Ein afghanisches Mädchen steht auf einer Mauer.
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Afghanistan ist ein Staat voller Gegensätze, der seit Jahrhunderten unter kriegerischen Auseinandersetzungen und internen Stammesfehden leidet.

Vielvölkerstaat im Herzen Asiens

Afghanistan: Geschichte, Politik, Bevölkerung und Geografie

Afghanistan ist ein Land, mit dem heute vor allem Krieg und Terror assoziiert werden. Dabei hat der Staat auch gute Zeiten gekannt und bietet beeindruckende, weitgehend unberührte Naturschönheiten.

  • Afghanistan wurde 1919 ein unabhängiger Staat.
  • Die Bevölkerung setzt sich aus zahlreichen Stämmen und Ethnien zusammen.
  • Seit 2004 bemüht sich das Land um eine stabile politische Lage.

Kabul – Die meisten Menschen verbinden mit Afghanistan eher Bilder von Unruhen und Gewalt. In den Medien dominieren der seit Jahren andauernde international geführte Krieg am Hindukusch und der Terror der Taliban die Berichterstattung über den Staat in Zentralasien. Doch Afghanistan ist mehr als das. Das Land blickt auf eine lange Vergangenheit zurück und besitzt eine beeindruckende Natur.

Afghanistan: Die frühe Geschichte

Das Gebiet des heutigen Afghanistan war schon im 3. Jahrtausend v. Chr. besiedelt. In dieser Zeit blühte die sogenannte Helmand-Kultur, deren Name sich auf den Fluss Hilmend bezieht. Unter dem Makedonen Diodotos I. existierte im 2. und 3. Jahrhundert v. Chr. das Griechisch-Baktrische Königreich, von dem nicht viele Spuren erhalten blieben. In den folgenden Jahrhunderten wechselten sich zahlreiche Herrscher ab. Zugleich gelangte der Buddhismus von Indien ausgehend in die Region Afghanistan. Viele Klöster und heilige Stätten entstanden, darunter die monumentalen, aus den Felsen gehauenen Buddhas von Bamiyan. Ihre Sprengung durch die Taliban löste 2001 internationale Erschütterung aus.

Ab dem 7. Jahrhundert verbreitete sich der Islam von der arabischen Halbinsel über Nordafrika und den Mittleren Osten. Mit der Eroberung durch die Araber endete die jahrhundertealte Geschichte des Persischen Großreiches, das die Region dominierte. Später drangen die Araber bis an die Grenzen Indiens und Chinas vor, wo es prompt zu Schlachten mit dem chinesischen Heer der Tang-Dynastie kam.

Afghanistan bis zur Neuzeit

Im heutigen Afghanistan kam es im Mittelalter zu einer wirtschaftlichen und kulturellen Blüte, die durch den Einfall der Mongolen unter ihrem Herrscher Timur (im Westen besser als Tamerlan bekannt) endete. Er machte zunächst Samarkand zu seiner Hauptstadt und später Herat, das als „Perle von Khorasan“ und „Florenz von Asien“ gerühmt wurde.

Mit dem Ende des Timuriden-Reiches fiel Herat ans persische Safawidenreich, während die Region Kabul zum Mogulreich gehörte, das sich über den Punjab und Nordindien ausdehnte. Schon zu dieser Zeit gab es immer wieder interne Konflikte mit den Stämmen der Region, insbesondere den Paschtunen. Der paschtunische Stammesführer Ahmad Schah Durrani gründete 1747 ein eigenes Königreich zwischen den beiden Großreichen, das als Vorläufer des heutigen Afghanistan gilt. Auch heute noch verehrt der Staat Ahmad Schah Durrani als Vater der Nation.

Afghanistan als Spielball europäischer Mächte

Ab dem 18. Jahrhundert etablierte sich Großbritannien als Kolonialmacht auf dem indischen Subkontinent. Zugleich suchten die Russen unter Zar Peter I. nach einem eisfreien Hafen am Indischen Ozean und drängten über Zentralasien nach Süden vor. Der folgende Konflikt, bei dem sich Afghanistan in der Mitte wiederfand, ging als „Great Game“ der Großmächte in die Geschichte ein. Insgesamt dreimal entbrannte ein Krieg zwischen dem britischen Empire und dem von Russland unterstützten Afghanistan, ohne dass es zu einer Eroberung kam.

Schließlich einigte sich Großbritannien mit Russland auf die sogenannte Durand-Linie als Trennlinie zwischen dem Emirat Afghanistan und Britisch-Indien. Diese verlief mitten durch das Stammesgebiet der Paschtunen, die seither auf beiden Seiten der afghanisch-pakistanischen Grenze in einem autonomen Territorium leben.

Afghanistan im 20. Jahrhundert

1919 zettelte der afghanische Emir Amanullah Khan den dritten und letzten Anglo-Afghanischen Krieg an, der mit dem Vertrag von Rawalpindi endete. Der Tag der Vertragsunterzeichnung am 19. August ist heute afghanischer Nationalfeiertag. Das britische Empire gab damit endgültig jeden Anspruch auf afghanische Gebiete auf. Amanullah Khan, der sich selbst 1925 zum König machte, führte zahlreiche Reformen zur Modernisierung des Landes durch. Er schaffte die Verschleierung der Frauen ab und ermöglichte ihnen Zugang zur Bildung, was bei konservativen Stämmen für so großen Ärger sorgte, dass ein Bürgerkrieg ausbrach. Ähnliche Konflikte durchzogen das gesamte 20. Jahrhundert. Die größte Liberalisierung fand ab 1963 unter der Herrschaft von König Zahir Shah statt, der erstmals ein demokratisches Experiment wagte.

