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Belarus: Alles über die als „Weißrussland“ bekannte Republik

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Blick auf Minsk
Abendlicher Blick auf Minsk © f9photos / IMAGO

Belarus ist im deutschen Sprachraum auch noch unter dem Namen Weißrussland bekannt. Der osteuropäische Binnenstaat machte sich nach Auflösung der Sowjetunion 1991 unabhängig. Die präsidentielle Republik wird autoritär und diktatorisch regiert.

Minsk – Das eine Fläche von 207.595 Quadratkilometer umfassende Belarus grenzt als europäisches Binnenland an Litauen, Lettland, Russland, die Ukraine und Polen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde der Staat als Weißrussische Sozialistische Sowjetrepublik unabhängig. Schon seit knapp 30 Jahren ist Präsident Alexander Lukaschenko an der Macht. Sein autoritärer und repressiver Führungsstil sorgt dafür, dass Belarus als letzte Diktatur Europas gilt.

Belarus: Urheimat der Slawen

Über die Frühgeschichte von Belarus ist bislang nur wenig bekannt, wohl aber gilt das Gebiet Polesien im Süden des Landes als die Urheimat der Slawen. Im Frühmittelalter durchquerten bereits Wikinger das heutige Gebiet von Belarus und hinterließen hier ihre Spuren. Ein Großteil des Landes wurde von ostslawischen Stämmen besiedelt. Um etwa 1.000 nach Christus wurden selbständige Fürstentümer gegründet. Nach dem Einfall der Mongolen schlossen sich die belarussischen Fürsten im 13. Jahrhundert dem Großfürstentum Litauen an.

Es folgte eine Blütezeit der ostslawisch-orthodoxen Sprache und Kultur. Das 14. Und 15. Jahrhundert wurde in der belarussischen Geschichtsschreibung auch als Goldenes Zeitalter charakterisiert, das im Jahr 1596 mit der Gründung einer polnisch-litauischen Adelsrepublik in der sogenannten Union von Lublin sein Ende nahm. Die weißrussische Identität war in den Folgejahrhunderten aufgrund neuer Grenzpolitik noch einigen Veränderungen unterworfen. Im Zuge der dritten polnischen Teilung fielen Ende des 18. Jahrhunderts weißrussische Gebiete an das Russische Reich.

Belarus: Belarus im 20. Jahrhundert

Mit dem Einmarsch des deutschen Heeres in Minsk im Jahr 1918 bildete sich vorübergehend die unabhängige Belarussische Republik. 1920 wurde Belarus nach dem Sieg der polnischen Truppen über die Rote Armee wieder an den polnischen Staat angeglichen. Der sowjetische Teil wurde 1922 als Weißrussische Sozialistische Sowjetrepublik ein Gründungsmitglied der Sowjetunion. Während des Zweiten Weltkriegs wurde auch der von Polen annektierte Landesteil mit sowjetischen Truppen besetzt und in die Belarusssiche SSR eingegliedert.

Nach Kriegsende waren fast alle Städte des Landes völlig zerstört. Es dauerte bis in die 1980er Jahre, bis die belarussische Bevölkerung wieder seine Vorkriegszahlen erreichte. 1986 sorgte die Nuklearkatastrophe im ukrainischen Tschnernobyl dafür, dass weite Teile des Landes durch einen radioaktiven Niederschlag kontaminiert wurden. Nach der Auflösung der Sowjetunion verkündete das Belarussische Parlament am 25. August 1991 seine Unabhängigkeit. Von 1991 bis 1994 war Stanislau Schuschkewitsch der erste Präsident der neuen Republik.

Belarus: Diktatur unter Alexander Lukaschenko

Schuschkewitschs Nachfolger wurde der Politiker Alexander Lukaschenko. Da bei den Weißrussen Demokratie negativ besetzt war, nutzte der neue Präsident die Unzufriedenheit der Bevölkerung, um schrittweise einen autoritären Staat aufzubauen. Wichtige Kennzeichen seiner Politik sind eine zentrale Planwirtschaft, die Unterdrückung politischer Gegner sowie die Kontrolle der Medien- und Pressefreiheit.

Die Präsidentschaftswahlen werden seit 2001 von internationalen Beobachtern als undemokratisch eingestuft. Nach den letzten Wahlen im Jahr 2020 kam es zu monatelangen Protesten im Land. Es wurde von Seiten der Regierung massive Polizeigewalt eingesetzt und es kam zu tausenden Festnahmen.

Im Mai 2021 sorgte die erzwungene Landung eines Ryanair-Flugs in Minsk für internationale Empörung. An Bord befand sich der im Exil lebende Oppositionelle Raman Pratassewitsch, der von Regierungsseite als „Terrorist“ eingestuft worden war und verhaftet wurde. Die EU reagierte mit Sanktionen gegen Belarus und von der NATO wurde ein EU-weites Start- und Landeverbot für belarussische Flugzeuge verhängt.

