Hochexplosives Material

Explosion in Beirut: Ursachenforschung beginnt - war Ammoniumnitrat der Auslöser?

  • Marcella Moschini
    vonMarcella Moschini
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2750 Tonnen hochexplosives Ammoniumnitrat lagen im Hafen von Beirut. Laut Regierung könnte das die Ursache für die gewaltige Explosion gewesen sein.

  • In Beirut haben sich verheerende Explosionen im Hafenviertel ereignet.
  • Die Zerstörung war immens, es gab Tausende Verletzte und Dutzende Tote.
  • Auslöser der Explosion könnte eine große Menge Ammoniumnitrat gewesen sein.

Beirut - Mehr als 4000 Verletzte und etwa 100 Tote meldet das Libanesische Rote Kreuz nach den schweren Explosionen in Beirut. Im Hafenviertel der libanesischen Hauptstadt war es zu gewaltigen Detonationen gekommen. Vor Ort sucht man nach der Ursache für die Geschehnisse.

Möglich ist, dass die Explosionen in Beirut durch eine große Menge Ammoniumnitrat ausgelöst worden ist. Regierungschef Hassan Diab sagte laut einem Sprecher, dass 2750 Tonnen des hochexplosiven Materials seit sechs Jahren ohne Vorsichtsmaßnahmen in einem Lagerhaus untergebracht waren. Diese hätten die Explosionen verursacht. Weshalb der Stoff aber detonierte, ist bislang völlig unklar. Ammoniumnitrat ist ein Salz, das sich aus preisgünstig aus Ammoniak und Salpetersäure gewinnen lässt. Üblicherweise wird es für die Herstellung von Düngemitteln oder Sprengstoffen verwendet. Hinweise auf einen Anschlag oder politischen Hintergrund gab es vor Ort zunächst nicht. US-Präsident Donald Trump geht hingegen von einem „Angriff“ mit einer Bombe aus.

Explosionen in Beirut: Das sagen Experten zur wahren Ursache - Trumps Anschlags-Theorie fällt durch

Experten scheint die Argumentation der libanesischen Regierung allerdings schlüssiger, als Trumps Vermutung. In den Videos sei zum einen erkennbar, dass es bereits vor der Explosion in dem betreffenden Gebäude gebrannt habe, sagt Marc Wende, Sprengstoffexperte beim Bayerischen Landeskriminalamt, gegenüber Focus Online. „Zum anderen müsste eine Bombe mit dieser Sprengkraft mindestens mehrere Tonnen wiegen“, so der Experte. Eine Rucksack-, Koffer- oder übliche Fliegerbombe könne einen Schaden wie in den in Beirut nicht auslösen.

„Eine derartige Menge an Explosivstoff wird üblicherweise nicht in einer Bombe untergebracht, die per Definition eine meist metallische Hülle hat“, bestätigt auch Norbert Gebbeken gegenüber dem Portal. Er leitet das Forschungszentrum RISK in München.

Ursache der Explosionen in Beirut? So gefährlich ist Ammoniumnitrat

Unter normalen Lagerbedingungen und bei mäßigen Temperaturen entzünde sich Ammoniumnitrat nur schwer, erläutert die Chemie-Expertin Jimmie Oxley von der Universität in Rhode Island gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Auf Videos der Explosionen in Beirut sei zunächst schwarzer, dann roter Rauch zu sehen. „Ich gehe davon aus, dass es eine kleine Explosion gab, die die Reaktion des Ammoniumnitrats auslöste - ob diese kleine Explosion ein Unfall war oder beabsichtigt, weiß ich nicht“, so Oxley.

Normalerweise wird die Chemikalie unter strengen Bedingungen gelagert: So muss sie etwa von Brennstoffen und Wärmequellen ferngehalten werden. Gefährlich wird es auch, wenn zu viel Ammoniumnitrat zu dicht beieinander gelagert wird. Dann kann es unter bestimmten Umständen Feuer fangen und detonieren.

