Corona-Diskussion in Deutschland

Professor behauptet: Lockdown ist total unnötig - ARD-Experte Rangar Yogeshwar widerspricht ihm prompt

  • Florian Schimak
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Corona in Deutschland: Seit dem 23. März befindet sich die Bundesrepublik im Lockdown. Doch ist dieser überhaupt nötig? Einige Wissenschaftler behaupten: Nein. Stimmt das?

München - Seit nun ziemlich genau vier Wochen gelten in Deutschland besondere Corona-Maßnahmen. Ausgangsbeschränkungen, Kontaktverbote und Schließung aller Restaurants, Café und Bars. Kurz: Die Bundesrepublik befindet sich im Lockdown

Dieser wurde am 23. März verhängt, weil sich das Coronavirus rasend schnell im Land verbreitete und man eine Überlastung des Gesundheitssystems befürchtete. Die Bilder aus Italien, Spanien oder Frankreich wollte man nicht auch in Deutschland haben. 

Inzwischen gibt es aber nicht wenige Kritiker oder vermeintliche Experten, die den Lockdown für total unnötig halten und sich dabei sogar auf die Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) berufen. 

Ein Ökonom der Universität Hannover versucht sich derzeit als Mahner: Stefan Homburg, Professor für Öffentliche Finanzen, erreicht mit seinen Thesen ein Millionenpublikum, auf Youtube, im Fernsehen und in der Presse. Mittlerweile haben sie sogar den Bundestag erreicht*.

So stellte Homburg kürzlich die These auf, dass der Lockdown nichts gebracht habe, weil die Reproduktionszahl R sich bereits vor dem 23. März und damit vor dem getroffenen Maßnahmen der Bundesregierung stabilisiert habe. Dabei berücksichtige Homburg aber nicht, dass bereits zuvor offenbar wirksame Einschränkungen getroffen wurden.

Homburgs großer Fehler in seiner Behauptung ist, man habe damals schon wissen können, dass der Lockdown nichts bringt. Das ist jedoch nicht korrekt. Die Reproduktionszahl konnte laut RKI aus methodischen Gründen nur im Nachhinein abgeschätzt werden, und zwar mit einer Verzögerung von etwa zehn Tagen. Am 23. März konnte demnach niemandem bekannt gewesen sein, wie hoch die Reproduktionszahl war. Bekannt war hingegen, dass die Zahl der Neuinfektionen bis zum 22. März massiv anstieg. Sowohl die Berechnungsmethoden als auch die damals bekannten Fallzahlen lassen sich in dem RKI-Dokument nachlesen.

Lesen Sie auch: RKI-PK - Ansteckungsrate wieder gefährlich gestiegen*

Corona in Deutschland: War der Lockdown total unnötig? 

Der sogenannte Lockdown ab dem 23. März war ohnehin nur der vorläufige Höhepunkt einer ganzen Reihe von Maßnahmen. Gemäß der Vereinbarung von Bund und Ländern wurden schon nach dem 16. März nicht nur Bars, Kinos, Clubs, Schwimmbäder und Museen geschlossen. Auch viele Läden des Einzelhandels mussten dichtmachen. Übernachtungen in Hotels waren für Touristen ebenso nicht mehr möglich. Zu diesem Zeitpunkt lag die Reproduktionszahl in Deutschland noch deutlich über 1.

Tatsächlich belegen die Zahlen vom RKI, dass sich die Reproduktionszahlen, also der Wert, der angibt, wie viele Menschen von einem Infizierten ansteckt werden, bereits vor dem 23. März unter 1 gefallen war. Genau diesen Wert wollte man erreichen und künftig noch weiter drücken, um das Virus unter Kontrolle zu haben.

Die RKI-Grafik zeigt, dass die Reproduktionsrate in Deutschland um den 10. März bei über 3 lag.

Die RKI-Grafik zeigt, dass die Reproduktionsrate in Deutschland um den 10. März bei über 3 lag. Anschließend fiel der Wert bis zum 22. März, sodass er einen Tag zuvor (21.) bereits um 1 gelegen haben soll. Beim Blick auf die Frage, welche Maßnahmen zu diesem Zeitpunkt schon getroffen wurden, wird deutlich, dass diese offenbar wirksam waren. 

Corona in Deutschland: Ökonom Homburg geht von falschen Voraussetzungen aus 

Homburg geht von weiteren falschen Voraussetzungen aus. Er suggeriert zum Beispiel, die Beschlüsse der Bundesregierung vom 22. März hätten die Wirtschaft gewissermaßen lahmgelegt. Auch das ist nicht der Fall. Großkonzerne wie Daimler und VW hatten schon zuvor Fabriken geschlossen. 