Belarus: Das politische System

Aufgrund des autoritären Regierungsstils durch Alexander Lukaschenko gilt Belarus als letzte Diktatur in Europa. Der Verfassung nach war die Amtszeit des Präsidenten auf zwei Perioden begrenzt. Dieser Regelung wurde in einem Referendum im Oktober 2006 abgeschafft, sodass Lukaschenko auch an den Folgewahlen teilnehmen konnte. Die Regierung besteht aus einem Zwei-Kammern-Parlament (der Repräsentantenkammer mit 110 Abgeordneten und dem Rat der Republik, der sich aus Abgeordneten der jeweiligen Bezirke des Landes zusammensetzt). Die Regierung von Belarus wird vom Ministerpräsidenten geleitet.

Außenpolitisch ist Belarus eng mit Russland verbündet und als einziger europäischer Staat nicht Mitglied des Europarates. Das Land pflegt außerdem freundschaftliche Beziehungen zu Venezuela, Ecuador, Iran, Nordkorea sowie zu Kuba und zur Volksrepublik China. Die Beziehungen zu den NATO-Staaten gelten als angespannt. In den letzten Jahrzehnten dokumentierte Amnesty International in Belarus immer wieder zahlreiche Verletzungen der Menschenrechte. So wurden nicht nur diverse Verletzungen des Rechts auf freie Meinungsäußerung sowie des Versammlungs- und Demonstrationsrechts beobachtet, es wurden auch immer wieder Todesurteile ausgesprochen.

Belarus: Fakten im Überblick

Belarus: Sprachen und Bevölkerung

Belarussisch und Russisch gelten als die offiziellen Amtssprachen des Landes, wobei faktisch Letzteres im öffentlichen Leben dominiert. Etwa 75 Prozent der Bevölkerung nutzen inzwischen das Russische als Hauptumgangssprache, nur 12 Prozent fallen auf das Belarussische. Aber auch die Trassjanka ist verbreitet – dabei handelt es sich um eine mündliche Mischform aus belarussischer und russischer Sprache.

Den größten Anteil an der Gesamtbevölkerung bilden die Belarussen mit etwa 83 Prozent. Der Rest teilt sich auf Russen (8,3 Prozent), Polen (3,1 Prozent) sowie Ukrainer (2,4 Prozent) auf. Laut einer Volkszählung im Jahr 2009 betrug die Bevölkerung von Belarus knapp 9,5 Millionen Einwohner. Seit 1993 ist die Einwohnerzahl um etwa 6 Prozent gesunken.

Belarus: Geografie und Städte

Belarus steht mit einer West-Ost-Ausdehnung von 650 Kilometern und Nord-Süd-Ausdehnung von 560 Kilometern flächenmäßig an 13. Stelle in Europa, gilt aber auch als größter Binnenstaat, der vollständig in Europa liegt. Das Land grenzt an Litauen, Lettland, Russland, die Ukraine und Polen. Belarus liegt in der Osteuropäischen Ebene und ist landschaftlich von Hügelketten, naturbelassenen Sumpfgebieten und breiten Flüssen durchzogen.

Die größten Städte von Belarus im Überblick

Belarus: Wissenswertes zum Land

Der Landesname Belarus setzt sich aus den Silben „bela“ (der slawische Ausdruck für „weiß“) und „rus“ (der Name des mittelalterlichen ostslawischen Herrschergebiets) zusammen. Die traditionelle deutschsprachige Benennung „Weißrussland“ war in jüngerer Zeit in die Kritik geraten, weil sie politische, kulturelle und sprachliche Abhängigkeit von Russland suggeriere. Gegner dieser Zuschreibung plädieren bei adjektivischem Gebrauch, „belarusisch“ mit einem „s“ zu schreiben und auch zu sprechen – dennoch ist die Schreibweise mit doppeltem „s“ bei adjektivischem Gebrauch immer noch geläufig. Noch bis vor kurzem galt in Deutschland auf innerstaatlichem Verkehr sowie auf Landkarten die Bezeichnung Weißrussland als gängig. Seit Oktober 2021 hat sich die alleinige Bezeichnung Belarus im amtlichen Gebrauch durchgesetzt.

Wirtschaftlich gesehen gilt Belarus als der weltgrößte Exporteur von Calciumcarbonat. Ein natürlicher Kalkstein, der in großen Mengen als Rohstoff in der Baustoff- und Stahlindustrie, aber auch als mineralischer Dünger und Füllstoff verarbeitet wird (unter anderem auch in Farben, Lacken, Putzen und Kunststoffen). Für den Export ist der Binnenstaat allerdings auch stark auf den litauischen Hafen Klaipėda angewiesen.

Für den internationalen Tourismus gilt das Land als wenig erschlossen. Eine Einreise ist nur mit einem passenden Visum möglich, für das eine Reihe von Nachweisen notwendig ist. Seit 2018 können Einreisen aus bestimmten Staaten aber auch bis zu 30 Tage visafrei erfolgen. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Landes befinden sich in der Hauptstadt Minsk.

Hier gibt es zahlreiche historische Orte, Baudenkmäler im neuromanischen Stil und aus der Stalin-Zeit sowie kulturelle Einrichtungen (darunter 18 Museen und zwölf Theater). Außerdem besitzt Belarus noch UNESCO-Welterbestätten, wie das Schloss Mir, das Schloss Njaswisch oder auch den Belawescha-Nationalpark, der Lebensraum für Wisente bildet.

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