Alexander Kekulé, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität
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Der Epidemiologe und Biochemiker Alexander Kekulé (Archivbild) hat eine Kolumne bei „Focus Online“.

Meinung polarisiert

Kekulé widerspricht RKI bei Delta-Schutz: „Behauptung ist vollkommen falsch“

Der Virologe Alexander Kekulé spricht sich in seiner Focus-Kolumne gegen die 2G-Pflicht in Hamburg aus. Eine Behauptung des RKI sei komplett falsch, so der Wissenschaftler.

Hamburg - In Hamburg gilt seit vergangenem Samstag das 2G-Modell. Dieses sieht vor, dass Coronaregeln und Zugangsbeschränkungen in Cafés, Restaurants, Bars, Clubs, Hotels und weiteren öffentlichen Einrichtungen wegfallen, sofern die Betreiber nur Genesene und Geimpfte einlassen. Die Umstellung hat geteilte Reaktionen hervorgerufen, manche Wirte setzen weiterhin auf 3G. Alexander Kekulé hält wenig von dem neuen 2G-Modell, wie er in seiner Meinungskolumne bei Focus Online schreibt.

Kekulé widerspricht Robert-Koch-Institut: „Behauptung des RKI vollkommen falsch“

Auf der Homepage des Robert-Koch-Instituts ist seit Ende August zu lesen: „Aus Public-Health-Sicht erscheint durch die Impfung das Risiko einer Virusübertragung in dem Maß reduziert, dass Geimpfte bei der Epidemiologie der Erkrankung keine wesentliche Rolle mehr spielen.“ Der Virologe bezeichnet diese Behauptung des Robert-Koch-Instituts als „vollkommen falsch“.

„Unter Fachleuten – zumindest außerhalb des RKI – ist unumstritten, dass die vollständige Impfung nur zu etwa 50 bis 70 Prozent gegen Infektionen mit der Delta-Variante schützt“, schreibt der Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle (Saale) und bezieht sich dabei auf mehrere Studien. Kekulé erwähnt außerdem, dass auch Geimpfte bei Durchbruchsinfektionen ansteckend sein können – ohne genau zu beziffern, wie häufig Durchbruchsinfektionen vorkommen.

Im Anschluss erwähnt er die aktuelle Datenlage und erklärt, dass die Immunität nach einer Infektion länger als sechs Monate anhalte und wahrscheinlich besser als die Impfung gegen Delta wirke. Deshalb halte er es für nicht stimmig, dass Genesene sich nach sechs Monaten impfen lassen müssen – und ohne Impfung beim 2G-Modell dann nicht mehr hineingelassen werden. „Hinzukommt, dass sich Geimpfte und Genesene im Vertrauen auf ihren vermeintlich sicheren Impfschutz eher unvorsichtig verhalten,“ so der Wissenschaftler weiter – eine Datengrundlage für diese Einschätzung bleibt er allerdings schuldig.

Aus seiner Sicht werde „eine Welle der Geimpften wie ein Tarnkappen-Bomber durch die Bevölkerung rauschen“. Zudem würden Ungeimpfte und Geimpfte außerhalb der Gaststätten ohnehin aufeinandertreffen. Ungeimpfte würden dadurch also nicht geschützt, sondern durch steigende Inzidenzen einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt. „Wenn sich das Virus dann massiv unter Kindern und Jugendlichen ausbreitet, sind Schulschließungen vorprogrammiert. Für die große Freiheit der Großen zahlen am Ende die Kleinen“, warnt Kekulé abschließend.

Virologe mit Kolumne: Warum die Kommunikation von Kekulé umstritten ist

Der Wissenschaftler Alexander Kekulé teilte den Beitrag auch auf Twitter, wo sofort eine Diskussion entstand. Vereinzelt positive als auch negative Kommentare waren zu lesen.

Gute Wissenschaftskommunikation ist gerade in der Coronakrise von immenser Bedeutung. Ein Problem seien einerseits Artikel, die wissenschaftliche Erkenntnisse verkürzt, falsch oder missverständlich darstellen, so die Wissenschaftlerin und Journalistin Mai Thi Nguyen Kim in ihrem Youtube-Video „Virologen-Vergleich“.

Doch nicht nur Journalisten haben aus ihrer Sicht eine Verantwortung, sondern auch die Wissenschaftler selbst. Generell sei für die Menschen die Frage interessant, was eine bestimmte Studie oder wissenschaftliche Erkenntnis konkret für ihr Leben und ihren Alltag bedeute. Wissenschaftler liefern die Fakten und Erkenntnisse dazu, persönliche Meinungen der Forscher hingegen sollten klar gekennzeichnet werden, sodass auch Laien Fakten und Meinungen klar unterscheiden können, fordert Nguyen Kim von ihren Kollegen.

Kritische Stimmen zu Kekulés Wissenschaftskommunikation in den Medien

Der Wissenschaftler Alexander Kekulé gibt in seiner Kolumne seine persönliche Meinung wieder. Deshalb lässt sich auch nicht für jede Aussage ein Beleg finden. Nguyen Kim kritisierte die Wissenschaftskommunikation von Alexander Kekulé bereits im April vergangenen Jahres. „Man darf Medienpräsenz nicht gleichsetzen mit Kompetenz. Je größer die Reichweite, desto verantwortlicher muss man mit seiner Wissenschaftskommunikation und mit seinem Expertenstatus umgehen.“

„Kekulé selbst hat [...] über Coronaviren faktisch nie publiziert, [...] das heißt er ist jemand, der seine Autorität als Professor geschickt nutzt, um seine eigene Meinung zu äußern“, merkt der Wissenschaftsjournalist Volker Stollerz. Man solle Prominenz in den Medien nicht mit einem Qualitätssiegel innerhalb der Forschung verwechseln.

„Eine Sache kann die Wissenschaft nicht“, gab Dr. Christian Drosten vergangenes Jahr in seinem Podcast zu Bedenken. „Die Wissenschaft hat kein demokratisches Mandat. Kein seriöser Wissenschaftler will überhaupt solche Dinge sagen wie: [...] Diese politische Entscheidung muss jetzt getroffen werden.“ bme

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