Ein Sumatra-Orang-Utan in einem Schutzgebiet in der indonesischen Provinz Aceh. Die weltweite Rate des Artensterbens ist laut IPBES derzeit zehn- bis hundertmal höher als im Schnitt der vergangenen zehn Millionen Jahre. Foto: Hotli Simanjuntak/EPA
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Ein Sumatra-Orang-Utan in einem Schutzgebiet in der indonesischen Provinz Aceh. Die weltweite Rate des Artensterbens ist laut IPBES derzeit zehn- bis hundertmal höher als im Schnitt der vergangenen zehn Millionen Jahre. Foto: Hotli Simanjuntak/EPA
Ein Holzfäller arbeitet mit einer Kettensäge im brasilianischen Regenwald. Rund 100 Millionen Hektar Tropenwald verschwanden laut IPBES bereits von 1980 bis 2000. Foto: Werner Rudhart
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Ein Holzfäller arbeitet mit einer Kettensäge im brasilianischen Regenwald. Rund 100 Millionen Hektar Tropenwald verschwanden laut IPBES bereits von 1980 bis 2000. Foto: Werner Rudhart
Eine mit Blütenpollen bedeckte Biene sitzt auf einem Löwenzahn. Anlässlich der Weltkonferenz zur Artenvielfalt haben Experten die erste weltweite Öko-Inventur seit 14 Jahren vorgelegt. Foto: Nicolas Armer
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Eine mit Blütenpollen bedeckte Biene sitzt auf einem Löwenzahn. Anlässlich der Weltkonferenz zur Artenvielfalt haben Experten die erste weltweite Öko-Inventur seit 14 Jahren vorgelegt. Foto: Nicolas Armer
Raffinerie im US-Bundesstaat North Dakota. Der IPBES-Bericht verzeichnet Hunderte Milliarden Dollar an naturschädlichen Subventionen pro Jahr etwa für Öl, Gas und Kohle. Foto: Charlie Neibergall/AP
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Raffinerie im US-Bundesstaat North Dakota. Der IPBES-Bericht verzeichnet Hunderte Milliarden Dollar an naturschädlichen Subventionen pro Jahr etwa für Öl, Gas und Kohle. Foto: Charlie Neibergall/AP
Menschenmenge in Indien. Zahlreiche der im IPBES-Bericht aufgelisteten Entwicklungen hängen eng mit dem rasanten Wachstum der Weltbevölkerung zusammen. Foto: Channi Anand/AP
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Menschenmenge in Indien. Zahlreiche der im IPBES-Bericht aufgelisteten Entwicklungen hängen eng mit dem rasanten Wachstum der Weltbevölkerung zusammen. Foto: Channi Anand/AP
Ein Mähdrescher erntet auf einem Feld in Bayern Weizen. Foto: Lino Mirgeler
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Ein Mähdrescher erntet auf einem Feld in Bayern Weizen. Foto: Lino Mirgeler
Laut IPBES sind rund ein Drittel der Fischbestände überfischt. Foto: DB Gavin Newman/GREENPEACE_INTERNATIONAL
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Laut IPBES sind rund ein Drittel der Fischbestände überfischt. Foto: DB Gavin Newman/GREENPEACE_INTERNATIONAL
Eine riesige braune Ödfläche, wo einst üppiger Tropenwald wuchs, sind rund um Pekanbaru auf der indonesischen Insel Sumatra zu sehen. Foto: Christiane Oelrich
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Eine riesige braune Ödfläche, wo einst üppiger Tropenwald wuchs, sind rund um Pekanbaru auf der indonesischen Insel Sumatra zu sehen. Foto: Christiane Oelrich

Dramatischer Weltbericht

In rasendem Tempo: Eine Million Arten vom Aussterben bedroht

Ein Weltbericht zum Zustand der Natur liefert bedrückende Zahlen. Immer rasanter zerstört die Menschheit die Artenvielfalt - und damit den Ast, auf dem sie sitzt. Ein anderes Finanz- und Wirtschaftssystem sei nötig, um das Steuer noch herumzureißen, mahnen die Autoren.

Paris (dpa) - Bis zu eine Million Tier- und Pflanzenarten sind einem umfassenden Weltbericht zufolge vom Aussterben bedroht. Das Ausmaß des Artensterbens sei in der Geschichte der Menschheit noch nie so groß gewesen, warnte der Biologe Josef Settele.

Er ist einer der drei Hauptautoren des in Paris vom Weltbiodiversitätsrat (IPBES) vorgestellten Berichts. Die Menschheit lasse die Natur in rasendem Tempo von der Erde verschwinden. Derzeit gibt es dem Report zufolge noch geschätzt acht Millionen Tier- und Pflanzenarten.

"Wir erodieren global die eigentliche Basis unserer Volkswirtschaften, Lebensgrundlagen, Nahrungsmittelsicherheit und Lebensqualität", erklärte der IPBES-Vorsitzende Robert Watson. An den unzähligen Leistungen der Natur klebt kein Preisschild - doch ihr Wert ist immens, für die Ernährung der Menschheit ebenso wie für sauberes Wasser, saubere Luft, Rohstoffe, in der Medizin verwendete Substanzen und vieles mehr.

