Herbststimmung in Berlin: Von Weitem schaut die Stadt eigentlich ganz schön aus. Aber die Einheimischen haben es nicht leicht mit ihr – an manchen Tagen regiert hier das Chaos
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Herbststimmung in Berlin: Von Weitem schaut die Stadt eigentlich ganz schön aus. Aber die Einheimischen haben es nicht leicht mit ihr – an manchen Tagen regiert hier das Chaos.

Nichts geht mehr an der Spree

Berlin – Hauptstadt der Pannen: Warum es in der Metropole so große Probleme gibt

  • VonWolfgang Mulke
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Flughafen-Desaster, Wahl-Chaos, Alltags-Katastrophen und Hertha-Krise: in Berlin ist gerade der Wurm drin. Geschichte über eine Metropole am Rande des Wahnsinns.

Berlin – Bescheidenheit und Demut gehören fraglos nicht zu den Eigenschaften, die Berlinern zugerechnet werden. So soll der frühere Regierende Bürgermeister Klaus Schütz mal Folgendes gesagt haben: „Wenn Berlin Berge hätte, wären sie höher als die Alpen.“

Auch Fehlleistungen geben die Stadtoberen nicht gerne zu. Klaus Wowereit konterte im eisigen Winter 2010 den Vorschlag einer Reporterin, das Technische Hilfswerk könne der Stadt bei der Räumung von Eisflächen vielleicht helfen, mit der Feststellung: „Wir sind hier nicht in Haiti.“ Draußen rutschten seine Bürgerinnen und Bürger derweil reihenweise aus und viele brachen sich dabei den ein oder anderen Knochen. Chaotische Zustände sind ein Dauerbrenner in der Hauptstadt. Das hat sich auch 2021 nicht geändert. Man hat sogar das Gefühl, dass es immer schlimmer wird. Ein kleiner Überblick über aktuelle Pleiten, Pechsträhnen und Pannen.

Berliner Flughafen BER: Wer fliegt, der braucht viel Zeit

Die Lufthansa informierte ihre Kunden kurzzeitig mit einem rekordverdächtigen Hinweis auf mögliche Verzögerungen bei der Abfertigung. Die Fluggäste sollten bitte 240 Minuten, also vier Stunden vor dem Abflug, am Airport erscheinen.

Das war eine Reaktion auf das Chaos zu Beginn der Herbstferien an der Spree. Der neue Flughafen zeigte sich schon beim ersten größeren Andrang überlastet. Es gab lange Schlangen an den Check-in-Schaltern und stundenlange Wartezeiten. Manche Passagiere schafften es trotz früher Ankunft nicht rechtzeitig zu ihrem Flieger.

Die Flughafengesellschaft weist alle Schuld von sich. Der Check-in sei Sache der Airlines. Doch die Gewerkschaft Verdi spricht von eklatantem Personalmangel. Jeder vierte Beschäftigte am Boden habe in der Pandemie gekündigt und noch immer gebe es Kurzarbeit. Ein altes Gutachten aus dem Jahr 2012 hat jedoch schon vorausgesehen, dass der Flughafen zwar schön, aber nicht praxistauglich geplant worden sei. Nach den jahrelangen Verzögerungen beim Bau des Flughafens erweist sich diese Prognose wohl als zutreffend.

Berlin im Wahllokal: Hilfe, die Stimmzettel fehlen!

Wählen war Ende September eine anstrengende Angelegenheit für die Berliner. Denn zugleich fand der jährliche Marathon statt, für den über Stunden weite Teile der Innenstadt abgesperrt werden. Vielleicht lag es daran, dass in einigen Wahllokalen die Stimmzettel fehlten und nicht schnell genug nachgeliefert werden konnten. So bildeten sich auch hier lange Schlangen. Mancherorts waren sie so lang, dass Wähler wieder nach Hause gingen oder erst lange nach der vorgesehenen Schließung um 18 Uhr drankamen. Versehentlich landeten auch Wahlzettel im falschen Bezirk.

Innensenator Andreas Geisel berichtet von Schwierigkeiten in 100 der über 2200 Wahllokale. Damit nicht genug, fielen die ersten Ergebnisse der Wahl vielerorts identisch aus. Sie wurden zunächst einfach nur geschätzt. Immerhin wurden die Stimmzettel für die Bundestagswahl und die gleichzeitige Wahl zum Abgeordnetenhaus auch noch wirklich gezählt. An der Mandatsverteilung ändern die vielen Unstimmigkeiten laut Senat nichts. Das Wahlchaos sei das „i-Tüpfelchen auf einem allgemeinen Verwaltungsversagen“, kritisiert der frühere Bausenator Wolfgang Nagel in einer Art Abrechnung den bisherigen Landeschef Michael Müller.

Inzwischen hat die Landeswahlleitung angekündigt, Einspruch gegen die Ergebnisse der Wahl zum Abgeordnetenhaus am 26. September einzulegen. Die Begründung: In den beiden Wahlkreisen Charlottenburg-Wilmersdorf und Marzahn-Hellersdorf soll es zu schwerwiegenden Wahlrechtsverstößen gekommen sein. Inzwischen ist bekannt, dass es sogar in 207 Wahllokalen Unregelmäßigkeiten gab. „Das ist eine Zahl, die uns alle erschrecken muss und auch ärgern muss“, sagte die Landeswahlleiterin gestern.

