Mutter mit Kind
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Mütter sollten ihre Erschöpfung thematisieren dürfen, ohne dafür kritisiert zu werden.

Keine Chance dem Mutterhass

Berliner Autorin fordert erschöpfte Mütter auf: „Jammert öffentlich!“

  • Sven Barthel
    VonSven Barthel
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Das Ideal der Mutter, die immer zu Stelle sein hat, aber sich niemals über die Anstrengungen der Mutterschaft beklagen soll, ist der Berliner Autorin Lea Streisand noch immer viel zu präsent. Nun hat sie in einer Kolumne Mütter zum öffentlichen Jammern aufgerufen.

Berlin - „Heul doch!“, lautet hierzulande die Standardantwort Jugendlicher, wenn ihnen eine Beschwerde auf die Nerven geht. Jammern - das hat einen unschönen Beigeschmack. Es klingt nach Übertreibung, nach Drama. Wer will schon als jemand abgestempelt werden, der ständig jammert? Dann lieber schweigen.

Viele Mütter kennen das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden und behalten Unzufriedenheit und Überlastung lieber für sich. Beklagen sie öffentlich - im Freundeskreis oder auf Social Media - die Strapazen ihrer Mutterschaft, hallt es oft verständnislos zurück: „Du hast doch den ganzen Tag Zeit, bist den ganzen Tag Zuhause...“ So ein Echo kommt von der besten Freundin, den Eltern und manchmal vom eigenen Partner.

Auch die Berliner Journalistin Lea Streisand ist durch einen Twitter-Beitrag auf das Thema aufmerksam geworden, wie sie in ihrer Kolumne für die taz schreibt. Darin heißt es, dass Mütter weniger jammern sollte. In ihrer Kolumne berichtet Streisand auch über die sich an den Tweet anschließende Debatte, deren Tenor lautete: „Im Krieg, in der DDR, im Senegal hätten die Frauen es viel schwerer (gehabt)“. „Eine Position, die vor allem von Ostfrauen gestützt wurde, die über westdeutsche Mittelschichtsmütter aus Prenzlauer Berg schimpfen“, schreibt Streisand.

Mütter-Bashing ist Frauenverachtung

Doch auch im Hier und Jetzt hat das Mütter-Bashing Konjunktur. Beispielhaft führt Streisand zahlreiche Schlagworte an, die auch ihre Tante immer schon vom Stapel gelassen habe: „Latte-macchiato-Mütter“*, „1.000-Euro-Kinderwagen“. Nach Ansicht der Tante, seien die Mütter „viel zu sichtbar, in allem was sie tun“, ob nun beim Stillen, beim Einkaufen oder im Park beim Sitzen auf der Bank. „Die gehen ja nicht mal arbeiten!“ Für ihre Nichte sind solche Aussagen eine Form des Mutterhasses - „die konsensfähigste Form der Frauenverachtung“.

Doch die Berliner Autorin mag da nicht einstimmen, hat stattdessen Verständnis für gestresste Mutter und gibt zu bedenken, dass der oft gehörte Satz „Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter!“ im weiteren Sinne auch bedeuten könnte, dass das Kind mit Fieber zu Hause im Bett liegt. Streisand findet, das Mütter heutzutage durchaus laut über ihre Erschöpfung sprechen sollen. Weg vom ewigen Ideal der „unsichtbaren Mutter“, die immerzu nur hilft, aber niemals klagt.

„Ich hab keinen Bock mehr, mir vorwerfen zu lassen, dass ich mit meinem Kind heute anders umgehe als Mütter in der DDR 1976. Ich hätte nur gerne halb so viele Betreuungsmöglichkeiten*, wie es damals gab“, schießt Streisand gegen notorische Mütter-Nörgler.

Sie sei „heilfroh, in einer Zeit zu leben, in der ein öffentlicher Diskurs über Erschöpfung möglich ist und nicht sofort als Jammern ins Private zurückdelegiert wird“. Eine Situation, die sie auch den Mütter-Generationen vor ihr gegönnt hätte. Und so fordert Streisand: „Also jammert, Mütter, jammert öffentlich!“ Denn: Jammern ist ein Privileg.“  *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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