"Artenvielfalt ist wichtig für das menschliche Wohlergehen", betonte Watson. Drei Viertel der Naturräume auf den Kontinenten seien vom Menschen bereits erheblich verändert, in den Meeren zwei Drittel, heißt es im IPBES-Bericht. Gravierende Folgen für Menschen weltweit seien inzwischen wahrscheinlich. Daher dürfe nicht länger wirtschaftliches Wachstum im Fokus der Weltgemeinschaft stehen, mahnen die Autoren. Neue, nachhaltige Finanz- und Wirtschaftssysteme seien nötig.

In Deutschland stehe vor allem die Landwirtschaft in der Pflicht, sagte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) am Rande eines Treffens von G7-Umweltministern im französischen Metz. Es gehe um nichts Geringeres "als darum, dass wir auf dieser Erde überleben". Wie beim Klimaschutz werde es ein "weltweites Abkommen" brauchen, um das Artensterben zu bremsen, erklärte Schulze.

Die G7-Umweltminister verabschiedeten auf ihrem Vorbereitungstreffen für den G7-Gipfel im Sommer eine "Charta von Metz zur Artenvielfalt". Darin verpflichteten sich die sieben großen Industrienationen am Montag, die Zerstörung der biologischen Vielfalt mit konkreten Maßnahmen zu bekämpfen. Der IPBES-Bericht diene als wissenschaftliche Grundlage, hieß es. Die Charta sei ein "Wendepunkt bei der Mobilisierung der anwesenden Staaten zur Erhaltung der Biodiversität".

Von den IPBES-Autoren hieß es, auch jeder Einzelne könne mit seinem Handeln und Konsumverhalten Druck auf Regierungen und die Wirtschaft ausüben, um einen echten Wandel herbeizuführen. "Wir haben den Kampf noch nicht verloren", sagte die Argentinierin Sandra Díaz. Der Bericht sei auch eine "Botschaft der Hoffnung": Mit dem gesammelten Wissen könne etwas gegen die Zerstörung der Artenvielfalt getan werden. Díaz, Ökologin an der Nationalen Universität Córdoba, ist neben Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle und dem brasilianischen Anthropologen Eduardo Brondízio Hauptautorin des IPBES-Berichts.

In den meisten Lebensräumen auf dem Land ist der Analyse zufolge die Zahl dort natürlich vorkommender Arten im Mittel um mindestens 20 Prozent geschwunden, zumeist seit 1900. Mehr als 40 Prozent der Amphibienarten, fast 33 Prozent der riffbildenden Korallen und mehr als ein Drittel aller marinen Säugetierspezies sind bedroht.

Zahlreiche der im Bericht aufgelisteten Entwicklungen hängen eng mit dem rasanten Wachstum der Weltbevölkerung und dem zunehmenden Konsum zusammen. So haben sich die landwirtschaftlichen Ernteerträge seit 1970 vervierfacht. Der Holzeinschlag ist um fast 50 Prozent gestiegen. 60 Milliarden Tonnen erneuerbare und nicht erneuerbare Rohstoffe und Ressourcen werden jährlich abgebaut, fast doppelt so viele wie noch 1980. Die mit Städten bebaute Gesamtfläche ist mehr als doppelt so groß wie noch 1992.

Ein ähnlicher globaler Check war zuletzt vor 14 Jahren präsentiert worden. Für die Neuauflage trugen 145 Autoren aus 50 Ländern drei Jahre lang Wissen aus etwa 15.000 Studien und anderen Dokumenten zusammen. Delegierte der 132 IPBES-Mitgliedsstaaten hatten in der vergangenen Woche in Paris über die genauen Formulierungen der Zusammenfassung debattiert. Das nun vorgestellte Papier enthält die Kernpunkte einer umfassenden Analyse, die erst später veröffentlich wird.

Ähnlich den Papieren des Weltrats IPCC für den Klimawandel soll der Artenvielfalt-Bericht einen international akzeptierten Sachstand zur Lage und zu möglichen Lösungen schaffen. Er ist eine Grundlage unter anderem für die Weltartenschutzkonferenz 2020 in China, wo Eckpunkte für den künftigen Artenschutz festgelegt werden sollen. Mitautor Jens Jetzkowitz von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg sagte: "Dass keine gesicherten Erkenntnisse über den globalen Zustand der biologischen Vielfalt, die direkten und indirekten Ursachen für das derzeitige Massenartensterben und über Alternativen bestünden, kann fortan niemand mehr behaupten."

Der Weltrat für Biologische Vielfalt (Weltbiodiversitätsrat) wurde offiziell im April 2012 auf UN-Ebene gegründet. Sein Sekretariat hat seinen Sitz in Bonn. Genau wie der Weltklimarat IPCC fungiert er als wissenschaftliches Beratergremium für die Politik und erstellt dazu umfassende Berichte. Derzeit gibt es 132 Mitgliedsländer.

Kernaufgabe ist die unabhängige Bestandsaufnahme der biologischen Vielfalt sowie ihrer Gefährdung und Zerstörung. Betrachtet werden auch Ökosystemleistungen wie die Blütenbestäubung. Die Mitgliedsstaaten und -organisationen nominieren für die Berichte zeitlich befristete Autorenteams aus Forschern und weiteren Experten. Der offizielle Name des Gremiums lautet IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services). Ebenso wie für das Klima wurde auf dem Erdgipfel von Rio de Janeiro 1992 auch für die biologische Vielfalt eine UN-Konvention vereinbart.

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