Daher darf die Substanz in vielen EU-Ländern nur unter strengen Auflagen gehandhabt werden. In Deutschland fällt der Umgang mit dem geruchslosen Salz unter das Sprengstoffgesetz. Es muss zudem mit Kalk versetzt werden, um es sicherer zu machen. Das geruchlose Salz war in den vergangenen Jahrzehnten bereits für zahlreiche Explosionen verantwortlich - bei Unfällen und Anschlägen.

Explosionen im Libanon: So kam das Ammoniumnitrat in den Hafen von Beirut

Das Ammoniumnitrat, das mutmaßlich bei den Explosionen in Beirut detoniert ist, könnte von einem Frachtschiff stammen, wie Spiegel berichtet. Die libanesischen Behörden hätten dem Schiff 2013 laut Berichten aufgrund verschiedener Mängel die Weiterfahrt untersagt. Nach einer längeren Auseinandersetzung habe der Betreiber das Schiff offenbar aufgegeben, die Ladung sei dabei in Beirut geblieben, wo sie in einem Lagerhaus untergebracht wurde. Der genaue Hergang der Explosionen konnte bisher aber nicht geklärt werden.

Die beiden Explosionen haben große Teile des Hafens und der umliegenden Stadtgebiete verwüstet. Auf Bildern waren unter Trümmern eingeklemmte Menschen zu sehen. Die Detonationen waren nicht nur in Beirut, sondern im ganzen Land zu hören. Durch die Wucht zersplitterten auch in kilometerweiter Entfernung Glasscheiben. Nach dem Unglück fielen das Internet und Telefone in der ganzen Stadt kurzzeitig aus.

Explosionen in Beirut: Ammoniumnitrat war bereits in der Vergangenheit Ursache für Explosionen

Aber auch an anderen Orten auf der Welt hat Ammoniumnitrat schon verheerende Unglücke verursacht. So wurden zum Beispiel 1921 bei einem Unfall in einer Chemiefabrik des deutschen Unternehmens BASF in Oppau 561 Menschen getötet. Eine als Düngemittel verwendete Mischung aus Ammoniumnitrat und Ammoniumsulfat detonierte. Die umliegenden Gemeinden wurden verwüstet, die Explosion war noch bis ins rund 75 Kilometer entfernte Frankfurt am Main zu spüren und richtete selbst über diese Entfernung Schäden an. Zu hören war sie laut Zeugen noch im 300 Kilometer entfernten München.

In einer Chemiefabrik im französischen Toulouse kamen bei der Explosion von rund 300 Tonnen Ammoniumnitrat 2001 insgesamt 31 Menschen ums Leben. Auch bei einer Explosion in einer Düngemittelfabrik in Texas starben im Jahr 2013 15 Menschen. Für einen Anschlag wurde der Stoff 1995 in Oklahoma City verwendet. Damals kamen 168 Menschen ums Leben. Der Attentäter verbaute in seine Bombe damals zwei Tonnen Ammoniumnitrat.

Ammoniumnitrat: Trotz Explosionen weiterhin wichtig

Trotz der Gefahren ist Ammoniumnitrat laut Oxley in der Landwirtschaft und für Sprengungen in der Bauindustrie unverzichtbar. „Ohne Sprengstoff wäre die moderne Welt nicht möglich, und ohne Ammoniumnitrat-Dünger könnten wir die heutige Bevölkerung nicht ernähren“, sagt sie.

Der Münchner Kabarettist Christian Springer ist oft im Libanon, um mit seinem Hilfsprojekt den Menschen vor Ort zu helfen. Die Katastrophe von Beirut trifft ihn ins Mark. Aufregung gab es in Deutschland wegen der Berichterstattung über die Explosionen im Libanon. Viele Zuschauer waren besonders über Nachrichtensendungen in ARD und ZDF erzürnt. (mam mit afp)

Rubriklistenbild: ©  AFP

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