1973 wurde der König bei einem Putsch abgesetzt und eine Republik eingeführt. Die People‘s Democratic Party of Afghanistan (PDPA), die von der Sowjetunion unterstützt wurde, versuchte, den Marxismus-Leninismus einzuführen. Wieder einmal stieß der Versuch liberaler Reformen auf den Widerstand der Konservativen. Schließlich marschierte die Sowjetunion 1979 selbst in Afghanistan ein. Aus Furcht vor einer weiteren Ausdehnung des sowjetischen Machtbereiches unterstützten die USA, Teile der NATO und der arabischen Welt islamische Rebellengruppen, die Mudschahedin.

Afghanistan als Keimzelle des Terrors

Zehn Jahre sollte es dauern, bis die Sowjets 1989 abzogen. Doch Afghanistan kam nicht zur Ruhe. 1992 wurde der Staat vom Nachbarn Pakistan angegriffen, der große Teile der Hauptstadt Kabul zerstörte. Zugleich lieferten sich Milizen und Stämme interne Auseinandersetzungen. Dies begünstigte den Aufstieg der fanatischen Taliban, die immerhin für Ruhe sorgten – zu einem hohen Preis.

Die Taliban setzten eine extrem konservative Form des Islamismus durch, der vor allem gegen die weibliche Bevölkerungshälfte gerichtet war. Dazu kam es systematischen Massakern gegenüber Andersdenkenden. Die Terroranschläge in den USA am 11. September 2001 weckten im Westen das Bewusstsein für die Gräueltaten der Taliban in Afghanistan. Die Anschläge wurden dem Terrornetzwerk Al-Quaida zugeschrieben, dem die Taliban in den unzugänglichen Paschtunengebieten Unterschlupf und Unterstützung gewährten.

Afghanistan heute: Politik fast unmöglich

2001 begann in Afghanistan der Krieg der verbündeten westlichen Länder unter Führung der USA. Obwohl die Macht der Taliban gebrochen werden konnte, kehrte bis heute keine echte Ruhe ein. Nominell ist Afghanistan seit 2004 eine Islamische Republik mit präsidialem Regierungssystem. Die 2004 verabschiedete Verfassung sieht Gleichberechtigung aller Religionen, Ethnien und Geschlechter vor.

Präsident ist seit 2004 der Paschtune Mohammad Aschraf Ghani, der von 1977 bis 2001 in den USA lebte. Er ist mit einer libanesischen Christin verheiratet. Das Parlament von Afghanistan wird Loja Dschirga genannt – große Versammlung. Dabei kommen Stammesvertreter aus dem ganzen Land zusammen.

Afghanistan: Bevölkerung und Sprache

Afghanistan ist ein Vielvölkerstaat, in dem zahlreiche verschiedene Stämme und Ethnien leben. Die wichtigsten ethnischen Gruppen im Überblick (Stand 2018):

RangNameAnteil in Prozent
1Paschtunen37
2Tadschiken37
3Hazara10
4Uzbeken9
5Turkmenen2

Die Daten beruhen auf freiwilligen Angaben im Rahmen einer Volkszählung, die der Staat durchführte. Die Ethnien selbst sind stark zersplittert. So zählen alleine die Paschtunen 28 verschiedene Stämme.

Wichtigste Sprache im Land ist Dari (Persisch), das von 77 Prozent der Bevölkerung gesprochen wird und als Lingua franca im Vielvölkerstaat dient. Daneben sprechen etwa 48 Prozent der Bevölkerung Paschto, die Sprache der Paschtunen. Weitere Minderheitensprachen sind:

  • Usbekisch (11 Prozent)
  • Englisch (6 Prozent)
  • Turkmenisch (3 Prozent)
  • Urdu (3 Prozent)
  • Pashayi (1 Prozent)
  • Nuristani (1 Prozent)
  • Balochi (1 Prozent)
  • Arabisch (1 Prozent)

Über 99,9 Prozent der Bevölkerung sind Muslime. Der Islam wird in Afghanistan sehr konservativ ausgelegt. Christen werden häufig verfolgt. 2010 riefen afghanische Regierungsvertreter dazu auf, Muslime, die zum Christentum übertraten, als Abtrünnige mit dem Tod zu bestrafen. Frauen wird zwar verfassungsrechtlich Gleichberechtigung garantiert, doch die Realität ist davon weit entfernt. Die meisten Frauen gehen auch heute nur mit der Burka bedeckt und in männlicher Begleitung aus dem Haus. 75,8 Prozent der weiblichen Bevölkerung sind Analphabeten, bei den Männern sind es 48 Prozent.

Afghanistan: Geografie und Städte

Die Geografie von Afghanistan ist von hohen Gebirgszügen wie dem Hindukusch im Nordosten geprägt. Höchster Gipfel ist der 7.485 Meter hohe Noshak. Berühmt für ihre Schönheit sind die Band-e-Amir-Seen bei Bamiyan. Der Staat erklärte sie 2009 zum ersten Nationalpark des Landes.

Die größten Städte im Überblick (Stand 2020):

RangNameEinwohnerzahl
1Kabul4.273.156
2Kandahar614.254
3Herat556.205
4Balch469.247
5Kunduz356.536

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