenpocken: Was spricht für eine flächendeckende Impfung - und was dagegen

Wirklich gefährlich wird es derzeitigen Erkenntnissen zufolge also nur für einzelne Personengruppen. Eine flächendeckende Impfung halten Experten daher aktuell nicht für sinnvoll. Kontaktnachverfolgung und Quarantäne sollen reichen, um den Infektionsketten Einhalt zu gebieten. Nach Angaben von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) werden derzeit Impfkonzepte vorbereitet - allerdings nur für Menschen im Umfeld von Infizierten. Der erforderliche Impfstoff werde in der ersten Juni-Hälfte erwartet.

Der Impfstoff heißt Imvanex und ist in der Europäischen Union bereits seit 2013 als Pocken-Impfstoff zugelassen. Eine Impfung ist unter Umständen bei bestimmten Kontaktpersonen denkbar, so das RKI. Auch vier Tage, nachdem jemand mit dem Virus in Kontakt gekommen war, kann das Vakzin die Krankheit noch abwehren, so die US-Gesundheitsbehörde CDC. Durch eine Impfung soll der Verlauf zudem milder werden und auch das Risiko andere anzustecken soll sinken. Derzeit ist eine Affenpocken-Impfung aber eine Einzelfallentscheidung des Arztes, die bei besonders gefährdeten Personen getroffen werden kann. Eine flächendeckende Impfung wird es - nach aktuellem Kenntnisstand - nicht geben.

Affenpocken: Warum es wohl jetzt nicht zu einer neuen Pandemie kommt - sie aber in Zukunft wahrscheinlicher wird

Das Affenpockenvirus ist ein DNA-Virus, das Coronavirus hingegen ein RNA-Virus. DNA-Viren haben deutlich größere Genome, was sie stabiler macht. „Bei der Vermehrung der DNA-Viren treten weniger Mutationen auf, daher sind sie sehr stabil“, erklärte etwa Stephan Aberle, Virologe an der Med-Uni Wien gegenüber dem Standard. Da das Virus mehr Reparaturmechanismen habe, können sich nicht so schnell wie bei Corona neue Varianten bilden, so Aberle weiter. Das RKI schätzt eine Gefährdung der breiten Bevölkerung in Deutschland durch die Affenpocken derzeit als gering ein. Genau wie Gesundheitsminister Lauterbach. Er glaube nicht, dass die Affenpocken eine „Gefahr darstellen im Sinne einer Pandemie“, sagte der eigentlich als ewige Mahner bekannte Gesundheitsexperte. Eine Entwarnung von ihm fällt daher besonders ins Gewicht.

Auch aus Sicht des Weltärztechefs Frank Ulrich Montgomery ist das Thema Affenpocken „bald erledigt.“ Allerdings sieht er den jetzigen Ausbruch auch als Weckruf, „dass mit der Zunahme der Weltbevölkerung sowie der zunehmenden Mobilität und der Kontakte zwischen Menschen und Tieren die Zahl der Zoonosen und der daraus abgeleiteten Viruserkrankungen immer weiter steigen wird“, mahnte der Weltärztechef. Der Klimawandel trägt dazu bei, dass Tieren immer weniger Lebensraum zur Verfügung steht - und eine Zoonose so wahrscheinlicher wird.

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