Gefahr von Blutgerinnseln

AstraZeneca und Antibabypille: Thrombose-Risiko überhaupt vergleichbar? Lauterbach klärt jetzt auf

Ein möglicherweise erhöhtes Thrombose-Risiko hat dem AstraZeneca-Vakzin vielerorts einen Impf-Stopp beschert. Doch der vielfach angeführte Vergleich zur Antibabypille hinkt.

  • Die Impfung mit AstraZeneca wurde in Deutschland nach acht Thrombose-Fällen ausgesetzt.
  • Es besteht ein Verdacht auf ein erhöhtes Risiko für Blutgerinnsel.
  • In Sozialen Netzwerken wird nun häufig der Vergleich zur Antibabypille gezogen.
  • Das scheint Mediziner:innen und Expert:innen aber nicht sinnvoll.

München - Rund 1,6 Millionen Impfdosen des AstraZeneca-Präparats sind in Deutschland bereits verimpft worden. Dann verkündet Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Montag auf einmal: Die Impfungen mit dem britisch-schwedischen Vakzin werden vorerst ausgesetzt. Denn es gibt mittlerweile acht Thrombose-Fälle im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung. Nach sieben Fällen hatte das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) seine Empfehlung zur Aussetzung ausgesprochen. Nun wird von der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) überprüft, ob tatsächlich ein Zusammenhang besteht. Bestätigt ist dies aber noch nicht.

Antibabypille und AstraZeneca: Es kursieren zahlreiche Vergleiche zwischen den Medikamenten

Eine wissenschaftlich belegte Kausalkette zwischen der Einnahme der Antibabypille und einem erhöhten Risiko für Thrombosen gibt es hingegen. Das trifft besonders bei Antibabypillen der dritten und vierten Generation zu. Je nach verwendetem Gestagen erleiden zwischen 8 und 12 von 10.000 Frauen ein thromboembolisches Ereignis, wie aus Daten der Universität Bremen hervorgeht. Rechnet man auf eine Million hoch, sind es im Schnitt etwa 1.100. Bei etwa 6 Personen von einer Million ist nach der AstraZeneca-Impfung eine Thrombose aufgetreten. Am häufigsten waren Frauen im jungen und mittleren Alter betroffen.

Daher wurden der Impfstoff und das Verhütungsmedikament vor allem in sozialen Netzwerken zuletzt oft miteinander verglichen. Es sollte aufgezeigt werden, dass eine Thrombose bei der Corona-Impfung deutlich seltener auftritt als bei dem gängigen Medikament. Ein Vergleich, der bei genauerer Betrachtung nicht standhält.

Unterschiedliche Thrombose-Formen: Darum hinkt der Vergleich zwischen AstraZeneca und Pille

Denn bei den Fällen, die nach einer Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin auftraten, handelt es sich um eine spezielle Form der Thrombose: sehr seltene Hirnvenenthrombosen. Diese zählen bei der Pille nicht zu den Nebenwirkungen, sie löst eher die bekannteren Gerinnsel in Beinvenen oder auch Lungenembolien aus. Der Vergleich zwischen beiden Medikamenten sei kein Guter, erklärt Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD) im Deutschlandfunk.

„Tatsächlich ist das ein anderes Risiko. Die Thrombosen, die es nach Einnahme der Pille gibt, die sind nicht in der Schwere vergleichbar mit den Thrombosen, über die wir hier sprechen.“ Recht gibt ihm der Medizinexperte Dr. Christoph Specht. Auch er hält den Vergleich zwischen der Antibabypille und der vermeintlichen Nebenwirkung der Corona-Impfung für schwierig, wie er gegenüber RTL erklärt. Zu unterschiedlich seien die auftretenden Phänomene.

Wie geht es für den AstraZeneca-Impfstoff nun weiter - Prüfung durch die EMA

Doch was bedeutet diese Einschätzung für das AstraZeneca-Präparat? Noch ist wissenschaftlich nicht bestätigt, dass die Thrombosen durch den Impfstoff verursacht worden sind. Lauterbach geht aber davon aus, dass die neuerliche Untersuchung ergeben wird, dass die Hirnvenenthrombosen tatsächlich im kausalen Zusammenhang mit der AstraZeneca-Impfung stehen. Einen von 250 bis 300.000 Menschen könnte die Nebenwirkung nach seiner Einschätzung betreffen. Die Komplikation sei zwar schwer, aber sehr selten und oft auch behandelbar. Einen weiteren Einsatz des Impfstoffs hält er für sehr wahrscheinlich, sagt er im Deutschlandfunk. Davon geht auch die EMA bisher fest aus.

Das PEI erklärt auf seiner Webseite, warum es aus seiner Sicht dennoch richtig war, die Verimpfung zunächst zu stoppen: Die Antibabypille sei verschreibungspflichtig, die potenziell gefährlichen Nebenwirkungen stünden im Beipackzettel und behandelnde Ärzt:innen müssten über das Risiko aufklären. „Für die AstraZeneca-COVID-19-Impfung besteht aktuell ein Verdacht auf die sehr seltene Nebenwirkung einer Sinusvenenthrombose mit begleitendem Blutplättchenmangel mit teils tödlichem Verlauf. Sie ist nicht in der Patienteninformation aufgeführt.“ Diese Prüfung durch die EMA müsse nun erfolgen, bevor weiter damit geimpft werde. (mam)

Rubriklistenbild: © Ottfried Schreiter/imago-images

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