Firma weist Verantwortung ab

Fehlerhafte Pille sorgte für über 300 schwangere Frauen - Unternehmen aus Deutschland in der Kritik

  • Christina Denk
    vonChristina Denk
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Schwanger trotz Pille? In Chile ist das rund 300 Frauen passiert. Der deutsche Hersteller muss sich jetzt zahlreichen Fragen stellen. Er ist bereits aus einem Pharma-Skandal bekannt.

Chile - Wer die Pille als Verhütungsmittel verwendet, vertraut auf deren Wirksamkeit und die hohe Sicherheit nicht schwanger zu werden. Doch knapp 300 Frauen in Chile passierte nun genau das: Sie wurden trotz der Einnahme schwanger. Grund dafür war eine fehlerhafte Pillen-Packung. Anulette CD des deutschen Herstellers Grünenthal besteht aus 21 Verhütungspillen und sieben Placebos. Diese waren hier das Problem. Sie waren fehlerhaft, zerdrückt oder fehlten und störten damit die Wirkung des Mittels. Für viele ungewollt schwangere Frauen ist der Vorfall eine Katastrophe.

300 schwangere Frauen in Chile: Fehlerhafte Pille wurde bereits 2019 ausgeliefert - Frauenorganisation empört

Erst 170, dann 300: Der Tagesspiegel berichtete bereits im März von 170 Chileninnen, die aufgrund des Fabrikationsfehlers schwanger geworden waren. Mittlerweile sind es wohl über 300, wie das Onlinemagazin das Lamm berichtet. Die chilenische Frauenorganisation Miles hatte nach Bekanntwerden des Vorfalls und einem Rückruf des Gesundheitsamtes online nach betroffenen Frauen gesucht. „Es dürften aber deutlich mehr (Anmerkung: als die 300 Frauen) sein“, so Laura Dragnic, Rechtsanwältin und Teil der Organisation, „wir können längst nicht alle erreichen und nicht alle haben Zugang zum Internet.“

Die Organisation prangert an, dass der Rückruf zu spät gekommen wäre.  „Im August 2020 wurden 130.000 Päckchen zurückgerufen. Geliefert worden waren sie schon im September 2019, wie uns die staatliche Einkaufsstelle berichtete“, sagt Dragnic. „Seltsam ist für uns, dass die defekten Pillen so lange im Umlauf waren“, zitiert der Tagesspiegel weiter. Außerdem: „Die Rückrufaktion war halbherzig, viele Frauen haben nicht davon erfahren oder viel zu spät.“

300 schwangere Frauen in Chile: Unternehmen weist Verantwortung ab - kein Zusammenhang mit Pilleneinnahme

„Produktionsprobleme können vorkommen“, kritisiert zudem Ana Victoria Nieto, Präsidentin des chilenischen Verbands der Apotheker:innen im Onlinemagazin. „Wichtig ist aber, dass die Unternehmen diese bemerken und sicherstellen, dass die Benutzerinnen keine Schäden durch die Einnahme tragen.“ Die ersten Informationen über defekte Produkte seien jedoch von Apotheker:innen gekommen. Eine Untersuchung von Grünenthal, die unter anderem in Chile produzieren, folgte später.

Das Unternehmen selbst weist die Verantwortung ab: „Aufgrund der Tatsache, dass [...] der Mangel durch die transparente Blisterfolie sichtbar war, die Packungen von medizinischem Fachpersonal ausgehändigt werden und orale Kontrazeptiva keinen hundertprozentigen Schutz bieten, erscheint es unwahrscheinlich, dass ungewollte Schwangerschaften auf den Produktionsfehler zurückzuführen sind“, lässt sich der Pressesprecher Florian Dieckmann zitieren.

Der deutsche Hersteller Grünenthal ist dabei kein unbeschriebenes Blatt. In den 60er Jahren sorgte er mit dem Mittel Contergan für einen Pharma-Skandal.

300 schwangere Frauen in Chile: Betroffene trifft es besonders hart - Auch Corona-Pandemie spielt eine Rolle

Betroffen von den fehlerhaften Pillen-Packungen sind vor allem Frauen aus armen Verhältnissen. Im Rahmen eines Gesundheitsprogramms werden die Verhütungsmittel kostenlos in Gesundheitszentren verteilt. Für die Frauen, für die ein Kind eine starke finanzielle Belastung darstellt, hat sich die Situation seit Beginn der Corona-Pandemie sogar noch verschlechtert. Miles drängt daher neben einer Strafzahlung an den Staat auf Einzelentschädigungen. „Wenigstens für die entstehenden Kosten sollten die Frauen Unterstützung erhalten“, sagt Dragnic beim tagesspiegel. Eine Abtreibung ist in Chile nur bei Lebensgefahr oder Vergewaltigung erlaubt.(chd)

Rubriklistenbild: © IMAGO / Xinhua

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