Berlin: Bürgerämter in der deutschen Hauptstadt? 250.000 Termine im Rückstand

Dieses Versagen bekommen die Berliner bei vielen Amtsangelegenheiten zu spüren. Abenteuerlich wird schon die Verlängerung der Ausweispapiere beim Bürgeramt. Eigentlich soll die Terminbuchung online funktionieren. Doch wer das Buchungsportal besucht, erlebt oft eine Enttäuschung. Freie Termine sind Mangelware. Im vergangenen Sommer wurde bekannt, dass pandemiebedingt ein Rückstau von rund 250 000 Terminen aufgelaufen ist. Oft werden die Bürger statt im Rathaus ihres Bezirks nur weit entfernt bei einem Bürgeramt fündig. Mit Neueinstellungen, so versprechen es einige Bezirke, sollen die Kapazitäten erhöht werden. Daran zweifelt Verdi-Sprecher Andreas Splanemann. „Leider gibt es für den öffentlichen Dienst in Berlin bis heute keine zentrale Personalentwicklungsplanung“, klagt er, „Warnungen vor dem drohenden altersbedingten Personalrückgang verhallten ungehört.“

Berliner Bildungssystem: An den Schulen flüchten viele Lehrer

Der Personalmangel betrifft auch die Schulen. Es fehlen an allen Ecken Lehrer. Die Lage ist so schlimm, dass Berlin auf Quereinsteiger setzt, die in einem kurzen Referendariat auf den Schuldienst getrimmt werden. Insbesondere an Brennpunktschulen werden diese Kräfte dann eingesetzt. In diesem Schuljahr hat die Hälfte der neu eingestellten Lehrer keine reguläre Ausbildung. Ein Grund könnte darin bestehen, dass Berlin als einziges Bundesland keine Lehrer verbeamtet. Viele Pädagogen ziehen deshalb nach Brandenburg oder gleich in entferntere Bundesländer, die mehr bezahlen.

Wohnen in Berlin: Ein Flop namens Mietendeckel

Nicht an jeder Misere ist die Landesregierung schuld. In einigen Stadtquartieren steigen die Mieten so stark wie nirgendwo sonst in Deutschland. Die Preise haben Höhen erreicht, die zur Vertreibung der angestammten Kiezbewohner führen. Es rächt sich, dass die Stadt einen großen Teil ihres Wohnungsbestands 2004 privatisierte. Fast 70 000 Wohnungen gingen an das Unternehmen Deutsche Wohnen. Heute fordert ein von der Mehrheit der Wähler bestätigtes Volksbegehren die Enteignung dieses Bestandes. Dazu wird es wohl nicht kommen. Das Ergebnis des Volksbegehrens ist für den Senat nicht verbindlich und die künftige Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey lehnt eine Enteignung ab. Die bisherige rot-rot-grüne Landesregierung wollte die Mietentwicklung mit einem Mietendeckel zwar stoppen. Doch das Gesetz geriet zu einem Flop. Das Bundesverfassungsgericht kassierte den Deckel, weil er nicht in die Landeskompetenz fällt.

Ein Trost: Zumindest ist die Immobilienblase hier nicht derart aufgeheizt, wie etwa in Frankfurt oder München.

Hertha BSC: Abstiegskampf in der Bundesliga statt „Big City Club“

Kaum ein Aushängeschild steht für die allerorten vorhandenen Unzulänglichkeiten wie der Fußballverein Hertha BSC. Anspruch und Wirklichkeit klaffen bei dem Bundesligisten weit auseinander. „Big City Club“ wollen die Herthaner sein, tatsächlich spielen die Kicker trotz ihres Millioneninvestors Lars Windhorst auch in diesem Jahr gegen den sportlichen Niedergang an. Manche Fans nehmen es mit Humor, so wie der Blogger „Tommy“. „Wenn man sich das dann mal so vorstellt, dass wir vielleicht wirklich eines Tages Erfolg haben könnten, dann merkt man schnell, dass einem eventuell etwas fehlen könnte“, übt er sich in Sarkasmus: „die Unzufriedenheit.“

Ein Ausblick: Noch gibt es Hoffnung für Berlin - Die positiven Gegenbeispiele

Die Mängelliste ließe sich noch fortsetzen. Immer wieder fallen S-Bahnen aus, die Kriminalität ist hoch, im Verkehr geht es aggressiv zu. Und doch läuft alles irgendwie – die Bewohner der Hauptstadt nehmen die meisten Probleme klaglos hin, selbst die langen Wartezeiten auf einen Termin im Bürgeramt. Die Gelassenheit ist nur zum Teil einer gewissen Lethargie geschuldet. Ein anderer Grund sind die Erfolge, die Berlin vorweisen kann. Die Wirtschaft boomt, das kulturelle Leben wird nach der Pandemie wieder auferstehen und es gibt selbst im Sport positive Gegenbeispiele zur Hertha, etwa der kleinere Club Union oder die Spitzenbasketballer von Alba Berlin.

Und ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass es dieses Nebeneinander von Erfolg und Versagen, von Arm und Reich an der Spree schon immer gab.

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