Lauterbach relativiert Vergleich

Pfleger wird emotional: Anerkanntes Medikament viel gefährlicher als AstraZeneca-Impfstoff?

  • Marcus Giebel
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Der AstraZeneca-Impfstoff hat seinen Ruf längst weg - nachdem seine Verabreichung ausgesetzt wurde erst recht. Dabei wird ein viel gefährlicheres Medikament in Deutschland täglich verschrieben.

München - Die Corona-Pandemie* hat ein neues Schreckgespenst hervorgebracht. Nicht etwa eine weitere hochansteckende Mutation* von Sars-CoV-2*. Nein, es ist der AstraZeneca-Impfstoff. Schon in den ersten Wochen des Jahres wurde das Vakzin in der Öffentlichkeit quasi zum schwarzen Schaf der Impfstoff-Familie erklärt.

Die nun erfolgte Aussetzung seiner Verabreichung in verschiedenen europäischen Ländern - darunter seit Montag auch Deutschland* - setzt dieser Entwicklung die Krone auf. Fragt sich, wie diese Entwicklung umgekehrt werden soll. Damit das AstraZeneca-Vakzin wirklich als das wahrgenommen wird, was es ist: ein Lebensretter.

AstraZeneca-Impfstoff in der Corona-Krise: Von Anti-Baby-Pille geht viel größere Gefahr aus

Um einen Umschwung in der Außendarstellung einzuleiten, bemühen zwei Politiker und ein Pfleger den Vergleich mit einem Mittel, das seit mehr als einem halben Jahrhundert in unserer Gesellschaft anerkannt wird. Obwohl es viel gefährlicher ist als der verpönte Impfstoff aus britisch-schwedischem Hause. Die Rede ist von der Anti-Baby-Pille.

Die frühere Familien- und Justizministerin Katarina Barley verbreitete auf Twitter einen Link der Techniker-Krankenkasse zu den Nebenwirkungen des Verhütungsmittels. Demnach würden acht bis zwölf von 10.000 Frauen nach der Einnahme an einer Thrombose leiden. „Hat das bisher irgendwen gestört?“ fragt die SPD-Politikerin dazu.

Nach bisherigen Erkenntnissen hatten mit dieser Nebenwirkung* sieben von mehr als 1,6 Millionen mit dem AstraZeneca-Wirkstoff geimpften Personen in Deutschland zu kämpfen. Das wären auf 10.000 heruntergebrochen 0,04375 Fälle.

AstraZeneca-Impfstoff in der Corona-Krise: „Weg zum Impfzentrum ist wesentlich gefährlicher“

Diesen Vergleich bemüht auch der bereits mit AstraZeneca geimpfte CDU-Bundestagsabgeordnete Marian Wendt. „Ich komme zu dem Schluss, dass der Impfstoff viel viel ungefährlicher ist als beispielsweise die Einnahme einer Anti-Baby-Pille“, betont der 35-Jährige aus dem sächsischen Torgau bei Bild: „Auch der Weg zum Impfstoffzentrum ist wesentlich gefährlicher als der Impfstoff selber.“

Sein Körper habe nach der Verabreichung zu kämpfen gehabt. Aber eben nur in erträglichem Ausmaß: „Ich hatte ein klein wenig Schüttelfrost in der Nacht nach der Impfung. Das ist ganz normal, das hat jeder, das ist bei jeder Impfung so. Aber nichts weiter.“

Kann Thrombosen zur Folge haben: Von der Anti-Baby-Pille geht eine deutlich größere Gefahr aus als vom AstraZeneca-Impfstoff.

AstraZeneca-Impfstoff in der Corona-Krise: „Anti-Baby-Pille wird millionenfach verschrieben“

Auch der bloggende Pfleger Ricardo Lange kann die Aufregung um AstraZeneca und die Zweifel an dem Wirkstoff nicht nachvollziehen. Auf Instagram schreibt er über den Thrombose-Schreck: „Es gibt ein Medikament, welches in Deutschland millionenfach verschrieben wird, und bei dem diese Nebenwirkung - ausgelöst durch ein Blutgerinnsel - belegt und beschrieben ist.“

Natürlich spricht auch Lange von der Anti-Baby-Pille. „Und wisst ihr, was ich an der ganzen Sache pervers finde? Dass es heute zum guten Ton gehört, dass eine Frau die Pille nimmt“, echauffiert sich der Pfleger: „Selbst junge Mädchen werden von ihren Eltern zum Arzt begleitet, sobald das berühmte ‚Erste Mal‘ im Raum steht.“

AstraZeneca-Impfstoff in der Corona-Krise: Lieber Pille mit Nebenwirkungen für die Frau als Kondom für den Mann?

Einmal in Fahrt gekommen, nimmt er gleich einen damit zusammenhängenden Missstand ins Visier: die Verantwortungslosigkeit der Männer, wenn es um die Verhütung geht. „Gerade wir Männer machen es uns da schon ziemlich einfach. Klar, ein Kondom zu benutzen ist natürlich lästig und für viele ein Abturner“, legt er den Finger in die Wunde: „Da ist das Nebenwirkungsprofil der Pille auf einmal gar nicht mehr so wichtig. Betrifft uns ja auch nicht.“

Sein vernichtendes Urteil: „Dass die Frauen ‚ihre‘ Pille auch noch selbst bezahlen dürfen, und der Mann sich meist auch daran nicht beteiligt, setzt dem ganzen noch die Krone auf.“

AstraZeneca-Impfstoff in der Corona-Krise: „Kann Leben retten und schwere Erkrankungen verhindern“

Was ihm und auch den beiden Politikern gegen den Strich geht: Es wird mit zweierlei Maß gemessen. „Bei der ‚Vergnügungspille‘ werden solche schwerwiegenden Nebenwirkungen wie die Thrombose ohne mit der Wimper zu zucken in Kauf genommen, und bei einer Impfung, die Leben retten oder schwere Erkrankungen verhindern kann, wird ein riesen Fass aufgemacht“, schimpft Lange.

Ganz so einfach scheint der Vergleich zwischen Impfstoff und Pille allerdings auch nicht: Angesprochen auf den Vergleich mit möglichen Nebenwirkungen der Einnahme der Antibabypille reagierte der SPD-Politiker und Mediziner Karl Lauterbach im Deutschlandfunk skeptisch. „Die Thrombosen, die es nach Einnahme der Pille gibt, sind nicht in der Schwere vergleichbar mit den Thrombosen, über die wir hier sprechen.“

Ein bisschen Rückendeckung für den AstraZeneca-Impfstoff. Wohl nie zuvor hat ein Lebensretter diese Unterstützung dringender benötigt, um ein bisschen Anerkennung einzuheimsen. (mg) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Carsten Rehder/dpa

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