Anschläge in Oslo: Zehn schlimme Polizeipannen

Oslo - Auf einer Pressekonferenz in Oslo hat sich die norwegische Polizei erstmals selbstkritisch zur eigenen Arbeit geäußert. Im Zusammenhang mit den blutigen Anschlägen sind den Ermittlern offenbar etliche Pannen unterlaufen.

Wenige Wochen nach dem Doppelattentat in Oslo und auf der Insel Utoya wächst die Kritik an der Polizeiarbeit zunehmend. Wenn auch vorsichtig äußerte sich der Polizeichef von Oslo, Östein Maeland, erstmals selbstkritisch. Zu den bekannt gewordenen peinliche Pannen der Polizei sagte er: „Natürlich gibt es Dinge, die wir aus solchen extremen Ereignissen lernen können.“

Polizeistabschef Johan Fredriksen erklärte gestern zudem auf der Pressekonferenz: „Ich bin sehr offen dafür, dass wir etwas falsch gemacht haben, für das wir uns rechtfertigen müssen.“

Die schlimmsten Polizei-Pannen in Oslo

Panne 1: Berhing Breivik selbst hatte unzählige Spuren in Internet über seine jahrelang geplante Terrortat hinterlassen. Die blieben unbeachtet. Nach dem Bombenanschlag in Oslo riegelte die Polizei die Stadt nicht ab. Breivik soll von Oslo auf dem Weg zu seinem Blutbad auf Utöya zudem Beamten aufgefallen, aber nicht gestoppt worden sein.

Panne 2: Zeugen, darunter angesehene sozialdemokratische Berufspolitiker, sagten in den Landesmedien aus, dass die zahlreichen Notrufe von der Insel lange nicht ernst genommen worden.

Bilder von den Anschlägen in Norwegen

Schockierende Bilder: Blutbad in Norwegen

Panne 3: Die Polizei brauchte über 60 Minuten vom ersten ernst genommenen Notruf. Rund 90 Minuten sollen es laut Medienberichten seit dem ersten Notanruf gewesen sein. Wirklich genaue Zeitangaben will die Polizei jedoch bislang nicht machen.

Panne 4: Dann gelang es nicht, die freigestellten Sondereinheitsbeamte einzuberufen, berichtete der Radiosender NRK.

Panne 5: Dass die zuletzt ausgesendeten acht Beamte so lange brauchten, lag daran, dass die Osloer Polizei sämtliche Hubschrauberpiloten jedes Jahr vom 1. Juni bis Anfang August in den Urlaub schickt. Dabei handle es sich auch nicht unbedingt um Geldnot. Es sei einfach die sinnvollste Ferienplanung gewesen, erklärte Polizeiinspektor Johan Fredriksen, der für die Sommerdienstpläne zuständig ist.

Panne 6: An Alternativen, wie einen Rettungsdiensthubschrauber oder den Einsatz der Armee wurde nicht gedacht.

Panne 7: Als die Sondereinheit-Beamten dann ankamen, und von zwei abwartenden lokalen Beamten, die in Norwegen nicht bewaffnet sind, auf der Festlandseite erwartet wurden, ließen sie ihr Schlauchboot mehrere Kilometer zu weit entfernt von der Insel Utoya zu Wasser.

Panne 8: Es saßen so viele Beamte im Boot, dass es volllief. Amateurfilme zeigen die dicht gedrängten Beamten im wackligen Boot.

Panne 9: Ein Motorschaden kam hinzu. Die Mannschaft musste auf zwei private Boote umsteigen.

Panne 10: Zudem sollen Beamte privaten Bootsbesitzern verboten haben, die von der Insel ans Festland um ihr Leben schwimmenden Jugendlichen aufzufischen. Die Bootsfahrer widersetzten sich glücklicherweise dem amtlichen Verbot.

Einige, aber bei Weitem nicht alle dieser von den seriösen norwegischen Medien über Zeugenaussagen zusammengetragenen Informationen gab Östein Maeland in seiner ersten Stellungnahme zur Polizeikritik im NRK zu.

Ministerpräsident Jens Stoltenbergs bekräftigte sein Versprechen, eine Aufklärung aller Sachverhalte durchführen zu lassen. „Ich wünsche mir eine öffentliche Prüfung, die auch dazu führt dass wir bei ähnlichen Erlebnissen in der Zukunft besser vorbereitet sind“, sagte er im NRK.

In Norwegen geht unterdessen die Diskussion los, inwieweit die offene skandinavische Zivilgesellschaft durch die Ereignisse vor Hardlinern einknickt, die sie in einen Kontrollstaat verwandeln wollen. Stoltenberg gelobte jedoch bislang, auf das Massaker mit mehr Offenheit und Demokratie zu reagieren. Eine Bewaffnung der traditionell unbewaffneten norwegischen Polizei steht weiterhin nicht zur Debatte.

André Anwar

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