Den Autobauern waren Absatzmärkte weggebrochen, außerdem hatten sie Lieferschwierigkeiten etwa wegen der Lage in Italien und China. Ausschlaggebend waren auch Sorgen um die Ansteckungsgefahr für die Mitarbeiter. Viele Konzerne in Deutschland schlossen also nicht, weil der Staat es anordnete, sondern weil die Produktion im bisherigen Umfang nicht mehr möglich oder wirtschaftlich nicht sinnvoll war.

Man erkennt also, dass sich bereits vor dem staatlich verordneten Lockdown das Verhalten der Menschen geändert hat. Das erklärt auch Ranga Yogeshwar in einem YouTube-Video. Dabei untersucht der Wissenschaftsjournalist und Physiker unter anderem das Mobilitätsverhalten der Deutschen in der Zeit vor und während des Lockdowns. Dabei stellte er fest, dass dieses schon vor den finalen Maßnahmen am 23. März deutlich zurückging. 

Das lag offenbar vor allem an der Nachrichtenlage, erklärt Yogeshwar. Zudem macht er deutlich, dass die am 23. März veranlassten Maßnahmen dazu führen, dass die Reproduktionsrate aktuell konstant unter 1 gehalten wird. „Das Kontaktverbot hilft uns also heute noch“, erklärt Yogeshwar, „denn es sorgte dafür, dass wir uns an die Regeln halten.“ 

Corona in Deutschland: Mehrere Experte sind sich einig - Lockdown war sinnvoll 

Allerdings sei es aus einem ganz besonderen Grund noch wichtig, den Lockdown aufrecht zu halten. Denn wenn man zu früh aus eben diesem rausgehe, besteht die Gefahr, dass die Fallzahlen in die Höhe schießen. Daher rät er dazu, auch zukünftig am Lockdown festzuhalten.

Ranga Yogeshwar spricht über den Lockdown in Deutschland.

Aber was ist nun mit den Maßnahmen, die ab dem 23. März galten: Waren sie so sinnlos, wie Homburg behauptet? Der Statistiker Helmut Küchenhoff aus München widerspricht entschieden, dass die RKI-Grafik das hergibt. „Die Aussage, dass man allein aus der Reproduktionszahl die Unwirksamkeit der Maßnahmen ableiten kann, ist einfach nicht richtig. Das ist eine falsche Interpretation der Grafik“, erklärt Küchenhoof gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation mahnt gegenüber der dpa ebenfalls davor, die Daten leichtfertig zu interpretieren: „Es ist sehr schwierig, allein anhand dieser Grafik Ursache und Wirkung abzulesen.“ Faktoren wie Schulschließungen, Kontaktbeschränkungen und andere ließen sich nicht so leicht auseinandernehmen. Ihren eigenen Berechnungen zufolge zeige sich eine klare Wirkung der Kontaktsperre vom 22. März.

Der R-Wert ist außerdem ein bundesweiter Durchschnitt. Er überdeckt, dass es regional große Unterschiede geben kann. Ein exponentielles Wachstum der Infiziertenzahl ist allerdings immer gefährlich, egal ob auf Bundes-, Landes- oder Kreisebene.

Corona in Deutschland: ARD-Experte Yogeshwar schießt gegen „Schaukelstuhl Epidemiologen“

Viele Epidemiologen sehen es als sinnvoll an, den R-Wert mit entsprechenden Maßnahmen dauerhaft sehr deutlich unter 1 zu drücken, um der Covid-19-Epidemie in Deutschland Herr zu werden. Von voreiligen Schlüssen von Fachfremden wie dem Ökonomen Homburg hält der Statistiker Küchenhoff wenig. „Man muss Zahlen richtig lesen können - und dafür muss man sich eben ein bisschen mit Epidemiologie beschäftigen.“

Ins gleiche Horn bläst auch Yogeshwar und kritisiert in seinem Video zudem die „Schaukelstuhl-Epidemiologen“, die solche Maßnahmen für völlig unnötig halten. „Denn die Zahlen alleine reichen nicht aus“, sagt Yogeshwar in seinem Video: „Man muss auch den Kontext verstehen und wissen, was sich dahinter verbirgt - und dann merkt man, dass ist schon ganz gut, was im Moment läuft.“

smk/dpa

Rubriklistenbild: © dpa / Britta Pedersen, RKI

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