Ärzte können nun reagieren

Forscher vermelden Durchbruch: Ursache für Thrombosen nach Astrazeneca-Impfung bekannt

Der Astrazeneca-Impfstoff kann seltene schwere Thrombosen auslösen, Forscher aus Deutschland haben den Grund dafür herausgefunden. Nun veröffentlichen die Experten ihre abschließende Beobachtungen.

Berlin - Sie sollen helfen die Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland und der Welt einzudämmen, doch Impfstoffe geraten immer häufiger in die Schlagzeilen. Vor allem das Vakzin des Herstellers Astrazeneca sorgte für Verunsicherung, treten in wenigen seltenen Fällen nach der Verabreichung doch schwere Nebenwirkungen auf. Bereits im März hatten Forscher der Uni-Klinik Greifswald die Ursache für die schweren Thrombosen entdeckt, nun veröffentlichten die Experten ihre abschließenden Ergebnisse.

Und auch der Wirkstoff des Herstellers Johnson & Johnson muss sich aktuell einer Überprüfung unterziehen. Auch hier wurden schwere Nebenwirkungen registriert.

Astrazeneca-Durchbruch: Forscher aus Deutschland finden Ursache für die schweren Thrombosen

Im New England Journal beschreiben die Experten den Vorgang nach einer Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff wie folgt: „Die Impfung mit ChAdOx1 nCov-19 kann als Resultat in seltenen Fällen die Entwicklung einer immunbedingten Thrombozytopenie, vermittelt durch aktivierte Antikörper gegen PF4 , haben. Das ähnelt im klinischen Erscheinungsbild einer durch Heparin ausgelösten autoimmunbedingten Thrombozytopenie“. Demnach handele es sich bei den seltenen Nebenwirkungen nach einer Astrazeneca-Impfung um einen ähnlichen Vorgang wie bei schweren Nebenwirkungen nach einer Heparin-Therapie.

Bereits im März hatten die Experten der Universitätsmedizin Greifswald rund um den Wissenschaftler Andreas Greinacher erklärt, was die schweren Thrombosen nach der Impfung des Astrazeneca-Vakzins auslöst. Demnach löse der Impfstoff bei einigen Menschen „einen Abwehrmechanismus“ aus. Das Vakzin „aktiviere“ die Blutplättchen, sogenannte Thrombozyten. Dieser Vorgang erfolge normalerweise nur bei einer Wundheilung, wenn das Blut gerinnt. Dabei werde normal eine Wunde verschlossen. Durch den Impfstoff könne jedoch genau dieser Mechanismus ausgelöst werden, ein Blutgerinnsel sei die Folge. Offenbar überwiegend im Gehirn. Bei einer jungen Frau aus NRW kam es infolge dieser lebensgefährlichen Nebenwirkung zum Tod.

Corona-Impfung mit Astrazeneca: Krankenschwester aus Österreich Indexfall für Untersuchung

Im Februar war die erste Thrombose nach einer Impfung mit dem Wirkstoff des Herstellers Astrazeneca bekannt geworden, kurz darauf hatten sich Forscher der Unimedizin Greifswald an das Paul-Ehrlich-Institut gewandt. Den Experten wurden Blutproben von bislang betroffenen Patienten zur Verfügung gestellt, im März erfolgte dann der Durchbruch. Bei ihrer Arbeit hatten die Experten aus Deutschland eng mit Ärzten und Experten aus Österreich zusammengearbeitet. Wie der Kurier berichtet, sollen die Experten bei ihren Forschungen den Fall aus Österreich als Indexfall betrachtet haben. Die Krankenschwester war wenige Tage nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus verstorben.

Wie der Kurier die Forscher zitiert, sei die „bis dahin gesunde 49-Jährige“ zehn Tage nach ihrer Astrazeneca-Impfung ins Krankenhaus gebracht worden. Wie die Forscher in dem Bericht weiter erklären, starb sie trotz medizinischer Behandlung. Bei einer Autopsie sei eine Thrombose in den Gehirnvenen, also eine Sinusvenenthrombose, festgestellt worden.

Astrazeneca-Impfung: Schwere Nebenwirkungen hatten sich gehäuft - Wissenschaftler erklären Vorgehensweise

Kurz darauf hatten sich bereits weitere Fälle gehäuft, die Experten der Unimedizin Greifswald untersuchten kurz darauf die Blutproben von elf Patienten aus Deutschland und Österreich. Sie alle wurden fünf bis 16 Tage nach einer Astrazeneca-Impfung mit einer Thrombose oder pathologischem Blutplättchenmangel behandelt, das Durchschnittsalter soll bei 36 Jahren gelegen haben. Bei neun der elf Personen habe es sich um Frauen gehandelt. Wie die Wissenschaftler in ihrem Aufsatz weiter erklären, wiesen sie alle „thrombotische Ereignisse“ auf. Nur in einem Fall habe der Betroffene eine tödliche Gehirnblutung aufgewiesen. Von den untersuchten elf Patienten seien sechs nach der Impfung verstorben.

Keiner der Patienten habe vor der Diagnose Heparin erhalten, doch hätten die Proben ein solches klinisches Erscheinungsbild angedeutet. Die schweren Thrombosen nach einer Astrazeneca-Impfung hätten einer Komplikation nach einer Behandlung mit dem Gerinnungshemmer Heparin geglichen. Die Nebenwirkungen nach der Impfung hätten einem Heparin-induzierten Blutplättchenmangel geähnelt. Und tatsächlich: anschließende Untersuchungen hätten gezeigt, dass alle elf Betroffenen Antikörper gegen den Blutplättchenfaktor 4 aufgewiesen hätten. Wie die Experten weiter verdeutlichen, sei jedoch zur gleichen Zeit festgestellt worden, dass noch vorhandene Blutplättchen aktiviert worden seien. Dies habe dann zu den Thrombosen geführt.

Bei einem Verdacht könnte nun zügig eine Untersuchung auf den Blutplättchenmangel erfolgen. Bereits im März hatten die Experten verdeutlicht, dass eine Behandlung der schweren Thrombosen erst nach der Feststellung möglich sei, präventiv könnte dies nicht behandelt werden.

Astrazeneca: EMA gibt auch weiterhin grünes Licht für das Vakzin

Für die EMA überwiegt jedoch auch weiterhin der Nutzen des Wirkstoffs, schwere Nebenwirkungen nach einer Astrazeneca-Impfung treten nur in sehr seltenen Fällen auf. In Deutschland werden mittlerweile jedoch nur noch Personen über 60 Jahren mit dem Astrazeneca-Vakzin geimpft. Jüngere Personen können den Wirkstoff nur noch auf ausdrücklichen Wunsch erhalten.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa/Matthias Bein

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