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Zentimeter starke Risse sind an einer Hausfassade in Lüneburg zu sehen

Altstadt Lüneburg sinkt ab

Lüneburg - Teile von Lüneburg sinken langsam in den Boden, einige schiefe Häuser stehen inzwischen schon in der Altstadt. Jetzt müssen gleich 26 Bewohner ein Haus wegen Einsturzgefahr verlassen.

Schiefe Häuser, in denen man seekrank wird. Kaum eingetreten, stellt sich ein merkwürdiger Schwindel ein. „Bei mir war das nach zwei Stunden vorbei“, sagt Christian Schack. „Den Suppenteller kann man nur halbvoll machen, wir nehmen deshalb Schüsselchen“, ergänzt Christians Vater Achim. Die beiden leben in zwei benachbarten Häusern am Rande der Lüneburger Altstadt. Ganz langsam bewegt sich hier die Erde. Ganz langsam, meist nur wenige Zentimeter im Jahr, doch einmal waren es sogar 25. Das reicht, um Häuser in der alten Salzstadt manchmal schon nach einigen Jahrzehnten baufällig werden zu lassen.

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„Irgendwann gilt das als unbewohnbar. Allmählich wird es echt eng.“ Christian Schack trägt es mit Fassung. Mehr als 50 Zentimeter Gefälle hat das Einfamilienhaus mittlerweile von der Straße bis nach hinten zum Garten mit dem Goldfischteich. Vor dem Haus klafft ein Graben, im Keller laufen gewaltige Risse durch die Wände. Ein Wasserrohr ist auch schon gebrochen. „Die Schäden gehen von der Natur aus - und gegen die Natur kann man kaum klagen“, sagt der 25-Jährige entspannt. Auch sein Vater bleibt gelassen. „Wir haben hier eine sehr gute Nachbarschaft. Das Problem verbindet“, meint er.

Am Rand des Senkungsgebietes in der westlichen Altstadt in Lüneburg geht es zumeist um Einfamilienhäuser neueren Datums. An anderer Stelle reißt die Erde auch eine Häuserzeile aus der Gründerzeit auseinander. Der Asphalt davor hat Wellen bekommen und ist gerissen. Eines der Gebäude ist besonders bedroht, die 26 Bewohner haben gerade erfahren, dass sie in den kommenden Wochen ausziehen müssen. „Das Haus ist akut einsturzgefährdet“, sagt Stadtbaurätin Heike Gundermann. Auch das Nachbarhaus sei bedroht. „Immerhin sind wir bei einer Tiefenbohrung nicht auf einen Hohlraum gestoßen, da waren wir schon ruhiger.“

Die westliche Altstadt selbst - ein weitgehend geschlossen erhaltenes Ensemble jahrhundertealter Bauten - gilt als architektonisches Kleinod. Doch allein im 20. Jahrhundert mussten rund 180 Gebäude abgerissen werden. Die Michaeliskirche hat schiefe Säulen, zwei andere Gotteshäuser wurden abgetragen.

Über die genauen Ursachen der Erdbewegungen zerbrechen sich die Experten seit Jahren die Köpfe. Hauptübel nach derzeitigem Erkenntnisstand ist Grundwasser, das den Salzstock und den Gipshut darüber stellenweise ausspült. Erde und Sand rutschen nach. Auch starke Regenfälle spielen dabei eine Rolle. Am Rand des Senkungsgebietes sorgt festeres Gestein für eine Abbruchkante - da ist es besonders kritisch. „Man muss jedes Haus einzeln betrachten“, betont die Baurätin. Eins ist sicher: „Seit die Saline kein Salz mehr abbaut, ist das Senkungsverhalten stark zurückgegangen“, sagt sie.

Die Saline kann nicht mehr haftbar gemacht werden, sie schloss im September 1980, mehr als 1000 Jahre Salzgewinnung in Lüneburg waren beendet. Mit dem Salz, das bis dahin gewonnen wurde, könnte man die Altstadt neun Meter hoch bedecken, hat Hilke Lamschus vom Salzmuseum errechnet. Täglich wurden dafür einst 250 Kubikmeter und mehr des salzhaltigen Wassers -aus dem Boden unter der Stadt nach oben in die Siedepfannen gepumpt. „Die Menge muss ja irgendwo herkommen“, erklärt die Historikerin. „Der Glanz hat seine Schattenseiten. Das Salz hat zwar den Reichtum gebracht, aber es ist in der westlichen Altstadt zum Fluch geworden!“

Stadtbaurätin Gundermann kennt das Problem aus eigener Erfahrung. Sie lebt selbst im Senkungsgebiet, hat dort ein Haus gekauft und es saniert. „Ich habe einfach akzeptiert, dass es im Senkungsgebiet liegt und gehe mit kleinen Bewegungen um. Das ist halt so“, sagt sie nüchtern. „Andere leben an Flüssen und müssen mit Überschwemmungen umgehen oder gar Erdbeben. Wir glauben in Deutschland, dass man die Natur in jedem Fall beherrschen kann - dem ist nicht so!“

dpa

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